Archiv der Kategorie: Kunsthaus Baselland

Marlene McCarty | Stefan Karrer Christoph Oertli

Kunsthaus Baselland | bis 05.07.2020

Geht es Ihnen auch so? Das Zeitgefühl scheint uns in diesem Jahr ein wenig abhandengekommen zu sein – als hätte der Covid-19-Lock-down rund zwei Monate aus unseren Kalendern gestrichen. Verschiedentlich war zu hören, wie intensiv die Wochen der Schutzmassnahmen genutzt wurden. Marlene McCarty | Stefan Karrer Christoph Oertli weiterlesen

Rochelle Feinstein, Rossella Biscotti und Naama Tsabar

Kunsthaus Baselland
bis 16. Juli 2018

Von Ines Goldbach
Meinungsfreiheit, Feminimus, Rassendiskriminierung, die Aidskrise, Donald Trump – darunter macht es Rochelle Feinstein (*1947) nicht. In den vergangenen bald dreissig Jahren hat die gebürtige New Yorkerin ein Werk geschaffen, das sich politisch scharf und zugleich humorvoll dicht präsentiert.

Rochelle Feinstein, Ear To The Ground (Detail), 2017
Rochelle Feinstein, Ear To The Ground (Detail), 2017

Malerei ist für Feinstein ein antihierarchisches Bemühen um die Frage, was dieses Medium heute gesellschaftlich und kulturell bedeuten kann, ohne dabei auf traditionelle Formen beharren zu müssen. Ihre grösste Kritikerin – oder sollte man besser sagen: ihre schärfste Beobachterin – ist Rochelle Feinstein selbst. In ihrem konsequenten Hinterfragen nach einer Bedeutung von Malerei in der Welt heute gibt sie der Malerei eine Sprache zurück, die am Puls der Zeit bleibt und dem Gegenüber direkt, unverstellt und alles andere als elitär entgegentritt. 

Rochelle Feinstein, Rossella Biscotti und Naama Tsabar weiterlesen

Marcia Hafif und Maja Rieder im Kunsthaus Baselland

Marcia Hafif
Maja Rieder
15.09.2017–12.11.2017
Kunsthaus Baselland

Minimal – radikal – monochrom“ – mit diesen drei Eigenschaften beschreibt die Direktorin des Kunsthauses Baselland, Ines Goldbach, das Werk der amerikanischen Künstlerin Marcia Hafif, die als eine der zentralen Figuren der Farbfeldmalerei gilt. Parallel dazu hat die Basler KünstlerinMaja Rieder für das Untergeschoss grossflächige Arbeiten auf  Papier geschaffen.

Quadratische Farbflächen, mal als Dreiergruppe, dann als Serie von sechs, zehn oder zwanzig gleich grossen Flächen: Auf den ersten Blick wirken diese Quadrate monochrom. Doch betrachtet man die auf massive Holzrahmen gespannte Leinwand genauer, so erkennt man die in feinen Nuancen abgestuften Farben, die Marcia Hafif Schicht für Schicht aufgetragen hat. Die Black Paintings (1979/80), eine Serie von drei grossformatigen Quadraten, entstanden aus einer Überlagerung von Ultramarinblau und Umbrabraun, wobei Verläufe, Pinselduktus und Linienführung die Intensität der Farbe prägen. „Das Arbeiten in sogenannten ‚Layers’ ist typisch für Hafifs Werk“, sagt Ines Goldbach. Die Künstlerin erforsche dabei den Ursprung von Farbe – woher kommt sie, wie wirkt sie? – und dies führe zu diesen „vibrierenden Oberflächen“, deren Bild sich je nach Lichteinfall verändert.

Marcia Hafif, Roman Sunday, 1968
Marcia Hafif, Roman Sunday, 1968

„Ich bin keine Malerin“, sagt Marcia Hafif von sich. „Ich bin eine konzeptuelle Künstlerin, die mit Farbe arbeitet“. Darum zeigt das Kunsthaus Baselland neben den Bild-Serien auch Fotografien, Filme und Texte. „Wir können Marcia Hafif nur verstehen“, so Ines Goldbach, „wenn wir alle Elemente ihrer Kunst einbeziehen“. Weil die Installation der Bilder-Serien Teil des Werkes ist, wurde Marcia Hafif bei der Konzeption der Ausstellung und der Hängung der Bilder stark einbezogen. Das wurde zur Herausforderung, denn die 88-jährige Künstlerin hatte sich unlängst den Oberschenkel gebrochen und konnte die letzten Arbeiten darum nur aus der Ferne und mittels digitaler Medien beiwohnen.

Marcia Hafif, aus der Serie "Black Paintings (1979/80)"
Rechts: Marcia Hafif, aus der Serie „Black Paintings (1979/80)“ – im Hintergrund: „Twenty glaze paintings, 1995“

Gleichzeitig mit Ines Goldbach hatte auch der Direktor des Kunstmuseum St. Gallen, Roland Wäspe, die Absicht, mit der kalifornischen Künstlerin eine Ausstellung zu realisieren. So fand man zusammen und konzipierte nahezu zeitgleiche Ausstellungen. Weil das Werk Hafifs und dessen Hängung immer stark auf den Ausstellungsort Bezug nimmt, werden im industriell geprägten Kunsthaus Basel die zeitgenössischen Bilder von den 70er-Jahren bis heute präsentiert, wogegen das Kunstmuseum St. Gallen mit seinen traditionellen Museumsräumen vom 16. September 2017 bis am 14. Januar 2018 eher klassische Werke der Künstlerin zeigt.


Lineare Bahnen – überraschende Farben:
Maja Rieder

Maja Rieder, Il faut descendre pour monter No. 1–6 , 2017 | Flipper | Mach’ einen Löwen einen König und ein Herz
Maja Rieder, Ausstellungsansicht mit den Werken Il faut descendre pour monter No. 1–6, 2017; Flipper; Mach’ einen Löwen einen König und ein Herz – alle 2017

Im Kunsthaus Baselland hat Direktorin Ines Goldbach den Anspruch, internationales und lokales Kunstschaffen zusammenzuführen. Daraus würden sich „positive Reibungsmomente“ ergeben, so Goldbach, und die Kombination der 88-jährigen Konzeptkünstlerin Marcia Hafif mit der ein halbes Jahrhundert jüngeren Baslerin Maja Rieder erweist sich in der Tat als Glücksgriff: Beide Künstlerinnen setzen sich intensiv mit Raum und Material auseinander. Beide arbeiten mit klaren geometrischen Formen – mal in der Fläche, mal im Raum.

Maja Rieder vor ihrem Werk Il faut descendre pour monter No. 1–6 , 2017
Maja Rieder vor ihrem Werk Il faut descendre pour monter No. 1–6 , 2017

Ein Jahr lang hat sich Maja Rieder auf diese Ausstellung vorbereitet, hat die Räume vermessen, ein Modell hergestellt und beim Schaffen der Werke bewusst Räume und Hängung mitgedacht. Mit speziell angefertigten Pinseln hat sie breite, lineare Bahnen aus schwarzer und gelber Tusche auf die „gewaltigen Papierbahnen“ (Ines Goldbach) gezogen. Diese Papierbahnen hatte sie zuvor gefaltet hatte, „denn diese Falten erzeugen einen Widerstand, wenn ich mit dem Pinsel darüberfahre“, erklärt die Künstlerin. Sie braucht diesen Widerstand, denn er hinterlässt seine Spuren, je nach Faltung wird dort mehr oder weniger Tusche aufgetragen und gibt dem Werk eine räumliche Dimension. Die Ausrichtung der Bahnen erfolge nach klaren Regeln, betont Maja Rieder, sie arbeite mit einem eigenen System, das sie aber nicht so einfach erklären könne. Il faut descendre pour monter No. 1–6 heisst das so entstandene Werk, welches im ersten grossen Raum des Untergeschosses zu sehen ist.

Die Experimentierfreudigkeit der 38-jährigen Baslerin zeigt sich auch im zweiten Raum: Auf die ganze Fläche verteilt ist das Werk Flipper, bei dem die Künstlerin einen Würfel mittels Diagonalschnitten in 24 Teile zerlegt und diese in groben Wabenkarton nachgebaut hat. 18 dieser 24 Teile sind zu sehen – mal als Gruppe, mal einzeln.

Maja Rieder, Mach’ einen Löwen einen König und ein Herz, 2017
Maja Rieder, Mach’ einen Löwen einen König und ein Herz, 2017

Für die Werkgruppe Mach’ einen Löwen einen König und ein Herz hat Maja Rieder riesige Bögen aus Japanpapier mehrfach so gefaltet, dass am Ende ein handliches Quadrat oder ein rechtwinkliges Dreieck entstanden ist. Das nun in vielen Schichten aneinander liegende Material hat sie in pigmentierte Tusche getaucht, leicht antrocknen lassen und danach wieder auseinandergefaltet. Entstanden sind geometrische Wandbilder in überraschend nuancierten Farbfacetten – je nach Trocknungsgrad der einzelnen Blätter beim Auseinanderfalten des Werks. Für Maja Rieder, deren Schaffen bisher vor allem vom Einsatz von Graphit und Tusche geprägt war, kommt diese Werkgruppe überraschend farbig daher und bildet einen spannenden Kontrast zum Werk Flipper mit seinen grauen Karton-Volumen.

Markus Amm | Piero Golia | Itziar Okariz

Markus Amm | Piero Golia | Itziar Okariz
bis 16.07.2017
Kunsthaus Baselland

Ines Goldbach, Direktorin Kunsthaus Baselland
Ines Goldbach, Direktorin Kunsthaus Baselland

Von Ines Goldbach

Den Auftakt der drei Einzelausstellungen macht der in Los Angeles lebende Piero Golia (* 1974, IT). Golia zählt zu den eigenwilligsten zeitgenössischen Konzeptkünstlern, die konsequent vorherrschende Systeme und Bedingungen – nicht nur in der Kunst – hinterfragen. 2005 begründete er in Los Angeles die Mountain School of Arts mit, in der die Studierenden lernen und Unterricht nehmen können, ohne Studiengebühren zahlen zu müssen. Markus Amm | Piero Golia | Itziar Okariz weiterlesen

Wanderung durch die Gedanken einer Künstlerin

Itziar Okariz im Kunsthaus Baselland
31.1.2017 – 16.7.2017
Kunsthaus Baselland

Von Karen N. Gerig

Karen N. Gerig ist Autorin von Artinside

Ohne die Besucher läuft am Anfang nichts. Für den passenden Hintergrundsound in der Ausstellung von Itziar Okariz im Kunsthaus Baselland müssen sie einen Plattenspieler in Gang bringen. Zunächst hört man nicht viel, eine Art Rauschen. Dann schält sich entferntes Geplauder heraus. Jemand beginnt zu klatschen. Erst allein, bald klatscht jemand mit. Und immer mehr, bis der Applaus fast ohrenbetäubend ist. Und schliesslich abbricht.

Was wir gehört haben, ist eine Performance der baskischen Künstlerin, aufgeführt zur Eröffnung des Guggenheim Bilbao im Jahr 2007. Sie habe ganz allein im Raum gestanden, mitten im Vernissagenpublikum, ausgezeichnet als Künstlerin nur durch ein Mikrofon, erzählt sie. “Ich fühlte mich verwundbar”, sagt sie. Irgendwann habe sie mit dem Klatschen angefangen. Und gespannt darauf gewartet, was passiert.

“Es war meine erste Performance mit Publikum”, erklärt sie. Es sei ein entspannender, aber auch merkwürdiger Moment gewesen, als die erste Person zurückgeklatscht habe. Plötzlich sei es nicht mehr um die Reaktion des Publikums gegangen, sagt sie. Die Frage sei jetzt eine andere gewesen: “Wann und wie höre ich auf?”

Itziar Okariz hat die Performance später wiederholt, in der Reina Sofia in Madrid. Auf einer Bühne während eines Dinners. “Da hat es überhaupt nicht funktioniert. Der Applaus des Publikums kam erst, als ich von der Bühne ging”, erzählt sie.

Im Dialog mit einem unsichtbaren Publikum
Ein direktes dialogisches Moment ist in Okariz’ Schaffen nicht immer gegeben, auch wenn es ihr meistens um Kommunikation geht. Das Publikum aber kann auch ein gedachtes sein, beispielsweise in der Videoarbeit “How d’ye do?”, die an der Kunstmesse Arco zu sehen war. Okariz reagiert darin auf Fragen und Zurufe unsichtbarer Besucher.

Itziar Okariz, To Pee in Public or Private Spaces. New York Subway, 2004
Itziar Okariz, To Pee in Public or Private Spaces. New York Subway, 2004

Zentrale Elemente im heutigen Schaffen der 51-jährigen Künstlerin sind vermehrt Struktur und Sprache, auch wenn ihr Werk in früheren Jahren einer Genderdiskussion entsprang und sich hauptsächlich um die Konstruktion von Identität drehte. Einige Werke zeugen im Kunsthaus Baselland davon und geben der Schau den Hauch eines retrospektiven Rahmens. Dazu gehört die Werkserie “To Pee in Public or Private Spaces”. Darin ist Okariz selbst zu sehen, wie sie an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Settings öffentlich uriniert: Rock hoch und pinkeln, ein Verhalten, das zunächst irritiert.

Irritation führt automatisch zu einem Hinterfragen, was wiederum zur Folge hat, dass man manches erst durch die Irritation versteht beziehungsweise erkennt. Für Okariz ist Irritation deswegen zwingend. Auch der eingangs erwähnten Arbeit “Applause” ist sie inhärent.

Ein aus dem Kontext gerissener Ausruf
Und auch die Performance “Irrintzi Repetition” spielt damit. Irrintzi ist ein traditioneller baskischer Ausruf, der an Demonstrationen, Beerdigungen oder Freudenfeiern gleichermassen Gebrauch finden kann. Einem gutturalen Trällern gleich funktioniert der Schrei wie ein Wort, das nichts Konkretes bezeichnet, aber unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Okariz löst den Schrei aus seinem traditionellen Kontext, indem sie ihn auf internationale Museumsbühnen bringt.

Itziar Okariz, Irrintzi Repetition, 2007. Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2017. Foto: Serge Hasenböhler
Itziar Okariz, Irrintzi Repetition, 2007. Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2017. Foto: Serge Hasenböhler

“Irrintzi Repetition” läuft im Kunsthaus Baselland in einer Videoinstallation, die alle zehn Sekunden für zehn Minuten unterbrochen wird. Eine einminütige Performance wird so in Einzelteile fragmentiert – vor allem deswegen, weil das laute Ausrufen dem Publikum kaum dauerhaft zugemutet werden kann.

Aber auch, weil das Fragmentieren zur Ausstellung passt, denn Fragmente spielen in den neuesten Werken von Itziar Okariz eine tragende Rolle. Fünf Videoprojektionen zeigen alltägliche Situationen wie einen Wasserlauf oder die Struktur eines Bodens, jedoch immer nur ausschnitthaft, so dass die Imagination des Betrachters den Raum ausserhalb des Rahmens füllen muss.

Der Raum zwischen den Worten
“Alles ist Raum – auch der Zwischenraum”, sagt Okariz und formuliert damit, um was es ihr in ihrem Schaffen geht. Um den Raum, den man beschreitet. Den man mit Lauten füllen kann. Um das, was zwischen Performer und Publikum liegt. Oder um das, was zwischen Worten liegt. Plastisch führt sie das in ihrer aktuellsten Arbeit vor: Im “Dream Diary” zeichnet sie ihre Träume auf, seit November 2016 bis jetzt und laufend weiter.

Itziar Okariz, Video Notes, 2017. Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2017. Foto: Serge Hasenböhler
Itziar Okariz, Video Notes, 2017. Installationsansicht Kunsthaus Baselland, 2017. Foto: Serge Hasenböhler

Es sind Sätze, die Okariz nachts in ihr Mobiltelefon tippt. Und die sie dann setziert. Auf grossformatigen Blättern schreibt sie die Sätze auf, lässt einzelne Wörter weg, setzt wieder dazu, immer ausgehend vom Ursprungssatz. So entsteht nicht nur ein visuell wahrnehmbares Bild, sondern auch unterschiedliche Bedeutungsebenen, weil der Inhalt eines Satzes sich ändern kann, wenn ein oder zwei Wörter wegfallen.

Das Lesen fühlt sich an wie das Durchwandern eines nie still stehenden Gehirns. Gedankenfragmente, die gleichzeitig noch aus zwei Lautsprechern dringen und sich überlagern, mal leiser, mal lauter.

Die Ausstellung wird so zur Wanderung durch die Gedanken einer Künstlerin, die von Raum zu Raum mehr in die eigenen einsinken und sich mit ihnen mischen. Der eigene Raum wird beträchtlich erweitert – und der Applaus am Ende gebührt nicht dem Publikum, sondern der Künstlerin.

Bianca Pedrina und Doris Lasch

Bianca Pedrina
Doris Lasch
bis 19. März 2017
Kunsthaus Baselland

Phantom, vom griechischen Wort phantasma stammend, steht für Erscheinung, Einbildung, Trugbild. Nicht von ungefähr trägt die Skulptur aus schwarzlackiertem Aluminiumblech diesen Titel, die das Publikum gleich beim Eintritt in das Kunsthaus Baselland empfängt und die programmatisch für die ganze Schau ist. Das Haus widmet den beiden Künstlerinnen Doris Lasch und Bianca Pedrina zwei Einzelausstellungen, die inhaltlich jedoch miteinander korrespondieren. Beide hinterfragen anhand des Mediums Fotografie die Entstehungsbedingungen von Bildern und binden die Architektur des Ausstellungshauses in ihre Arbeiten ein. Bianca Pedrina und Doris Lasch weiterlesen

Bruno Jakob | Edit Oderbolz

Bruno Jakob | Edit Oderbolz
31.08.2016 – 06.11.2016
Kunsthaus Baselland

Bruno Jakob

Bruno Jakob malt mit Wasser. Seine Pinsel taucht er in kleine Plastikgefässe, die mit Wassern verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Temperaturen gefüllt sind. Aber er malt auch mit Luft und Liebe. Und er hält Behälter mit Energiewellen bereit, vor allem solchen aus seinem Gehirn, er nennt sie brainwaves. Dies sind die Materialien, mit denen Jakob seine Kompositionen auf die Leinwand bringt. Mit Wasser zu malen ist gleichzeitig historisch und gegenwärtig, es umfasst den Augenblick sowie das Unendliche. Bruno Jakob | Edit Oderbolz weiterlesen

Jonathan Monk – Jan van der Ploeg – Christiane Löhr

Jonathan Monk – Jan van der Ploeg – Christiane Löhr
27.05.2016 – 17.07.2016
Kunsthaus Baselland

Das Kunsthaus Baselland zeigt in seiner grossen Sommerausstellung drei Künstler/innen, die in einen Dialog mit Architektur und der Institution Kunsthaus treten.

von Ines Goldbach*

Jonathan Monk, Deflated Sculpture II, 2009
Jonathan Monk, Deflated Sculpture II, 2009

Wer Jonathan Monk einlädt, kann vor allem mit einem rechnen: Es wird alles andere als gewöhnlich. Der 1969 in Leicester geborene Künstler, der gegenwärtig in Rom und Berlin lebt und dessen Werke international bereits in zahlreichen viel beachteten Ausstellungsauftritten zu sehen waren, ist jetzt im Kunsthaus Baselland zu Gast.
Jonathan Monk – Jan van der Ploeg – Christiane Löhr weiterlesen

Skulpturale Arbeiten und architektonisches Formvokabular

20. Januar – 6. März 2016

Kunsthaus Baselland

Von Sibylle Meier, Basel

Thomas Hauri

Thomas Hauri, Ausstellungsansicht, Kunsthaus Baselland, Annex, 2016
Thomas Hauri, Ausstellungsansicht, Kunsthaus Baselland, Annex, 2016

Architektur – wir durchschreiten sie täglich, sie umgibt uns, sie beeinflusst unser Verhalten, prägt unser Sehen. In den Strassen, durch die wir täglich gehen, begegnen wir Objekten und Gegenständen, Materialien und Strukturen, die wir längst kennen. So glauben wir. Das Kunsthaus Baselland schickt uns mit seiner ersten Ausstellung im 2016 auf einen spannenden Pfad durch die Möglichkeiten der Wahrnehmung.

Die Ausstellung Thomas Hauri und Max Leiß zeigt zwei Künstler aus Basel, die sich beide von ihrem urbanen, architektonischen Umfeld inspirieren lassen. Der Lenzburger Thomas Hauri hat sich konsequent der Malerei verschrieben, genauer der Aquarelltechnik und entwickelt, von architektonischen Impulsen ausgehend, eindrückliche Bildräume. Der deutsche Bildhauer Max Leiss, legt seinen Fokus auf skulpturale Formen und Fotografie. Beiden Künstlern gemein ist ihre intensive Auseinandersetzung mit der Architektur vor Ort, der sie präzise und mit überraschender Wirkung, ihre Werke entgegenstellen.

Thomas Hauri bespielt mit seinen grossformatigen, auf schwerem Büttenpapier aufgetragenen Arbeiten das gesamte Erdgeschoss inklusive Annex und Kabinetträume des Kunsthauses Baselland. Es ist seine erste grosse institutionelle Ausstellung in der Schweiz. Hauri betont die Wichtigkeit des prozesshaften Arbeitens in seinem Werk, er arbeitet zyklisch und über mehrere Monate an seinen Werken. Die Geometrie der Architektur, Fassadenstrukturen, aber auch ein Strassenbelag, sind Ausgangspunkt für seine Bilder. Ihrer strengen Struktur setzt er die unkontrollierte, expressive Kraft der Fliessprozesse der Aquarelltechnik entgegen. Seine bevorzugte Farbe ist das Elfenbeinschwarz. Schichtweise trägt er sie auf und lässt immer mehr Licht auf seiner Leinwand verschwinden. Durch Aussparungen können Lichträume entstehen, die uns hie und da wieder an Architektur erinnern. Diese ist nicht der zentrale Aspekt seiner Arbeiten. Architektur ist der ästhetische Ideengeber, von dem aus Hauri, über die Jahre seine eigene Bildsprache und Aquarelltechnik entwickelt hat. Er bearbeitet sein Papier mit der Bürste, mit dem Wasser-Zerstäuber, mit Gummi Arabicum. Er schrubbt und kratzt, übermalt und wäscht aus, solange bis ein tiefgründiger Bildraum entstanden ist, dessen Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. Auf Rahmen verzichtet er ganz, seine Werke brauchen Luft zum Atmen, und wenn er doch hie und da einen gemalten Rahmen stehen lässt, dann nur um ihn sogleich wieder durchbrechen zu können. Hauri spielt auf ernsthafte Art mit Schwere und Leichtigkeit, seine Bilder kommen dem Betrachter entgegen, um sogleich zu entschwinden, will er sich ihnen nähern. Denn auch wenn uns Hauri alles über seine Technik erzählt, seine Inspirationsquellen benennt, die Tiefe seines Schwarz aus Kohleknochen gewinnt, so hat er doch nichts darüber verraten, wie sich diese tiefe und geheimnisvolle Atmosphäre in seine Bilder schleicht, die den Betrachter in den Bann ziehen.

Max Leiß: Dialog mit dem Umfeld

Max Leiß, Pissecke (Rue Charlot, 2014/2015)
Max Leiß, Pissecke (Rue Charlot, 2014/2015)

Schon auf der Treppe ins Untergeschoss fällt der Blick auf eine Gruppe von objekthaften Fundstücken, die an funktionale Elemente im Aussenraum erinnern. Beim Gang in das Untergeschoss, das in seiner Gänze von Max Leiß bespielt wird, wird der Besucher aber nicht nur von dieser eigenartigen Skulpturenfamilie am Ende der Treppe empfangen, sondern auch von einer merklich kühleren Temperatur. Es ist frisch im Untergeschoss und genau dies vermittelt das Gefühl einen Aussenraum zu betreten. Wir sind wieder draussen, dort wo Max Leiß mit seiner Arbeit beginnt. Mit dem Suchen und Finden von Raumfassungen, mit dem Sehen und Erkennen von Formen und Volumen aus dem urbanen Umfeld. 2014 konnte Max Leiß bereits eine Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus bestreiten. Im Rahmen der Ausstellungs-Reihe CARAVAN, die junge Kunst fördert, hat Leiss Objekte und Skulpturen entworfen oder muss man sagen gefunden, die nun, in neuer Zusammensetzung wieder im Kunsthaus Baselland anzutreffen sind. Zum Beispiel die Skulptur „rendez-vous“, 2014 aus verzinktem Stahl. Leiß schafft durch das Zusammentreffen von Funktionalität und Form, eine eigene skulpturales Sprache. Auch für ihn ist der Prozess der Formfindung zentral. Ähnlich wie in der Aquarelltechnik von Hauri, sind auch Leiß Objekte und Skulpturen geprägt von bewussten Setzungen und zufällig Entstandenem, eine Mischung aus eigener Herstellung und fremder Einwirkung.

Mit seinen präzisen Platzierungen vermag Leiß die umgebende Architektur bewusst in Frage zu stellen oder sie umgekehrt zu betonen. Wie eine zeichnerische Linie, zieht sich etwa das 40 m lange Werk „Funktionszeichen“, ein aus Schamott vor Ort gegossene, schmaler Sockel durch das Untergeschoss und verleiht der Architektur damit eine neue Lesart.

Max Leiß, Ausstellungsansicht, Kunsthaus Baselland, 2016
Max Leiß, Ausstellungsansicht, Kunsthaus Baselland, 2016

Max Leiß fördert nicht nur durch  Setzungen im Raum die skulpturalen Eigenschaften von Objekten und ihrer Umgebung. Er findet sie auch vor Ort, im Aussenraum. Eine Serie von Fotografien zeugt eindrücklich von der Schärfe seines Sehvermögens, nicht jenes der Augenlinse, sondern der Klarheit seines Verstandes. Leiß schaut mit offenen Augen und offenem Geist und spürt den skulpturalen Charakter von Objekten auf, um sie so aussehen zu lassen, als hätte er sie eigens für seine Fotografien hergestellt. Dass dem nicht so ist, mag man fast nicht glauben angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der die Objekte da sind.

Die Ausstellung Thomas Hauri und Max Leiß bespielt mit leisen Tönen, dezenter Farbigkeit und zurückhaltenden Setzungen die Räume des Kunsthaus Baselland. Es ist diese Ruhe, die die nachhaltige Kraft dieser Werke erst richtig zur Geltung bringt.

Light Shining Darkly im Kunsthaus Baselland

Christopher Orr
Light Shining Darkly
20.04.2013 – 30.06.2013
Kunsthaus Baselland

Christopher Orr, The Gloaming, 2007,
Christopher Orr, The Gloaming, 2007,

von Sabine Schaschl*
Der britische Künstler Christopher Orr, der zu den eindrucksvollsten Malern der Gegenwart zählt, zeigt im Kunsthaus Baselland nebst Arbeiten der letzten Jahre auch speziell für die Ausstellung entstandene Werke. In seinen Malereien verbinden sich Landschaftsausschnitte, die an die Old Masters der Kunstgeschichte erinnern, mit Figuren, die dem 20. Jahrhundert zu entspringen scheinen. Abgetrennte zeitliche Momente verschmelzen, Unvereinbares kann zusammen gelesen werden, Altes und Neues verbindet sich und bildet zusammen mit dem Betrachter eine Verbindung mit der Gegenwart.
Christopher Orr malt meist an mehreren Bildern gleichzeitig. Als wichtiger Fundus für seinen Schaffensprozess erweist sich dabei sein Bildarchiv, bestehend aus alten Magazinen (allen voran «National Geographic») aus den 30er- bis 70er-Jahren und Büchern. Werke von Tiepolo, Vermeer, Bosch, Hals, van Eyck, Caravaggio und anderen sind konzeptuelle Vorbilder, auf die der Künstler immer wieder, v.a. in Details, zurückgreift. Zu seinem Archiv zählen auch thematische Bildsammlungen, die beispielsweise Wissenschaftliches, Mystisches oder Sphärisches gruppieren. Viele der Figuren, Objekte, Landschaften und die Tätigkeiten der Figuren entstammen dem Archiv. Der Künstler fügt sie collageartig aus verschiedenen Quellen zusammen, indem er sie zunächst in seinem Skizzenbuch konzipiert und zeichnet. Die daraus hervorgehenden, meist kleinformatigen und mit hoher Handfertigkeit produzierten Ölmalereien verlocken zum detaillierteren Betrachten, wobei nicht nur die Pinselführung, die sowohl auf- als auch abträgt, auffällt, sondern auch die Brüche in der Schilderung von Zeitlichkeit.
Der Titel der Ausstellung – Light Shining Darkly – spielt mit dem Spannungsgefüge, das zwischen den Bedeutungen von hell, dunkel, mystisch, übernatürlich oder unheimlich laviert. Die Landschaftsausschnitte, in denen die einzelnen Protagonisten wirken, sind meist durch besondere Lichtstimmungen charakterisiert. Mal gibt eine Nachtlandschaft mit einfallendem, diffusem Lichtkegel den Blick auf Spaziergänger frei, mal stehen Menschen vor einem Felsabhang oder es spielen sich unerklärliche Szenen im tiefsten Nachtwald ab. Immer wieder ist es der spezifische Einsatz der Lichtinszenierung, welcher den Bildmotiven bereits auf den ersten Blick einen Twist hin zum Unheimlichen gibt. Die Art und Weise, wie der Mensch in der Landschaft verortet ist, gibt Anknüpfungspunkte für die Philosophie des Erhabenen, in welcher sich der Mensch angesichts der Unerreichbarkeit und Grösse der Natur klein und überwältigt fühlt.
Die motivischen Diskrepanzen, die Hell-Dunkel-Dramaturgie der Bilder und das Auseinanderfallen von Zeitlichkeiten lassen Spielraum für eine eigene individuelle Erzählung. Christopher Orr ist sozusagen der Regisseur für unsere Filme im Kopf.

*Sabine Schaschl war bis April 2013 Direktorin des Kunsthaus Baselland und Kuratorin der Ausstellung. Ab Mai übernimmt sie die Direktion des Museums Haus Konstruktiv in Zürich.