Archiv der Kategorie: Kunsthalle Basel

Deana Lawson – Centropy

Kunsthalle Basel | bis 11.10.2020

Deana Lawson folgt Fremden. Sie begegnet ihnen auf einem Feld in Jamaika, in einer brasilianischen Favela oder einem Kinderladen in der Bronx, und sie erkundet ihre Nachbarschaft oder be-reist die Welt auf den Spuren der afrikanischen Diaspora. Fasziniert von der Präsenz oder dem Stil von jemandem, von einem Körperschwung, einer Narbe im Gesicht oder einer Frisur, erkennt die in Rochester, USA, aufgewachsene Künstlerin in diesen Fremden etwas, das sie «gottähnliche Wesen» nennt.  Deana Lawson – Centropy weiterlesen

Kaari Upson – Go back the way you came

Kunsthalle Basel
30.08. – 10.11.2019

Von Sibylle Meier

Kaari Upson hat keine Scheu, sich dem Unnahbaren, dem Unvertrauten oder Unheimlichen zu nähern und sich mit eigenen oder fremden Traumata direkt zu konfrontieren. Die 1972 in San Bernardino (USA) geborene Amerikanerin ist gerade dabei, Europa für sich zu gewinnen. Sie stellt derzeit Ihre Arbeiten an der Biennale in Venedig aus und ist parallel zur aktuellen Schau in der Kunsthalle Basel demnächst auch im Kunstverein Hannover zu sehen – der Stadt, aus der ihre Mutter vor vielen Jahren nach Amerika ausgewandert ist.

Kaari Upson erläutert ihre Installation Mother's Legs, 2018-2019
Kaari Upson erläutert ihre Installation Mother’s Legs, 2018-2019

Ihrer Mutter begegnen die Besuchenden denn auch gleich im ersten Raum der Ausstellung in der Kunsthalle Basel; dann nämlich, wenn sie sich in einem merkwürdigen Wald aus baumelnden ‘Ast-Beinen’ wiederfinden, die den Weg in den Raum versperren. Mother’s Legs nennt die Künstlerin diese Arbeit, die eine Kombination aus bemalten und skalierten Latex-Abgüssen der Knie ihrer Mutter und ihrer eigenen sind und den Ästen des Hausbaumes aus Upsons Kindheit, den sie kurzerhand für ihre jüngsten Arbeiten fällen liess. Dieser Baum, eine Ponderosa-Kiefer, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung und musste auch deshalb weichen, weil San Bernardino regelmässig von Waldbränden und Erdbeben heimgesucht wird und eines Tages zur Bedrohung für Upsons Elternhaus hätte werden können. Die sorgfältig in Rosa- und Brauntönen bemalten Skulpturen, die sie, wie Upson betont, fast lieber als Malerei denn als Bildhauerei betrachtet, rufen Assoziationen an menschliche Haut, an Fleisch hervor. Die ‘Mutterbeine’ erinnern aber auch an unseren Ursprung, an unseren Weg durch den Körper einer uns eigentlich fremden Person.

Lücke zwischen Vertrautem und Fremden

Upson interessiert sich für die Lücke zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, zwischen Sicherheit und Unbehagen und sucht nach Wegen, diese Kluft zu überwinden. Dabei ist sie sich selbst ihr Untersuchungsgegenstand. Als Subjekt, was wörtlich das Zugrundeliegende heisst, nähert sie sich den Dingen, die sie umgeben und geprägt haben und übersetzt sie in eine Art materielle Psychologie. Jedoch meint Subjektivität bei Upson nicht einfach ‘Ich’. In ihren unheimlichen Filmen (A Place for a Snake oder Nightsplitter) zum Beispiel tritt sie oft als Double ihrer selbst auf oder lässt sich von einer Freundin, in Kaari-Upson-Schminke-und-Verkleidung, stellvertreten. Es gibt keine zuverlässige Erzählerin in ihren Werken.

Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht.
Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht.

Ihr intelligenter Umgang mit Material hat eine beeindruckende Präzision. Es ist, als ob sie Schichten aus der Vergangenheit löst und sie ins Jetzt herüberschleift. Dabei nimmt sie die Veränderungen, Spuren und Verluste, die durch diese Transformation entstehen, nicht nur mit, sondern heisst sie willkommen. Ihre Arbeit O-Snag (Titelbild) ist ein Versuch, das Gesicht ihrer Grossmutter aus der Erinnerung zu modellieren. Drei weitere Büsten gelten demselben Versuch, aber von einer Freundin Upsons ausgeführt. Die Büsten wurden abgegossen, skaliert und bemalt. Fehler in der Wiedergabe können in diesem Sinn nicht passieren, denn das Experimentieren mit Material bringt immer Dinge hervor, die nicht antizipiert werden können – und sollen.

Die Büsten sind unzuverlässige Abbilder einer Frau, die gleichzeitig eine Verwandte darstellen und eine komplett unbekannte Sie. In vielen hochtechnisierten Schritten entwickelt Upson ihre Skulpturen, welche den Spagat zwischen Vertrautem und Unheimlichen oder Vergangenem und Gegenwärtigem schaffen und deren sichtbare Spuren zu Zeugen dieser Transformation werden. Materialität wird zu einem Träger von Zeit, einer weiteren wichtigen Komponente in Upsons Werk. Nicht nur manifestiert sich Zeit in den Generationen, die sie aufruft, sondern z.B. auch in den überdimensionalen Pillendosen (DAY COFFIN, 2018-2019), welche die Zeit in eine Wochenration einteilen und die – schon wieder – den Übertritt zum letzten Raum erschweren.

Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht
Kaari Upson, Go Back The Way You Came, Installationsansicht

Dort befinden sich unter anderem Skulpturen aus Stamm oder Ästen der gefällten Kiefer oder Fragmente aus Upsons Elternhaus, alle abgegossen aus ihrem bevorzugtem Material: Latex. Ein Abguss aus Latex ist eine minutiöse Kopie. Er ist so etwas wie eine dreidimensionale Fotografie und könne, z.B. in der Forensik, selbst DNA-Spuren aufnehmen, so die Künstlerin. Ihre Abgüsse werden zu einer zweiten Haut der Dinge, die die Erfahrungen und Traumata der Künstlerin in sich aufnehmen und kraft ihrer eigenwilligen skulpturalen Sprache transzendiert werden.

Lynette Yiadom–Boakye – A Passion To A Principle

Lynette Yiadom–Boakye
A Passion To A Principle
bis 12.02.2017
Kunsthalle Basel

Die Ausstellung ist angefüllt mit Figuren, die einen direkt, ja fast schon herausfordernd anblicken. Andere stehen, die Arme in die Hüften gestemmt, und wenden den Blick ab, oder sie ruhen nachdenklich blickend in der weichen Umarmung eines Sofas oder einer Hängematte. Wieder andere halten extravagante Vögel (eine Eule auf einem, einen Pfau auf einem anderen Gemälde), so als ob dies ebenso selbstverständlich wäre wie das Halten einer Zeitung, oder sie breiten ihre Gliedmassen mit der Körperspannung durchtrainierter Tänzerinnen und Tänzer aus. Lynette Yiadom–Boakye – A Passion To A Principle weiterlesen

Erin Shirreff – sensible Studien zu Zeit und Raum

Erin Shirreff
Halves and Wholes
02.09.2016 – 06.11.2016
Kunsthalle Basel

Erin Shirreffs Ausstellung Halves and Wholes in der Kunsthalle Basel wird die bislang grösste Präsentation der in New York lebenden kanadischen Künstlerin in einer europäischen Institution sein. In Basel werden u.a. neue fotografische Arbeiten als auch ein Film in Form einer Doppelprojektion Premiere feiern. Der neue Film
Concrete Buildings (2013–16) beschäftigt sich essayistisch mit den weniger beachteten architektonischen Arbeiten des bekannten Minimal-Art-Künstlers Donald Judd, der vor allem als Maler und später als Bildhauer tätig war, aber ebenso als Kunstkritiker und Architekt. Besonders bekannt sind seine Aktivitäten in Marfa, Texas, USA, wo er 1987 die Chinati Foundation gründete. Erin Shirreff – sensible Studien zu Zeit und Raum weiterlesen

Anne Imhof – Performance, Malerei und Installation

Anne Imhof
Angst
10.06.2016 – 21.08.2016
Kunsthalle Basel

Anne Imhof (*1978) zeigt eine gewagte Neuproduktion, die ihr Interesse an Performance, Malerei und Installation mit Live-Elementen verbindet und sich innerhalb des Ausstellungszeitraums fortlaufend entwickelt. In der Kunsthalle Basel präsentiert Imhof den ersten Akt einer Art «Oper», die in verschiedene Akte gegliedert ist und ein Gefüge aus kryptisch choreografierten Gesten, einer abstrakten musikalischen Komposition und skulpturalen Elementen bildet. Anne Imhof – Performance, Malerei und Installation weiterlesen

Yngve Holen

Yngve Holen
VERTICALSEAT
bis 14.08.2016
Kunsthalle Basel

Der menschliche Körper, so wird oft gesagt, sei in Yngve Holens (*1982) Werk auffallend abwesend. Sein ganzes Œuvre jedoch ist durchzogen vom Einfluss des Körpers mit seiner Subjektivität, seinem Durcheinander und seinen Verflechtungen mit unserer auf Verbrauch ausgerichteten Kultur. Das zeigt sich in Holens beharrlicher Auseinandersetzung mit technologischen Entwicklungen, die unseren Alltag dominieren, vom Transportmittel über die Schönheitschirurgie hin zu Lebensmitteln. In seiner bislang grössten ins-titutionellen Ausstellung VERTICALSEAT stellt der norwegisch-deutsche Künstler eine Reihe an neuen Arbeiten vor, die genau diese Themen aufgreifen. Yngve Holen weiterlesen

Letzte Tage: Marina Pinsky – Dyed Channel

Marina Pinsky – Dyed Channel
Verlängert bis 17. April 2016
Kunsthalle Basel

Die Stadt Basel – der Rhein, ihre Architektur und Pharmaziegeschichte – dienen Marina Pinsky (*1986) als zentrales Thema, um für ihre erste institutionelle Ausstellung in der Schweiz, die auch ihre bislang grösste Einzelausstellung ist, eine traumähnliche Landschaft aus neuen Arbeiten zu schaffen. Die in Russland geborene und in Brüssel lebende Künstlerin verwendet historische Beispiele für Markenkennzeichnung, um die Politik, die hinter diesen Objekten und ihren Abbildungen steht, zu erforschen. In all ihren Arbeiten ist die Fotografie das entscheidende Instrument mit dem sie die Welt um sie herum einfängt. Pinsky entwickelt durch den Einsatz von Abgüssen, Dia-Shows und anderen Techniken der Reproduktion von Objekten und Bildern eine besondere Art der Fotografie, indem sie sich anderen Ausdrucksformen als den üblichen bedient. Unterstützt von der Israelitischen Gemeinde Basel.

Sam Lewitt: Wärme statt Licht – sinnlich erlebbar.

Sam Lewitt
More Heat Than Light
01.04.2016 – 29.05.2016
Kunsthalle Basel

Von Sibylle Meier, Basel

Was machen wir hier eigentlich? Mit dieser Frage begrüsst Elena Filipovic, die Leiterin der Kunsthalle Basel, die Journalisten zur Medienkonferenz der neuen Soloshow More Heat Than Light. Wer die Kunsthalle Basel regelmässig besucht, der ahnt die Antwort: Filipovic möchte die Diskussion anregen, indem sie „ihre“ Institution performativ bespielt, sie verändert und dadurch neue Perspektiven eröffnet.

Sam Lewitt, Weak Local Lineament (MHTL), 2016, detail, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger
Sam Lewitt, Weak Local Lineament (MHTL), 2016, detail, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger

Mit dem kalifornische Künstler Sam Lewitt gelingt ihr das hervorragend, denn Lewitt denkt über Institutionen nach. Seine aktuelle Ausstellung setzt eine Bedeutungsebene frei, die über die ästhetische Wahrnehmung hinaus auf die soziale und gesellschaftliche Bedeutung einer Kunsthalle hinweist. Lewitt arbeitet nicht gegen die Institution. Er möchte sie aber stören, indem er in das „System Kunsthalle“ eingreift.

Ein wichtiger Teil dieses Systems ist die Beleuchtungstechnik. Um Kunst ins beste Licht zu rücken, ist eine ausgeklügelte technische Infrastruktur notwendig. Hier setzt Lewitt sein subtiles Werk an: Er zweigt kurzerhand die gesamte Beleuchtungsenergie ab und wandelt sie in Wärme um. Er beschneidet einen Teil der Kunsthallen-Infrastruktur und lässt die umgeleitete Energie fühlbar werden. Damit rückt er die Institution selbst ins Zentrum der Wahrnehmung.

Für More Heat Than Light hat Sam Lewitt im Oberlichtsaal die Beleuchtungskörper entfernen lassen. Durch lange, von der Decke hängende Kabel fliesst der Strom nun in hauchdünne, auf dem Boden liegende Heizkreisläufe. Die abgegebene Wärme entspricht also genau der Menge Energie, welche die Kunsthalle sonst in ihre Beleuchtungs-Infrastruktur steckt. Aber anstatt die Energie zu nutzen um die Kunst zu beleuchten, hat sie Lewitt der Institution geraubt, um damit sein Werk zu versorgen. Wärme statt Licht – sinnlich erlebbar.

 

Sam Lewitt, Installationsansicht More Heat Than Light, Blick auf A Weak Local Lexicon (MHTL), 2016, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger. Courtesy Sam Lewitt und Pilar Corrias Gallery, London
Sam Lewitt, Installationsansicht More Heat Than Light, Blick auf A Weak Local Lexicon (MHTL), 2016, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger. Courtesy Sam Lewitt und Pilar Corrias Gallery, London

Lewitt gefällt die Vorstellung, dass seine Werke den Ort prägen können. Aber damit nicht genug. Lewitt setzt sich mit der Frage auseinander, wie Informationsflüsse, aber auch Kapitalflüsse verlaufen. Wer die grafisch gestalteten Heizelemente genau studiert, der findet dezent eingraviert Schlagworte wie „get connected“ (verbindet euch), „custom profiling“ (individuelle Profilierung) und andere mehr. Es sind dies Leitsätze aus unserer globalisierten, standardisierten und kapitalistischen Welt im 21. Jahrhundert. Mit ihrer Hilfe sollen unsere Systeme am Laufen, aber auch im Gleichgewicht gehalten werden. Systeme, die möglicherweise in einem unsichtbaren, prekären Gleichgewicht sind. Sie müssen cool bleiben, damit sie nicht überhitzen. Das ist es, was Lewitt interessiert. Nicht von ungefähr hat er sich deshalb für seine Heizelemente einer Technik bedient, die im Alltag dafür sorgt, dass die Temperaturregulierung in Systemen im Gleichgewicht bleibt.

Dass ein wirtschaftliches Gleichgewicht kippen kann, erleben wir immer wieder. Derzeit sind es die Panama-Papers, die ein Geldwäsche-System ins Wanken bringen. Vor ein paar Monaten war es der VW-Abgas-Skandal, der die Welt in Atem hielt. Lewitt spielt in seiner Ausstellung bewusst auf diesen Skandal an, indem er seine Heizbänder über Motorblöcke von VW legt. Damit möchte er auf die scheinbare reibungslose, aber eben doch nicht wasserdichte Kommunikation eines Konzernriesen hinweisen. Die Blöcke stehen ein bisschen schräg in dieser an sich stringenten Ausstellung. Der direkte Zusammenhang mit dem Konzept der Energieumleitung scheint ein bisschen weit her geholt. Vielleicht ist die Erwähnung eines solchen Skandals in der Soloshow marketingtechnisch gewinnbringender, als es für die Ausstellung an sich nötig gewesen wäre.

Bilder einer bunten, fröhlichen Museumsnacht 2016

Maryam Jafri – Generic Corner

Maryam Jafri
Generic Corner
28.08.2015 – 01.11.2015
Kunsthalle Basel

Maryam Jafris (*1972) künstlerische Praxis ist an der Schnittstelle zwischen Kulturanthropologie und Konzeptkunst angesiedelt. Eine neue Serie, welche die in Pakistan geborene Künstlerin neben älteren Arbeiten in ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz präsentiert, trägt den Titel Generic Corner (2015). Die der Recherche über sogenannte generische Lebensmittel und Haushaltsprodukte entsprungenen Arbeit, beschäftigt sich mit den Ende der 1970er Jahre in den USA aufkommenden Produkten ohne sichtbaren Markennamen. Diese wurden in weissen Behältnissen verkauft, auf denen lediglich in fettgedruckter schwarzer Schrift ihr jeweiliger Inhalt angegeben ist. Dahinter stand die Idee, dass die Hersteller die ersparten Ausgaben für Werbung und Produktgestaltung an die Konsumenten weitergeben sollten. Von allen grafischen Verzierungen befreit, wirken die Verpackungen so, als ob kein Design eingesetzt wurde, aber zugleich offenbaren die Verpackungen den künstlich kreierten Marketing-Hype, die Konzeptionierung von Begehrlichkeiten und die Erwartungen der Endverbraucher, die an die alltäglichen Gegenständen in unserer Umwelt geknüpft sind.

Weitreichend in den Schlussfolgerungen, ätzend im Biss und spielerisch im Umgang mit der eigenen Beziehung zur Inszenierung und Theatralik, thematisieren alle Arbeiten der Ausstellung Generic Corner auf unterschiedliche Art und Weise die Frage nach der alles bestimmenden Kommerzialisierung und Warenwerdung unseres täglichen Lebens durch den Kapitalismus, ob es unsere Lebensmittel, Urheberrechte oder gar das Begehren als Ware betrifft.

Die Ausstellung wird unterstützt von der Danish Arts Foundation.

Andra Ursuta – Whites

Andra Ursuta
Whites
04.09.2015 – 01.11.2015
Kunsthalle Basel

Andra Ursuta (*1979) verwendet eine breite Palette an Materialien für ihre Arbeiten welche oft auf prosaische Dinge wie Schaukeln, Stühle und Orte wie Übungsgelände oder Friseursalon verweisen, um daraus gespenstische Dinge zu erzeugen. Ihre Werke erscheinen wie aus einer Überlagerung von Angst, Melancholie und Nostalgie heraus entstanden zu sein, sind voller Dringlichkeit und haben einen Hauch von Endzeitstimmung inne. Alles scheint in den Händen der in Rumänien geborenen und in New York lebenden Künstlerin zu einer kraftvollen Form mit unleugbar dunklem Symbolismus zu finden. Für ihre Ausstellung Whites in der Kunsthalle Basel – ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz – bereitet Ursuta eine neue und umfassende Installation vor, die sich aus einer älteren Arbeit Broken Obelisk aus dem Jahr 2013 speist. Zurückkommend auf diese vage anthropomorphe Skulptur, kreiert sie eine grosse Familie von neuen, verwandten Figuren. Jede dieser unheimlichen, festgelegten Formen hat Augenhöhlen oder Nasenlöcher aus menschlichen Schädeln in eine glatte Oberfläche eingearbeitet und erinnert gleichzeitig an Barnett Newmans gleichnamiges Denkmal und an eine altersschwache, vermummte Gestalt. Über die gesamte Weite des Oberlichtsaals verteilt, verwandelt dieses Ensemble von neuen Skulpturen die Kunsthalle vorübergehend in eine geriatrische Klinik für die westliche Moderne.

Leonor Antunes – the last days in chimalistac

Leonor Antunes
the last days in chimalistac
22.09.2013 – 10.11.2013
Kunsthalle Basel

In the last days in chimalistac, ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz, zeigt die portugiesische Künstlerin Leonor Antunes neue Arbeiten und Werkgruppen in der Kunsthalle Basel. 1972 in Lissabon geboren, lebt und arbeitet die Künstlerin heute in Berlin. Die Arbeiten Antunes’ setzen sich mit Motiven und Formen aus Architektur und Design auseinander. Teils handelt es sich dabei um architektonische Details aus modernistischen Gebäuden, teils fällt ihr Blick auf die Details des jeweiligen Raumes, in dem sie ausstellt. So bedient sie sich dieser Elemente und setzt sie auf abstrakte Weise in Skulpturen und Installation um. Materialien wie Leder, Bronze, Kupfer oder Holz stehen im Vordergrund ihrer Praxis, wobei die Abnutzung der Materialien die Künstlerin interessiert. Ausserdem geht es um das Material selbst und um seine Verwendungsgeschichte in den verschiedensten Handwerken sowie um das langsame Verschwinden spezifischer Herstellungstechniken.
In Arbeiten wie discrepancies with M.S. #1 (2012) orientiert sich Antunes an den Massen eines authentisch renovierten Apartments nach dem Design Robert Mallet-Stevens’ von 1927 in Paris. Der Grundriss der Wohnung wird abstrahiert in Leder umgesetzt. Das Interesse
Antunes’ an Vertretern des Modernismus, dazu gehören neben Mallet-Stevens Matthias Goeritz oder Lina Bo Bardi, wird gerade hier besonders deutlich. Die Künstlerin dokumentiert Orte nicht, sie vermisst sie und bedient sich dabei des üblichen metrischen Einheitssystems. Auch in der Kunsthalle Basel bezieht sich die Künstlerin auf die Architektur. Sie greift die Form und die Masse der Oberlichter der Ausstellungsräume auf und überträgt sie in eine Holzstruktur, die von der Decke hängend installiert wird. Daran befestigt sie weitere Arbeiten wie das
Fischernetz, das von portugiesischen Fischern für Antunes produziert wurde und ein ähnliches Raster aufweist wie die Oberlichter. Das Material und seine jetzige Form erzählen die Geschichte der Fischer und erinnern an das Handwerk des Netze-Knüpfens, einer Handwerkstechnik, die fast ausgestorben zu sein scheint. Es sind genau diese Geschichten und ihre Präsenz – körperlich sowie theoretisch – die für die Arbeiten Leonor Antunes’ unersetzlich sind.