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Bruce Conner. Light out of Darkness

Bruce Conners (1933–2008) kritische Haltung zur Kunstwelt ist ebenso legendär wie sein Ruf als Vater des Videoclips. Er ist einer der herausragenden Künstler des 20. Jahrhunderts – ein ‹Artist’s Artist›. Die Ausstellung Bruce Conner. Light out of Darkness ist bis zum
28. November im Museum Tinguely zu sehen und stellt sein experimentelles filmisches Werk mit einer repräsentativen Auswahl von neun Filmen vor, darunter die Arbeit CROSSROADS (1976), die Filmmaterial des ersten US-Unterwasser-Atombombentests von 1946 beim Bikini-Atoll zu einer 36-minütigen Studie über Horror und Sublimität dieses apokalyptischen Ereignisses zusammenfügt. Sein Schaffen in unterschiedlichen Medien ist radikal und vielseitig, von berückender Schönheit und erschreckender Düsterheit, politisch, subversiv und von einer unmittelbaren sinnlichen Kraft, die unter die Haut geht. Viele seiner frühen Collagen, Assemblagen und Installationen sind nur selten zu sehen, weil sie – aus armen, ephemeren Materialien wie Nylon, Wachs oder verschlissenen Textilien zusammengefügt – hochfragil sind. Conners Haltung ist anarchistisch, geprägt von beissender Ironie, grenzenloser Dedikation und grösstmöglicher Ferne zum Kunstmarkt.

Bruce Conner, REPORT, 1963–1967 (Filmstill) 16mm, b/w, sound, 13 min. Sound: Extracts of The Assassination of John F. Kennedy: Four Days that Shocked the World (1963); published by Colpix Records; speaker: Reid Collins, WNEW Radio News Courtesy Kohn Gallery and Conner Family Trust © Conner Family TrustDie Ausstellung Light out of Darkness referiert auf ein nicht realisiertes Einzelausstellungsprojekt mit demselben Titel für das University Art Museum in Berkeley Mitte der 1980er-Jahre. Es scheiterte nicht zuletzt aufgrund von Conners Kompromisslosigkeit im Umgang mit Institutionen, die Regeln im Umgang mit Kunst und Künstler*innen aufstellen, die er nicht akzeptieren wollte. «Licht aus Dunkelheit» betont den experimentellen Charakter seines Filmschaffens, das besonders in den frühen Arbeiten einer fulminanten Befragung perzeptiver Möglichkeiten gleicht. Als symbolische Dualität steht Licht und Dunkelheit für das Denken des Künstlers in Gegensätzen, Metaphern und Mystizismen.

Die analoge 16mm-Filmtechnik basiert auf 24 Einzelbildern pro Sekunde, die beim Abspielen Bild für Bild belichtet werden. Erst die Trägheit der Wahrnehmung des menschlichen Auges generiert einen Fluss von Bewegtbildern. Conners experimentelles Filmschaffen bewegt sich im Spielfeld zwischen den Möglichkeiten der retinalen Wahrnehmung, einem rhythmisch strukturierten Bilderfluss im Zusammenspiel mit Musik, und der medienkritischen Frage, wie Sinn und Unsinn durch Bild und Ton generiert und manipuliert werden können.

Seinen ersten Film A MOVIE (1958) collagiert Conner mit einem Produktionsbudget von drei US-Dollar aus ‹found footage› von Nachrichtensendungen, B-Movies und filmtechnischer Grafik. Mit diesem radikalen Filmexperiment de- und rekonstruiert er Techniken des Filmschaffens und des Storytellings und lotet gleichzeitig die Grenzen des Wahrnehmbaren durch Effekte der Überreizung, Blendung, Überblendung und der Verwendung von Nachbild-Effekten aus. A MOVIE verknüpft einen Überschuss an dramatischen Filmhöhepunkten zu einer neuen, offenen und mehrfach lesbaren Abfolge von Handlungen ohne Anfang und Ende – zu einem ‹Méta-Film›. Mit dem ebenfalls gezeigten Film REPORT (1963–67) kritisiert Conner die sensationsgierige mediale Aufbereitung des Attentats auf John F. Kennedy, während die zwei Versionen von LOOKING FOR MUSH-ROOMS (1959–67 und 1959–67/1996) psychedelische Erfahrungen als kaleidoskopartige Bilderkaskaden visualisieren.

Bruce Conner, A MOVIE, 1958 (Filmstill) 16mm, b/w, sound, 12 min. Music: ‘The Pines of the Villa Borghese’, ‘Pines Near a Catacomb’ and ‘The Pines of the Appian Way’, movements from Pines of Rome (Pini di Roma) (1923–24), composed by Ottorino Respighi, performed by the NBC Symphony, conducted by Arturo Toscanini Courtesy Kohn Gallery and Conner Family Trust ​​​​​​​© Conner Family Trust
Bruce Conner, A MOVIE, 1958 (Filmstill) 16mm, b/w, sound, 12 min. Music: ‘The Pines of the Villa Borghese’, ‘Pines Near a Catacomb’ and ‘The Pines of the Appian Way’, movements from Pines of Rome (Pini di Roma) (1923–24), composed by Ottorino Respighi, performed by the NBC Symphony, conducted by Arturo Toscanini Courtesy Kohn Gallery and Conner Family Trust ​​​​​​​© Conner Family Trust

Mit CROSSROADS (1976) gelingt es Conner, Aufzeichnungen der zweiten, «Baker» genannten Explosion zu erhalten, die in den National Archives unter Verschluss gehalten wurden. Mit ihnen ist nicht nur ein Bild des atomaren Horrors verknüpft, sondern auch vorher ungesehene, hochästhetische Phänomene visualisierter elementarer physikalischer Wucht. In diesen Bildern findet Conner das Erhabene und visuelle Exuberanz, mit denen er – ohne sie weiter zu bearbeiten – durch Wiederholung und Aneinanderreihung einen dramatischen Film schaffen kann. Ähnlich geht Conner in den zwei Filmen TAKE THE 5:10 TO DREAMLAND (1977) und VALSE TRISTE (1978) vor, die kontemplative, sinnliche und persönliche Erfahrungswelten  vorstellen.

Seine wichtige Vorreiterrolle als Vater des Music-Clips, wie er durch MTV popularisiert wurde, zeigt zum Beispiel MEA CULPA (1981), ein Meisterwerk des visuellen Samplings. Conner fokussiert sich auf das Recycling historischer Grafik-Animationen von Physik-Lehrfilmen. Über dem sich wiederholenden «Basso Continuo» von Darstellungen des elektrischen Stromflusses und der Visualisierung thermodynamischer Effekte illustriert er den pulsierenden Rhythmus des Musikstücks mit Polaritäten zwischen Schwarz und Weiss, sich fortpflanzenden Bewegungen durch kollidierende Punkte und Körper, und stroboskopischen visuellen Attacken. Die Initiative für die Zusammenarbeit ging von David Byrne aus, der von Conners Filmen seit seiner Studienzeit begeistert war. In der experimentellen Kooperation von Byrne und Brian Eno für das Album My Life in the Bush of Ghosts verwendeten die zwei Musiker ausschliesslich vorgefundene Stimm-Samples. Die Nähe zu musikalischen Parametern und zu befreundeten Musikern und Komponisten prägte Conners Schaffen nicht nur in Musikfilmen wie MEA CULPA oder MONGOLOID (1978).

Olafur Eliasson – LIFE

«Ich habe im Laufe der Jahre mehr und mehr Interesse
dafür entwickelt, das Leben nicht aus einer menschen-
zentrierten, sondern aus einer breit angelegten,
biozentrischen Perspektive zu betrachten […].
 Life, mein Kunstwerk, und die Fondation Beyeler
sind mit dem umliegenden Park, der Stadtlandschaft,
ja dem ganzen Planeten verwoben, und sie werden
durch alles und alle, die hier aufeinandertreffen,
zum Leben erweckt.» Olafur Eliasson

Tree Connections

Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G | bis 11.07.2021

Die vielfältige Auseinandersetzung der Kunst mit dem Thema Natur und insbesondere dem Baum als Stellvertreter, ist Thema der von Klaus Littmann kuratierten Ausstellung in der Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G. Gezeigt werden rund 75 Werke von 45 internationalen Künstler*innen, die sich in allen Darstellungs- und Kunstformen dem Baum und seiner Bedeutung für Mensch und Umwelt widmen. 

Vom 19. Jh. bis heute

Zu sehen sind unter anderem Reliefs von Hans Arp, Skulpturen von Günther Uecker, Stephan Balkenhol, Tony Cragg und Hermann Scherer, Projektzeichnungen von Christo, Objekte von Meret Oppenheim und Sol LeWitt, Arbeiten von Tadashi Kawamata, Installationen von Daniel Roth, Jannis Kounellis oder Michael Sailstorfer und immer wieder Arbeiten von Joseph Beuys, zu dessen Schülern Klaus Littmann in den 70er-Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie gehörte. 

Kunst und Kulturkritik

Anonym, Komposition mit morschem Baumstamm, ca. 1820. Foto: Serge Hasenböhler
Anonym, Komposition mit morschem Baumstamm, ca. 1820

Nicht zufällig sind die ältesten, in der Ausstellung gezeigten und datierten Werke, im 19. Jahrhundert entstanden. Denn in einer Zeit, in welcher die Industrialisierung Luft, Böden und Gewässer nachhaltig schädigte, formte sich auch eine Naturschutzbewegung. Dazu gehörten Förster, Naturwissenschaftler, Völkerkundler und Philosophen, deren Kulturkritik sich auch in der Kunst niederschlug. Sehr schön belegen dies die Bilder des Schweizers und Diday-Schülers  Alexandre Calame sowie des Landschaftsmalers Christian Friedrich Gille. Sie dokumentieren, wie der Baum im 19. Jahrhundert von blosser Staffage zum Hauptakteur wurde. 

Öffentliche Erstausstellung

Viele der Werke sind noch nie öffentlich präsentiert oder ausgestellt worden, einige wenige sind speziell für Tree Connections entstanden. Alle gemeinsam sind Leihgaben, fast ausschliesslich aus Schweizer Privatsammlungen und hauptsächlich aus der Region. Ein bewusster Entscheid von Klaus Littmann, denn so war es möglich, die Kunsttransporte möglichst CO2-neutral zu halten und zeitgleich aufzeigen zu können, dass grosse Kunsterlebnisse nicht immer lange Reisen oder Transporte erfordern. Das Schaffen der ausgestellten Künstler*innen ist so breit und divers, dass sich Ausstellungen nicht immer auf das eine ikonische Werk konzentrieren müssen. Es erfordert unter Umständen mehr Zeit, Energie und Wissen, aber wer darüber verfügt, der findet in jedem Land und in fast allen Regionen ein interessantes, eventuell noch unbekanntes Werk der gesuchten Künstler*innen.

Kultur als kostenloses Angebot

Begleitet und festgehalten wird die Ausstellung durch einen reichhaltig gestalteten Katalog, erschienen im Hatje Cantz Verlag, mit Essays des Kunstkritikers und Kurators John McDonald sowie der Kunsthistoriker*innen Florian Illies und Isabel Zürcher. Katalog sowie Eintritt sind wie bei allen Projekten der Kulturstiftung Basel H. Geiger | KBH.G kostenlos.

Deutsches Design 1949–1989 – Zwei Länder, eine Geschichte

Vitra Design Museum | bis 05.09.2021

Geprägt durch Bauhaus und Werkbund, erlangte das deutsche Design zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweite Bedeutung. Mit der deutschen Teilung ab 1949 entwickelten sich Design und Alltagskultur auf beiden Seiten der Grenze getrennt weiter – im Westen als Motor des «Wirtschaftswunders», im Osten als Teil sozialistischer Planwirtschaft. Mehr als 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer präsentiert das Vitra Design Museum vom 20. März bis 5. September 2021 die erste grosse Gesamtschau über das deutsch-deutsche Design der Nachkriegszeit. Die Ausstellung Deutsches Design 1949–1989. Zwei Länder, eine Geschichte stellt das Design der damaligen DDR und BRD vergleichend gegenüber und verdeutlicht dabei ideologische und gestalterische Unterschiede ebenso wie Parallelen und Querbezüge, die Ost und West verbanden. Die Exponate reichen von ikonischen Möbeln und Leuchten über Grafik, Industriedesign und Inneneinrichtung bis hin zu Mode, Textilien und Schmuck.

A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be

Kunstmuseum Basel | 05.06.2021 – 26.09.2021

Zum ersten Mal zeigt Kara Walker (* 1969) Hunderte von Zeichnungen, die sie in den letzten 28 Jahren im Atelier unter Verschluss gehalten hat. In der ersten umfassenden Soloausstellung auf Schweizer Boden präsentiert das Kunstmuseum Basel diesen bisher nie gezeigten Korpus zusammen mit brandneuen Arbeiten
der weltbekannten Amerikanerin.

Zu Beginn der 1990er Jahre fällte Kara Walker als Master-
Studentin an der Rhode Island School of Design in Providence (RI, USA) zwei programmatische Entscheidungen: In ihrer Kunst wollte sie nun konsequent die Perspektive als Schwarze und als Frau einnehmen: «Alles ist eine schwarze Frau. Das war die Absicht.» Die Akzeptanz der eigenen Herkunft und der – subjektiven – Grenzen, die damit einhergehen, machte sie zu ihrer Stärke. Diese Haltung öffnete ihr den Blick auf die Geschichte des Kolonialismus, auf die Idee «Amerika» und natürlich die Sklaverei; indes nicht nur auf die Geschichte und ihre Bilder, sondern vor allem auf die paradoxen und widersprüchlichen Mechanismen von Machtstrukturen und deren Folgen bis heute. Das Akzeptieren des Selbst, und damit auch das Fragen nach der eigenen Identität, hatte Folgen für Walkers künstlerische Praxis und prägte die dritte grundlegende Entscheidung, das Aufgeben der Malerei. 

Kara Walker, A Shocking Declaration of Independence, 2018 © Kara Walker; Collection: Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett © Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett
Kara Walker, A Shocking Declaration of Independence, 2018

Die Malerei auf Leinwand verband sie mit einer patriarchalischen und Weissen Tradition, zu der sie weder gehören wollte noch konnte. Es blieben die Zeichnung, das Arbeiten auf Papier und die Suche nach einem pointiert «schwachen» Medium, das sie in den Silhouetten fand. Der Schattenriss hatte eine bürgerliche und weibliche Tradition und wurde im 19. Jahrhundert in den USA auch von Schwarzen praktiziert. Er gilt bis heute als kunsthandwerkliches Verfahren und bescheidene Kunstform. Walker kombinierte Scherenschnitte zu wandfüllenden Panoramen oder gar zu ganzen Cycloramen, panoramaartigen Rundbildern, die ebenfalls im 19. Jahrhundert zur Unterhaltung des Massenpublikums erfunden wurden. Das Zurückgreifen auf die Silhouetten war keine Kapitulation, kein Rückzug, sondern eine Art Befreiungsschlag, Abgrenzung und selbstermächtigende Geste gegenüber der Tradition der europäischen Malerei und der Rhetorik der amerikanischen Malerei des 20. Jahrhunderts. Zum ersten Mal öffnet Kara Walker nun die Türen zu ihrem persönlichen Archiv. Sie gibt damit den Blick frei auf eine überwältigende und spektakuläre Fülle von über 600 Werken auf Papier aus den letzten 28 Jahren, die im Kunstmuseum Basel erstmals in einer umfassenden Einzelpräsentation zu sehen sind. Skizzen, Studien, Collagen, Scherenschnitte, mehrere Meter lange Papierrollen und ausgearbeitete grössere Formate, tagebuchartige Notizen, mit Schreibmaschine auf Karteikarten getippte Gedanken und Traumaufzeichnungen sind genauso Teil des Archivs wie gesammelte Zeitungsausschnitte und Werbematerial. Hinzu kommen fünfzig grossformatige Werke aus den beiden letzten Jahren, die im Hinblick auf die Ausstellung entstanden sind. 

Kara Walker, Barack Obama as Othello «The Moor» With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019, The Joyner Giuffrida Collection, San Francisco, USA © Kara Walker, Foto: Jason Wyche
Kara Walker, Barack Obama as Othello «The Moor» With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019, The Joyner Giuffrida Collection, San Francisco, USA © Kara Walker, Foto: Jason Wyche

Angesichts der überbordenden Menge und Vielfalt des vorliegenden Materials wechseln sich beim Betrachten Faszination und Überforderung ab. Man könnte meinen, man ginge in der Ausstellung durch Walkers Atelier und zugleich durch ihre persönliche Geschichte. Die Diversität der ausgestellten Arbeiten, die nicht hierarchisch geordnet sind, gibt Einblick in Walkers Arbeitsweise. Beim Anblick der Werke stellt sich das Gefühl ein, der Künstlerin beim Zeichnen zuzuschauen. Viele Blätter haben den Charakter von Seiten aus Tage- oder Skizzenbüchern. Jeder Strich, jedes Wort hat eine berührende Unmittelbarkeit und Kraft. Humor und Wut, Freude und Frustration, Liebe und Hass, die ganze Palette an Emotionen kommt darin zum Ausdruck.

Die Spontaneität der Ausführung suggeriert ein Moment des Unaufschiebbaren, eines ungebändigten Bedürfnisses, sich auszudrücken und mitzuteilen. In einem Interview anlässlich einer Einzelausstellung im Metropolitan Arts Centre in Belfast 2014 beschrieb Walker diesen Impetus als «enormes Bedürfnis, weiter zu zeichnen, daraus beziehe ich meinen Wunsch, eine Künstlerin zu sein». Das Non-finito und die Ästhetik der Skizze sind auch Aspekte, die im Zusammenhang mit Walkers Identität als afroamerikanische Künstlerin verstanden werden können. Ihre zeichnerische Praxis impliziert das Unfertige, das Skizzierte, aber noch nicht Vollendete, einen Zustand des Dazwischen, den sie auch auf sich als Künstlerin und Mensch bezieht. Wiederholt äusserte Walker, dass sie sich den Rändern der Kunst oder der Gesellschaft zuzähle, dass eindeutige Identifikationen für sie nicht möglich seien, dass sie für afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler nicht Aktivistin genug und auch in den patriarchalischen Strukturen des Weissen Establishments nie richtig angekommen und damit so «unfertig» wie ihre Zeichnungen sei.

Für eine Künstlerin wie Walker, die ihre Identität nicht zementieren, sondern deren Entstehung und Veränderung verstehen und hinterfragen will, ist die Zeichnung mit ihrer «aufgeschobenen Potenzialität» – wie sie es nennt – das Medium, das den idealen Freiraum bietet. Die Künstlerin hat sich selbst zum «mangelhaften» Charakter der Zeichnung und ihrer vorbereitenden Rolle geäussert: Zeichnen ist ein Prozess, ein Tanz von Skeptizismus und Zuversicht. Vielleicht ist das Zeichnen die Vorbereitung für ein dauerhafteres Ziel oder Ereignis. Zeichnen bereitet den Weg für die Zukunft. Vielleicht ist es eine Meditation über sein eigenes mangelhaftes Sein, seine Existenz als eine Reihe spontaner Entscheidungen, aneinandergereiht und dann selektiv ausgelöscht. Vielleicht verharrt die Zeichnung im Schwebezustand der Möglichkeit, niemals ein «echtes Gemälde» zu sein, doch bestrebt, gleich zu sein, Bleistiftstrich für Bleistiftstrich. ◀

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Beitrag von Anita Haldemann, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin Kupferstichkabinett im Kunstmuseum Basel, im Katalog zur Ausstellung.

Editorial: Die Museen freuen sich auf Ihren Besuch!

Josef Helfenstein ist Direktor des Kunstmuseums Basel

Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde

Mit dem Sommer kommt nun eine Zeit, die wieder mehr Normalität verspricht. Nach langen Monaten, die wir hauptsächlich zuhause verbracht haben, zurückgeworfen auf das Private, dürfen wir nun wieder auf Begegnungen hoffen, und sei es vorerst nur im kleineren Rahmen. Für uns Kulturinstitutionen bedeutet das, dass wir unsere Anliegen und Inhalte endlich wieder mit einem grösseren, hoffentlich auch internationalen Publikum teilen können. Editorial: Die Museen freuen sich auf Ihren Besuch! weiterlesen

Schweizer Medienkunst – Pax Art Awards 2020

HeK – Haus der elektronischen Künste Basel | 09.06.2021 – 15.08.2021

Die Sommerausstellung im HeK präsentiert die Preisträger*innen der Pax Art Awards 2020, Monica Studer / Christoph van den Berg, Maria Guta und Simone C Niquille mit neuen Arbeiten. Mit den Preisen für digitale Kunst ehrt und fördert die Art Foundation Pax in Zusammenarbeit mit dem HeK medienspezifische Praktiken Schweizer Künstler*innen, deren Werke Medientechnologien nutzen oder die deren Auswirkungen reflektieren. Die drei Künstler*innen werden jeweils in Einzelausstellungen vorgestellt, die parallel zu sehen sind. Von Studer / van den Bergs fiktiven Welten, erschaffen im digitalen Raum, über Gutas Reflexionen über Identität und Selbstdarstellung in den sozialen Medien bis hin zu Niquilles spielerischen, aber kritischen Auseinandersetzung mit digitalen Datensätzen setzen sich die drei Schweizer Künstler*innen mit ebenso unterschiedlichen wie wichtigen Themen auseinander. Aus verschiedenen Perspektiven stellen sie aktuelle Fragen zu Gesellschaft und Technologie und erproben mögliche Zusammenhänge und Entwicklungen.

Das Künstlerduo Studer / van den Berg zeigt zwei Arbeiten, die zur Reihe der neuen Forschungsprojekte der FOWDIB (Foundation
Woodhead for Digital Consciousness) gehören, die in einer parodierend nachahmenden Form wissenschaftliche Fragestellungen digital inszenieren. Zum ersten Mal zu sehen ist die Installation An Entity of Unknown Status (2021). 

Die Künstlerin Maria Guta stellt häufig Mechanismen der Selbstdarstellung im digitalen Raum in den Fokus ihrer Arbeit. Sie kre-iert laufend neue Cyber-Identitäten, die sie sowohl konzipiert und kuratiert, als auch vor der Kamera präsentiert. Guta nutzt gezielt Social-Media-Kanäle und Formate aus der digitalen und webbasierten Pop-Kultur zur Inszenierung und Verhandlung von Rollen und Frauenbildern im Netz. Simone C Niquille untersucht in ihrer künstlerischen Praxis in einer spielerisch-kritischen Erkundung den Einfluss digitaler Werkzeuge auf unser heutiges Leben. Niquilles Thema ist, wie sie es ausdrückt, «die Digitalisierung der Biomasse», das heisst der zunehmende Einfluss des Digitalen auf unser räumliches Sein und unser körperliches Selbst. Durch technische Videodokumentationen, Design und Architekturwerbematerialien behandelt sie – immer auch mit einer Prise Humor und einer gleichzeitig kritischen Haltung – die Aufbereitung und Verwendung von Datensätzen und künstlicher Intelligenz im Alltag.

Online-Vernissage: Mittwoch, 9. Juni 2021, 18.00 h – mit den beteiligten Künstler*innen
Eröffnungstage: Vom 9.–13. Juni 2021 offeriert das HeK freien Eintritt in die Ausstellung täglich von 12.00 bis 18.00 h 

Editorial: Kunst ist …

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung Lois Weinberger – Debris Field. In dieser Ausstellungsreihe treten unterschiedliche Künstler*innen in Dialog mit Jean Tinguelys Mengele Totentanz.
Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely

Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde

Wir freuen uns sehr, unsere Türen wieder für Besucherinnen und Besucher zu öffnen. Kunst und Kultur leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Wohle aller – Kunst ist das Salz in der Suppe, das Schmiermittel und der Sand im Getriebe. Und manchmal darf sie auch die Kirsche auf der Torte sein. 

Editorial: Kunst ist … weiterlesen

Sophie Taeuber-Arp – Gelebte Abstraktion

Kunstmuseum Basel | 20.03.2021 – 20.06.2021

Die Autorin, Dr. Eva Reifert, ist Kuratorin für 19. Jahrhundert und Klassische Moderne am Kunstmuseum Basel und hat die hat die Ausstellung Kosmos Kubismus kuratiert.
Die Autorin, Dr. Eva Reifert, ist Kuratorin der
Ausstellung «Sophie Taeuber-Arp. Gelebte Abstraktion» am Kunstmuseum Basel.

Im Kunstmuseum Basel ist ab März eine Retrospektive von Sophie Taeuber-Arp mit dem Titel Gelebte Abstraktion zu sehen. Mit dieser Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art, New York, und der Tate Modern, London, entsteht, wird die Schweizer Künstlerin endlich dem internationalen Publikum vorgestellt.

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Mord, Liebe und Kunst im Herzen von Paris

Impasse Ronsin – Museum Tinguely – bis 9. Mai 2021

Adrian Dannatt ist Co-Kurator der Ausstellung

Von Adrian Dannatt

Was also ist die Impasse Ronsin? Hundert Jahre lang war diese Sackgasse im Pariser Montparnasse- Quartier die Heimat zahlreicher Künstler*innen, deren berühmtester Vertreter, Constantin Brâncuşi, von 1916 bis zu seinem Tod im Jahre 1957 hier lebte und arbeitete.
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Rodin / Arp in der Fondation Beyeler

Fondation Beyeler | 14.12.2020 bis 16.05.2021
bis 22. Januar 2021: sonntags geschlossen

Raphael Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler

Raphael Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler

Erstmals in einer Museumsausstellung trifft im Dialog zwischen Auguste Rodin (1840–1917) und Hans Arp (1886–1966) das bahnbrechende Schaffen des grossen Erneuerers der Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts auf das einflussreiche Werk eines Protagonisten der abstrakten Skulptur des 20. Jahrhunderts. Beide Künstler zeichnet eine einzigartige künstlerische Innovationskraft und Experimentierfreude aus. Sie schufen Werke, die ihre Zeit stark geprägt haben und bis heute aktuell geblieben sind.  Rodin / Arp in der Fondation Beyeler weiterlesen

Der Löwe hat Hunger … – Sammlungspräsentation

Ulf Küster, Kurator der Fondation Beyeler
Ulf Küster ist Kurator der Sammlungspräsentation
Der Löwe hat Hunger … in der Fondation Beyeler

Wie der Löwe, der sich in Henri Rousseaus Gemälde hungrig auf die Antilope wirft, verspüren auch wir in der Fondation Beyeler einen mächtigen Hunger – und zwar auf Kunst: Gerade in so schwierigen Zeiten wie diesen ist es schön, sich daran zu erinnern, wie aufregend und faszinierend Kunst ist. Die neue Sammlungspräsentation zeigt in acht Räumen eine Auswahl legendärer Gemälde und Skulpturen, allesamt Meisterwerke der klassischen Moderne oder der Gegenwartskunst. Endlich sind die ebenso ikonischen wie fragilen Scherenschnitte von Henri Matisse wieder zu sehen, darunter Nu bleu I, dessen Eleganz und Raumpräsenz einen immer wieder in Erstaunen versetzen. Zudem wird die Figurengruppe, die Alberto Giacometti Ende der 1950er-Jahre ursprünglich für die Chase Manhattan Plaza in New York konzipierte, gezeigt. Der Homme qui marche, lange Zeit auf der 100-Franken-Note abgebildet, ist Teil dieses Ensembles.

Wassily Kandinsky, Fuga, 1914, Fondation Beyeler
Wassily Kandinsky, Fuga, 1914, Fondation Beyeler

Darüber hinaus ist Louise Bourgeois, die mit Giacometti gut bekannt war und die den Skulpturbegriff erweiterte, indem sie das Unbewusste, wenn nicht sichtbar, so doch erfahrbar machte, ein eigener Raum gewidmet. Weitere Höhepunkte sind die Begegnung von Wassily Kandinsky und Paul Klee, deren aussergewöhnliche Freundschaft zum ersten Mal in der Fondation Beyeler in dieser Form gewürdigt wird. Drei sehr berührende Bilder, die Vincent van Gogh kurz vor seinem Tod malte, werden zusammen ausgestellt und treten in einen Dialog mit Werken von Paul Cézanne und Edward Hopper. Auf den Abstrakten Expressionismus richtet sich der Fokus in einem weiteren Raum, in dem Werke von Willem de Kooning, Clyfford Still und Sam Francis sowie ein grossformatiges Gemälde von Joan Mitchell präsentiert werden. Zum ersten Mal zeigen wir eine der jüngsten Neuerwerbungen in der Sammlung der Fondation Beyeler: die bewegende Klanginstallation Seven Tears von Susan Philipsz, die sich auf die gleichnamige Komposition des Shakespeare-Zeitgenossen John Dowland bezieht und sich mit den – von Tränen begleiteten – Gemütszuständen zwischen grosser Freude und tiefer Trauer beschäftigt. Zu melancholisch? Mitnichten! Melancholie steht meist am Anfang von Kreativität, und die grossartigen Werke, die nun wieder in der Fondation Beyeler zu sehen sind, zeugen davon.