20 Jean Tinguely und Claude Lalanne, Impasse Ronsin, ca. 1960, Foto: Hansjörg Stoecklin

Ab 16. Dezember 2020: Impasse Ronsin

Museum Tinguely | 16.12.2020 bis 05.04.2021

Die Impasse Ronsin war während über 100 Jahren im Pariser Montparnasse Quartier ein Ort der Künstler*innen, ein Platz der Kontemplation, der Begegnung, des Gesprächs und der Feier, der Innovation, Kreation und Destruktion. In der Impasse Ronsin wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Siedlung von Atelierbauten errichtet, die die bereits vorher existierenden Gebäude erweiterte und bis zu 35 Kunstschaffenden zeitgleich Platz bot. Ein breites Spektrum künstlerischen Schaffens versammelte sich: vom Bildhauer, der auf Denkmäler und repräsentative Staatsaufträge spezialisiert war, über den Hobbymaler bis zu den jungen Avantgardist*innen, die sich der Aktionskunst hingaben, war fast alles vertreten, was die damalige bildende Kunst zu bieten hatte. Ein Ort, der spätestens 1908 mit dem Fall Steinheil Berühmtheit erlangte. Der ungeklärte Doppelmord rückte die Impasse Ronsin in ein mystisches Licht. Nicht zuletzt nährte auch der prominenteste Vertreter der Siedlung, Constantin Brâncuși, der ein Enthusiast von leidenschaftlichen Affären und Affektmorden war, durch seine eigene Person und die Legenden, die sich um ihn rankten, das Magische der Impasse. Der Künstler lebte und arbeitete dort von 1916 bis zu seinem Tod 1957.

Kurzzeitbesucher wie Max Ernst oder Marcel Duchamp, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten jeweils etwa ein Jahr in der Impasse Ronsin arbeiteten, wurden genau so von diesem mystischen Ort angezogen wie etwa William Copley, Reginald Pollack oder James Metcalf, eine neue Generation von Amerikanern, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Sackgasse belebten. 1955 liess sich auch das Ehepaar Jean Tinguely und Eva Aeppli in der Impasse Ronsin nieder. In dem jungen Schweizer Künstler schwebte die Hoffnung mit, sich an diesem Ort einen Namen zu machen – was auch gelang. Doch ihre Beziehung hielt der Intensität des Lebens in der Impasse, der prekären Wohn- und Arbeitslage sowie der Erscheinung von Niki de Saint Phalle nicht stand: So schildert Daniel Spoerri, ein weiterer herausragender Schweizer in der Impasse Ronsin, wie Eva Aeppli für einen Besuch nach Basel zurückreisen musste und aus dem Fenster des anfahrenden Zuges rief: «Jean! Scheidung!» und Tinguely erwiderte mit einem lauten «Ja!».

Die Impasse Ronsin blieb bis zum endgültigen Abbruch der letzten Ateliers 1971 ein kosmopolitischer Ort. Diese erste Übersichtsausstellung, die der Impasse Ronsin gewidmet ist, macht Paris als Schmelztiegel der Kunst und als weltgewandte Kunststadt erfahrbar. In der Ausstellung wird eine Auswahl von etwa 60 Künstler*innen mit Werken, die alle in der Impasse Ronsin entstanden sind, präsentiert. Gleichzeitig wird ihre Geschichte anhand von Dokumenten und originalen Requisiten sowie einer an der Impasse Ronsin angelehnten Ausstellungsarchitektur erzählt, in der sich die Besucher*innen, flanierend den Morden, Liebesaffären und Kunst im Herzen von Paris hingeben können.

Die Ausstellung wird ko-kuratiert von Adrian Dannett und
Andres Pardey.

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