Archiv der Kategorie: Museum Tinguely, Basel

Cyprien Gaillard – Roots Canal

Zerstörung, Bewahrung, Wiederaufbau: Das Schaffen des Künstlers Cyprien Gaillard (*1980, Paris) beleuchtet unser zwiespältiges Verhältnis gegenüber Zerfallsprozessen und Ruinen. Als Reisender durchstreift er die Welt, sammelt unterwegs Fundstücke und erzählt mithilfe dieser Artefakte von der unabwendbaren und unaufhörlichen Transformation der urbanen Landschaft und damit auch von Natur und Menschen.

Museum Tinguely
16.02.2019 – 05.05.2019

Séverine Fromaigeat, Autorin dieses Textes und Kunsthistorikerin aus Genf, ist Kuratorin am Museum Tinguely und hat die Ausstellung Cyprien Gaillard. Roots Canal kuratiert.
Séverine Fromaigeat, Autorin dieses Textes
und Kunsthistorikerin aus Genf, ist Kuratorin am Museum Tinguely und hat die Ausstellung Cyprien Gaillard. Roots Canal kuratiert.

Im Zentrum der Präsentation Cyprien Gaillard. Roots Canal im Museum Tinguely steht eine Installation von Baggerschaufeln. Die für Grossbaustellen so charakteristischen, schweren Geräte stehen sich in zwei Reihen gegenüber, wie ein Spalier von Soldaten. Ausser Betrieb und in einem musealen Kontext verwandeln sich die stillen Riesen in mächtige Statuen. Mit der Patina, die sie im Lauf ihres mechanischen Lebens angesetzt haben, den verblichenen Farben und den Rostflecken, die sie überziehen, erwecken die zu Standbildern gewordenen Maschinen den Anschein von archäologischen, aus den Tiefen der Erde gehobenen Funden. Trotz ihres archaischen Aussehens sind die metallenen Ungetüme – hervorgegangen aus der industriellen Revolution – jedoch alles andere als Relikte der Vergangenheit. Ihr Einfluss auf die Welt von heute und morgen ist ungebrochen, verkörpern sie doch das Versprechen des Wandels, der architektonischen Erneuerung und einer sich ständig neu erfindenden Urbanität. Die Diggers von Cyprien Gaillard nehmen uns mit auf eine Reise in ein Hin und Her zwischen Vorgeschichte und Gegenwart. Zusätzlich reflektiert wird dieser Zeitsprung durch die an den Schaufeln angebrachten Stangen aus Onyx und Kalkspat: Zwischen den lichtdurchlässigen und äusserst zerbrechlichen Mineralien und dem wuchtigen Gerät, das sie zutage fördert, liegen nicht nur bis zu fünf Tonnen Gewicht, sondern auch einige Millionen Jahre.

Cyprien Gaillard, Greater Koa Moorhen, 2013
Cyprien Gaillard, Greater Koa Moorhen, 2013

Wie in seinem gesamten Schaffen betont Gaillard auch mit dieser Installation, dass Aufbau und Zerstörung keine widersprüchlichen Konzepte sind. Stattdessen sind beide Teil des selben Prozesses und zeitlich eng miteinander verbunden. Um neue Gebäude errichten zu können, muss das Verschwinden von Bestehendem in Kauf genommen werden, sei es eine Landschaft, ein anderes Bauwerk oder ein Niemandsland. Der Aufbau von Neuem bedingt zwingend die Zerstörung des Vorherigen. Aufgenommen und fortgesetzt wird dieser Gedankengang durch die ebenfalls im selben Raum gezeigte Bilderreihe Sober City (2015–2018): Als visueller Kontrapunkt zu den Baggerschaufeln hängen an den Wänden in unregelmässigen Abständen Polaroidfotos in der für sie typischen bescheidenen Grösse, die einen städtischen Hintergrund bilden. Die Fotografien sind doppelt belichtet: Ansichten von New York überlagern, Aufnahmen eines Amethystfragments aus dem New Yorker Naturkundemuseum. Durch die Verschmelzung der beiden Motive und die doppelte Belichtung wirken die Bilder so, als seien sie durch ein Prisma aufgenommen. Ein Gebäude, ein Bus, eine Skulptur oder ein Baum – die urbanen Komponenten sind kaum noch erkennbar. Beim Betrachten scheinen sie nach und nach zu kristallisieren, ähnlich wie im Science-Fiction-Roman The Crystal World (1966) von J. G. Ballard, in dem ein mysteriöses Phänomen dazu führt, dass sich Menschen, Tiere und Pflanzen allmählich in kristalline Strukturen verwandeln. Durch die Aufnahme auf Polaroidpapier, einem fragilen, vergänglichen und mit der Zeit verblassenden Trägermedium, und die Auswahl der Motive spiegeln die Sober Cities die kontinuierliche Metamorphose der Stadt wider; einer Stadt – und hier kommen wieder die Bagger ins Spiel – im ewigen Spannungsfeld zwischen dem Bewahren des architektonischen Erbes und dem Errichten neuer Bauten und damit der Entropie, dieser Unordnung der Materie im Zuge unvermeidlicher Verfallsprozesse. Mit seinen Werken beleuchtet Gaillard diesen langsamen Übergang von einem Zustand zum anderen und die auftretenden Spannungen – physischer, ästhetischer, gesellschaftlicher oder politischer Art – zwischen Erneuerung und Vernichtung.

Cyprien Gaillard, KOE, 2015 (Filmstill)
Cyprien Gaillard, KOE, 2015 (Filmstill)

Im nächsten Raum der Ausstellung schliesst mit KOE (2015) eine grossformatige, wandfüllende Projektion einer Videoaufnahme eines Schwarms exotischer Vögel über den Einkaufsstrassen von Düsseldorf an. Die geflügelten Besucher, ursprünglich in Afrika und Asien beheimatete Halsbandsittiche, fliegen vorbei an edlen Geschäften und zwischen moderner Architektur hindurch, unter sich die permanente Baustelle, als die sich das Stadtzentrum präsentiert. Das Grün ihres Gefieders zeichnet die anachronistischen Linien nach, die eine hyperästhetisierte, innerstädtische Welt von morgen kennzeichnen, geprägt von Luxusmarken, ätherischen Gebäuden und omnipräsentem Konsum. Der Halsbandsittich kam einst als Käfigvogel in unsere Breitengrade und hat mittlerweile in mehreren europäischen Städten neue Lebensräume für sich entdeckt. Sein attraktives Äusseres lässt leicht vergessen, dass es sich dabei um eine invasive Art handelt, die einheimische Ökosysteme gefährdet. 

Cyprien Gaillard, Captain Blood's Moorhen, 2013
Cyprien Gaillard, Captain Blood’s Moorhen, 2013

Zum Eintauchen in eine hypnotische, tranceartige Atmosphäre lädt Nightlife (2015) ein. Der Film, ein Mosaik von Szenen ohne offensichtlichen Zusammenhang, versetzt die Betrachtenden in eine farbenprächtige, urbane Nacht. Die Aufnahmen führen von Auguste Rodins Skulptur Der Denker vor dem Kunstmuseum von Cleveland über ein halluzinatives Ballett von Wacholderbäumen in Los Angeles – auch dies eine invasive Art – und ein spektakuläres Feuerwerk über dem Berliner Olympiastadion zurück nach Cleveland zu einer Eiche, deren Setzling der mehrfache Olympiasieger Jesse Owens 1936 von den Nationalsozialisten erhalten hatte. Die besonders plastisch als 3D-Projektion gezeigten Bilder ermöglichen das ebenso verwirrende wie betörende Erlebnis einer übersteigerten Wahrnehmung. Zusätzlich verstärkt wird die visuelle und sensorische Immersion durch die Tonspur des Werks, ein vom Künstler produzierter Mix von Samples der Refrains zweier Stücke des Rocksteady-Musikers Alton Ellis. Wie in den anderen Werken der Ausstellung ersinnt Cyprien Gaillard auch hier aus ungleichen, sogar gegensätzlichen Fragmenten ein neue Erzählung. In dieser vermischen sich Anekdote mit Geschichte und Stadt, Natur und Mensch koexistieren in einem gemeinsamen nicht linearen Raum-Zeit-Gefüge.

Radiophonic Spaces im Museum Tinguely

21Ein akustischer Parcours durch die Radiokunst begleitet von
14 Themenwochen rund um das Radio. 

Museum Tinguely
24.10.2018 – 27.01.2019

Der Autor dieses Textes, Andres Pardey, ist Vizedirektor des Museum Tinguely
und Kurator der Ausstellung
«Radiophonic Spaces» in Basel. 

In den fast hundert Jahren seit Radio existiert, haben sich
Musiker, Komponisten, Schriftsteller, Philosophen und bildende Künstler (sowie viele, die sich nicht in klassische Kategorien einpassen lassen) mit dem Medium Radio auseinandergesetzt. Sie haben die Produktion von Sendungen befragt, die Art der Aufnahme, der Übertragung und des Empfangs und wie Sendungen gespeichert wurden. Das Rauschen zwischen den Sendern war ebenso ein Thema wie die Stille, wenn nicht gesendet wird. Das Speichermedium (die Schallplatte) und die Produktionsumgebung (das elektronische Studio) standen im Zentrum akustischer Recherchen und machten das Medium präsent und bewusst. Radiophonic Spaces im Museum Tinguely weiterlesen

Too early to panic: Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger

Das Schweizer Künstlerduo Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger richtet diesen Sommer  im Museum Tinguely ein dreiteiliges Wunderkammer-Labyrinth ein. Das Publikum hat die einmalige
Gelegenheit, in einen Dschungel aus Werdendem, Wucherndem und Chaotischem einzutauchen und selber darin aktiv zu werden. 

06.06.2018 – 23.09.2018

Séverine Fromaigeat ist Kuratorin am Museum Tinguely. Gemeinsam mit Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger hat sie die grosse Ausstellung entwickelt, wachsen und wuchern lassen.
Séverine Fromaigeat ist Kuratorin am Museum Tinguely. Gemeinsam mit Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger hat sie die grosse Ausstellung entwickelt, wachsen und wuchern lassen.

Von Séverine Fromaigeat
Seit Beginn ihrer Zusammenarbeit im Jahr 1997 erschaffen Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger gemeinsam In-situ-Installationen, üppige und oftmals betörende Universen aus natürlichen Fundstücken und gefertigten Objekten. Wachstum, Transformation und Kristallisation sind Teil ihrer Kunstwerke: Durch chemische Reaktionen erfährt die Installation eine langsame Metamorphose. Der Besucher ist immer wieder eingeladen, in ein fantastisches Universum aus farbenfrohen Landschaften einzutauchen, selbst aktiv zu werden sowie Sinne und Geist anregen zu lassen. Die ebenso zauberhaften wie unheimlichen Installationen des Künstlerduos knüpfen Verbindungen zwischen gegensätzlichen Welten. Sie öffnen den Blick auf das sonderbare Laboratorium des Lebens, auf dessen biologische Vielfalt zwischen Natur und Künstlichkeit und auf die Kräfte von Fruchtbarkeit und Wachstum. 

In Form eines Raum-Zeit-Labyrinths präsentieren Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger einen Überblick ihres 25-jährigen Schaffens. Der Zugang zur Ausstellung erfolgt durch eine von drei Türen – diejenige der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft. Hinter jeder Tür verbirgt sich ein anderes Kapitel ihres Kosmos, das sich wiederum aufgliedert in eine Vielzahl potenzieller Erfahrungen an verschiedenen Stationen. So kann der Besucher unter anderem durch einen Wald von Zweigen streifen, einen Halt in einem Massagesalon einlegen, eine Runde schaukeln, eine Träne für ästhetisch-wissenschaftliche Zwecke vergiessen, sich mit Schönheitsexperten unterhalten, Übungen auf Fitnessgeräten absolvieren oder Auge in Auge mit einem Meteoriten seine psychische Belastbarkeit prüfen.

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Königliche Regenwürmer, 2017
Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Königliche Regenwürmer, 2017, Installation © 2018 Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger

Wer die Tür der Vergangenheit wählt, begibt sich auf eine Zeitreise zu den frühesten Arbeiten des Duos. Diese sehr geordnete Welt weist viele Merkmale einer klassischen Ausstellung auf, mit Objekten, Videos und zweidimensionalen Werken, deren Präsentation etablierten kuratorischen Grundsätzen folgt. Durch ein mit Gerätschaften aller Art vollgestopftes Gartenhäuschen gelangt man zu verschiedenen von den beiden Künstlern über die Jahre angelegten Sammlungen, insbesondere von Samen (Schlafende Samen, 2002, Samensammlung aus Mali, 2003). Das Samenkorn, Keimzelle aller Dinge, steht gleichermassen für die Fruchtbarkeit – diese primäre Energie, die jeder Form von Leben zugrunde liegt – wie für die Wurzeln, die uns sowohl mit unserer eigenen Vergangenheit als auch der Geschichte der Menschheit verbinden. Im weiteren Verlauf folgt das Video Logic of Beauty (2010), ein Strom hypnotischer Bilder, deren Farben und Muster eine magnetische Wirkung ausüben, als ob die Künstler hier die Essenz der Schönheit eingefangen hätten.

Auf das Thema der Schönheit trifft man auch hinter der Tür der Gegenwart. Jeder Raum präsentiert sich als dreidimensionale
Mini-Fiktion, mit eigenen Kulissen, Darstellern und Requisiten. Die Hauptrolle spielt jedoch der Besucher, der die Szenerie zum Leben erweckt. Station für Station beschert ihm eine interaktive, zugleich wissenschaftliche, vergnügliche und philosophische Erfahrung rund um den Begriff der Schönheit. Hier heisst es, seine Schüchternheit an der Garderobe zu deponieren und sich auf die Akteure – eine/n Sekretär/in, eine/n Tränensammler/in und eine/n Personal Trainer/in – einzulassen. Auf dem Programm stehen das Bestaunen von Augensekreten und ihrer winzigen Strukturen unter dem Mikroskop, das Liegen unter einem schweren hängenden Stein, Konzentrationsübungen oder auch eine stille Pause.

Im letzten Bereich wartet die Zukunft mit ihren Unsicherheiten, ihrem Chaos und ihrer Unfertigkeit. Dominiert werden die Räumlichkeiten von einem majestätisch wuchernden Wald, einem schwebenden, vielfarbigen Labyrinth voll mit Verästelungen aus pflanzlichen und künstlichen Elementen, das auf das Gewimmel alles Lebendigen anspielt und dessen im Raum tanzende Formen zum Träumen und Fantasieren anregen. Zum Ende geht der hängende Wald in einen Fitnessraum über, dessen Geräte von den beiden Künstlern auf schelmische Weise so umgestaltet wurden, dass sie neben dem Körper auch den Geist stimulieren.

Mit Too early to panic laden uns Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger auf eine Reise ein – eine Reise, die uns die Welt um uns herum mit neuen Augen sehen lässt.

Gauri Gill. Traces

Museum Tinguely
bis 01.11.2018

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely
Roland Wetzel, Autor des Textes, ist Direktor des Museum Tinguely und Kurator der Ausstellung «Gauri Gill. Traces».

Von Roland Wetzel
Im Sommer 2016 konnte Jean Tinguelys Mengele-Totentanz (1986) in einem neu im Museum eingebauten, «sakralen» Raum installiert werden. Um die Vielschichtigkeit dieses zentralen Spätwerkes hervorzuheben, zeigt das Museum Tinguely eine Reihe von Ausstellungen, die sich mit besonderen Aspekten des Mengele-Totentanzes verbinden. Jérôme Zonders Dancing Room
bildete 2017 den Auftakt. 

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Liebe Kunstfreund*innen

Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely
Roland Wetzel ist Direktor des Museum Tinguely

Von Roland Wetzel
Es ist eines der grossen Privilegien der Museumsarbeit, sich im 3-Monats-Takt mit neuen Inhalten beschäftigen zu dürfen, neue Ausstellungen vor- und aufzubereiten, die interessierte Besucherinnen und Besucher an Entdeckungsreisen teilhaben lassen.

Das Ausstellungsprojekt Radiophonic Spaces vermag dies auf besondere Weise. Ist das Radio doch ein Medium, das uns zwar täglich begleitet, über dessen Nutzung und vielfältige Möglichkeiten wir uns aber selten bewusst sind. Meine ersten Weltreisen spielten sich in meiner Jugend auf unterschiedlichen Frequenzbändern in der Radioätherwelt ab, dem «oberen blauen Himmel» wie die Definition des Wortes besagt, die zwischen dem Rauschen schier unendlich schien. Oder ganz konkret auf FM mit FM die neusten Musiktrends aus London entdecken liess, was 1978 einem unerhörten Einbruch von Rock und Pop in die heile Welt des Heimatkompressertums (der Handorgel) auf der Frequenz des «Nationalradios» darstellte. Wie schnell sich Zeiten und Mediennutzung doch verändern!

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Aneignung und Fortschreibung in der Musik und Kunst seit 1900

RE-SET – Eine Zusammenarbeit der Paul Sacher Stiftung mit dem Museum Tinguely

28.02.2018 – 13.05.2018

Die interdisziplinäre Ausstellung im Museum Tinguely widmet sich dem vielfältigen Thema der kreativen Bearbeitung in der Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwartskunst. Zu sehen sind Musikhandschriften und Kunstwerke, die inhaltlich, strukturell oder konzeptuell schon existierende Werke aufgreifen, umformen, paraphrasieren oder auch demontieren. Der musikalische Teil der Ausstellung, in dem Musikmanuskripte, Briefe, Fotos, Tonaufnahmen, Filme und Instrumente aus den rund 120 Sammlungen der Paul Sacher Stiftung gezeigt werden, gliedert sich in vier Abteilungen: Fremdbearbeitungen, Eigenbearbeitungen, Anknüpfungen an Volksmusik sowie populäre Adaptionen.

Cover der Langspielplatte From Walt Disney’s Fantasia.-Stravinsky – The Rite of Spring, Leopold Stokowski, Philadelphia Orchestra, Anaheim: Disneyland [1958] (WDL 4101A), (Bibliothek PSS)
Cover der Langspielplatte From Walt Disney’s Fantasia.-Stravinsky – The Rite of Spring, Leopold Stokowski, Philadelphia Orchestra, Anaheim: Disneyland [1958] (WDL 4101A), (Bibliothek PSS)
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Here’s the Answer, What’s the Question?

Sofia Hultén im Museum Tinguely
24.01.2018 – 01.05.2018

Lisa Anette Ahlers ist wissenschaftliche Mitarbeiterin/Kuratorin am Museum Tinguely. Sie hat Sofia Hulténs Ausstellung gemeinsam mit der Künstlerin kuratiert.
Lisa Anette Ahlers ist wissenschaftliche Mitarbeiterin/Kuratorin am Museum Tinguely. Sie hat Sofia Hulténs Ausstellung gemeinsam mit der Künstlerin kuratiert.

Von Lisa Anette Ahlers

Die Installationen und Videos von Sofia Hultén nehmen ihren Anfang bei gefundenen Objekten – unscheinbaren Gebrauchsgegenständen oder Material aus der Welt der Baumärkte und Werkstätten. In präzisen, manchmal das Absurde streifenden Manipulationen studiert sie die von einem Vorleben gezeichneten Dinge, greift in deren Zerfallsprozesse ein oder überarbeitet sie zu neuen Arrangements. Die markanten Titel ihrer Arbeiten spielen auf Konzepte aus Philosophie und Quantenphysik sowie auf Motive aus Science-Fiction und Popkultur an. Dadurch stehen sie in einem überraschenden, oft humorvollen Kontrast zur Nüchternheit des von ihr verwendeten Materials und der von ihr gefilmten Situationen. Das Museum Tinguely widmet der in Berlin lebenden Künstlerin (*1972 in Stockholm) in Kooperation mit der Ikon Gallery in Birmingham im Januar die bisher grösste Einzelausstellung.

Poesie und Rätselhaftigkeit des Fundobjekts Here’s the Answer, What’s the Question? weiterlesen

60 Jahre Performancekunst in der Schweiz

PerformanceProcess
60 Jahre Performancekunst in der Schweiz
20.09.2017 – 28.01.2018
Museum Tinguely

Als Schnittstelle zwischen Theater, Tanz, Skulptur und darstellenden Künsten ist die Performance zum privilegierten Medium mehrerer Generationen von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern geworden. Mit einer umfangreichen Präsentation ausgewählter Positionen möchte das Museum Tinguely diese Entwicklung vorstellen. Die Ausstellung nimmt ihren Anfang in den frühen 1960er-Jahren, zu der Zeit in der Jean Tinguely seine ersten autodestruktiven Aktionen realisierte, und erkundet von dort ausgehend mehr als fünf Jahrzehnte performativer Kunst. Als einer der Pioniere auf diesem Gebiet ersinnt Jean Tinguely Homage to New York (1960), das erste sich selbst zerstörende Kunstwerk der Geschichte im Garten des Museum of Modern Art, das ihm über Nacht zu Bekanntheit in der internationalen Kunstlandschaft verhalf, oder mit Study for an End of the World No. 2 (1962), einer skulpturalen Assemblage, die sich in der Wüste Nevadas zu guter Letzt in Rauch auflöst.

Gianni Motti, The Big Illusion-Lévitation, 1994 (in collaboration with illusionist Mister RG), Videostill
Gianni Motti, The Big Illusion-Lévitation, 1994 (in collaboration with illusionist Mister RG), Videostill

Neben Jean Tinguely bilden Künstler wie Urs Lüthi, Daniel Spoerri oder Anna Winteler den historischen Teil der Ausstellung während mit Alexandra Bachzetsis, San Keller, Florence Jung oder Anne Rochat neuere Tendenzen gezeigt werden. In Form von Dokumenten, Fotografien, Videos, Zeichnungen, Objekten und natürlich mit Performances selbst, sind Werke von mehr als 55 Künstlern und Künstlerinnen in der Ausstellung präsent. Jeden Monat präsentieren Künstlerinnen und Künstler historische wie auch speziell für die Ausstellung konzipierte Performances. Höhepunkt bei dieser Erkundung der performativen Künste ist ein zweitägiges, internationales Symposium in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Basel (26.–27.01.2018).

Die Ausstellung wurde von den Gastkuratoren Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser vom Centre culturel suisse Paris in Zusammenarbeit mit Séverine Fromaigeat, Museum Tinguely, kuratiert.

Jérôme Zonder – The Dancing Room

Jérôme Zonder
The Dancing Room
07.06.2017 – 01.11.2017
Museum Tinguely

Roland Wetzel, Direktor Museum Tinguely
Roland Wetzel, Direktor Museum Tinguely

Von Roland Wetzel

Jérôme Zonder (*1974 in Paris) gehört zu den herausragenden Zeichnern seiner Generation. Im Museum Tinguely realisiert er eine Einzelausstellung, die sich mit rund 40 Zeichnungen, einem grossformatigen Wandbild und einer skulpturalen Konstruktion zu einer Rauminstallation zusammenfügt. Jérôme Zonder – The Dancing Room weiterlesen

Wim Delvoye – Ironie und Irritation

Wim Delvoye
14.06.2017 – 01.01.2018
Museum Tinguely

Andres Pardey, Vizedirektor Museum Tinguely

Von Andres Pardey

Im Werk von Wim Delvoye gibt es zwei grosse Konstanten: das Ornament und die Verdauung. Seit seinen frühesten Werken – und zu diesen zählt der Künstler durchaus auch Wasserfarbenbilder oder Collagen aus kleinen Stückchen farbigen Papiers aus seiner Kindheit – sind diese Themen präsent. Wim Delvoye – Ironie und Irritation weiterlesen

Stephen Cripps – Mehr als nur Schall und Rauch

Stephen Cripps
27.1.2017 bis 1.5.2017
Museum Tinguely

Karen N. Gerig ist Autorin von Artinside

Von Karen N. Gerig*
Stephen Cripps, so glauben wir, muss einer jener Buben gewesen sein, die mit glänzenden Augen und entrücktem Blick ein Feuerwerk am Himmel bestaunen. Bei manchen wächst sich das irgendwann aus, bei anderen bleibt es auch im Erwachsenenalter erhalten, so dass sie am Nationalfeiertag und auch an Silvester begeistert Lunte um Lunte zünden.

Stephen Cripps (1952–1982) war das nicht genug. Er wollte mehr: Er ging auf die Kunstschule und baute Feuerwerk in sein Schaffen mit ein. Und so knallt und knistert es nun im Museum Tinguely, wo dem Briten, der nur 30 Jahre alt wurde, eine Retrospektive eingerichtet wurde.

Film mit Knalleffekt
Bis man so richtig versteht, wie Cripps die Pyrotechnik nutzte, muss man ganz ans Ende der Ausstellung gehen. Dort, in einer Black Box, wird einer der wenigen Filme gezeigt, die den Weg in seinen Nachlass gefunden haben: Er zeigt eine Performance aus dem Jahr 1981. In einem Raum hängen und stehen Gongs und Becken, kurz hat man Zeit, deren Form und Standort zu erkennen, dann geht das Licht aus, und schon findet man sich umgeben von schwarzer Dunkelheit.
Dann knallt es, der Raum wird taghell und gleich wieder dunkel. Sanft dröhnt es von den Instrumenten her nach, dann knallt es erneut, und wieder ist der Raum für eine Minisekunde in gleissendes Licht getaucht. Explosion folgt auf Stille folgt auf Explosion, Licht folgt auf Dunkelheit, immer völlig unvermittelt. Bald dröhnen dem Zuschauer die Ohren.
Die extremen Bedingungen, unter denen dieser Film entstand, waren keine Seltenheit in Cripps‘ Schaffen. Wenn man nach der Visionierung zurückgeht durch die Ausstellung, die zu grössten Teilen aus dokumentarischem Material wie Zeichnungen oder Fotografien besteht, so versteht man noch besser, wie dieser Mensch tickte.

Bloss nicht geräuschlos
Cripps liebte alles, was Geräusche machte. Maschinen, Raketen, Düsenjets, Instrumente. Seine Performances waren nie still, und nicht wenige waren gar nicht realisierbar. Eine grosse Orgel zum Beispiel, deren Pfeifen aus leeren Raketenhüllen bestanden hätte, durch die der Wind pfiff. Ein Tanz für Helikopter und Jets. Oder die «Floating Fire Machine» – ein Schiff, beladen mit Unmengen von Feuerwerkskörpern.

Stephen Cripps, Floating Fire Machine, 1975
Stephen Cripps, Floating Fire Machine, 1975

Cripps selber glaubte an eine mögliche Verwirklichung seiner Werke, das belegt etwa der schriftliche Briefverkehr mit der Hafenaufsicht von London, die der Realisierung der «Floating Fire Machine» aus Sicherheitsgründen den finalen Riegel schob.

Anderes hingegen wäre heute nicht mehr möglich, schon gar nicht in Galerieräumen, wurde von Cripps aber noch realisiert. Dazu gehörte die «Burning Xerox Machine» von 1978, ein umfunktionierter Fotokopierer, der solange Papier ausspuckte, das von einer Gasflamme sogleich entzündet wurde, bis das Feuer auf die Maschine übergriff und diese sich selbst zerstörte. Auch liess Cripps das Publikum in einer «Shooting Gallery» mit einer modifizierten Pistole auf klangerzeugende Objekte wie ein Xylophon schiessen. Oder aber er liess Schokokuchen explodieren und diverses mehr, so dass das Publikum von Krümeln oder Splittern getroffen wurde.

All dies liest sich nun, als wäre Cripps ein Maniac gewesen. Ein bisschen verrückt war er wahrscheinlich. Aber immerhin so schlau, sich zum Feuerwehrmann ausbilden zu lassen. Wer sich nun die unzähligen Dokumente im zweiten Obergeschoss des Museum Tinguely zu Gemüte führt, der sieht auch, dass mehr in Cripps steckte, als dieser Text bis hierhin vermuten lässt – er hinterliess mehr als Schall und Rauch.

Laute Performances, leise Zeichnungen
Für die Ausstellung hat Kuratorin Sandra Beate Reimann auf den Nachlass des Künstlers zurückgreifen können, der sich im Henry Moore Institute in Leeds befindet. Darin gibt es, obwohl viele Werke aufgrund ihres ephemeren Charakters nicht mehr vorhanden sind, immer noch vieles zu entdecken über Stephen Cripps, der heute nahezu unbekannt ist, 1980 aber als vielversprechender britischer Künstler gehandelt wurde.

Seine Performances mögen grosse, laute und aufmerksamkeitsheischende Erlebnisse gewesen sein, die Zeichnungen und Entwürfe, die dafür entstanden, sind dagegen leise, teilweise sehr ausgefeilte kleine Kunstwerke.

Stephen Cripps, ohne Titel, (Photo Copier), 1978
Stephen Cripps, ohne Titel, (Photo Copier), 1978

Cripps‘ Zeichnungen in Bleistift, Tinte oder Gouache sind mit Kommentaren versehen, genauen Anweisungen, wie die Performances ausgeführt werden sollten. Ergänzt hat er sie mit Collagen und anderen Materialien: Wachs, Kohle oder auch Sand finden sich auf den papiernen Arbeiten.

Summen, rauschen, plätschern
Daneben gibt es im Museum Tinguely «Sound Works» zu hören. Teilweise rauschen und summen sie aus einer Ecke eines Ausstellungsraumes, viele aber kann man sich an Kopfhörerstationen genauer anhören. Dort plätschert es, Haare werden gekämmt, es quietscht eine Tür. Und bald wird klar, dass Cripps sein Gehör auf alles richtete, was Geräusche machte. Er interessierte sich für mechanische und urbane Klänge ebenso wie für instrumentale und erforschte deren Einfluss auf den umgebenden Raum und den menschlichen Körper.
Cripps experimentierte mit den Elementen Feuer, Wasser und Luft und liess den Zufall in sein Werk. Er wusste dessen poetisches Potenzial auszuschöpfen: Überall, in den Zeichnungen genauso wie in den Geräuschaufnahmen, aber auch in seinen pyrotechnischen Performances, die nicht selten in der vollständigen Zerstörung eines Werkes mündeten.

«Stephen Cripps. Performing Machines» ist eine Kabinettausstellung aus kleineren Arbeiten, die in thematischen Clustern ohne scharfe Grenzen angeordnet sind. Es lohnt sich, Zeit zu investieren, zu lesen und auch zu hören, um den Kosmos von Cripps‘ Œuvre umfassend ergründen zu können. Und zu begreifen, dass alle Teile dieses Werks zusammengehören und ein grosses, medial übergreifendes Ganzes bilden.

  • Karen N. Gerig ist Kunsthistorikerin, hält sich nur zu gern in Museen auf und schreibt (nicht nur deshalb) seit 18 Jahren über Kunst, am liebsten in und um Basel. Zunächst für die Basler Zeitung und die NZZ, dann für die TagesWoche – und immer wieder auch für andere Publikationen. 

Stephen Cripps. Performing Machines

Stephen Cripps
Performing Machines
27.01.2017 – 01.05.2017

Museum Tinguely

Von Sandra Beate Reimann

Das Museum Tinguely zeigt die erste grosse, mono-grafische Ausstellung des britischen Ausnahmekünstlers Stephen Cripps (1952–1982). Stephen Cripps.
Performing Machines
versammelt über 200 Arbeiten, darunter neben einigen Filmen und «Sound Works» vor allem viele Zeichnungen und Collagen, die Einblick in die reiche und ungewöhnliche Ideenwelt des Künstlers geben. Ausgehend von seinem Interesse für kinetische Skulpturen und Maschinen, aber auch für Feuerwerk und das poetische Potenzial von Zerstörung sowie für neue Formen der Musik bewegte sich die äusserst experimentelle künstlerische Praxis von Cripps insbesondere in Bereichen des Performativen. Cripps’ Performances waren radikale Grenzgänge, die heute aufgrund der von ihnen ausgehenden Gefahr für Publikum und Umgebung schlicht undenkbar wären.

Performing Machines

In der kurzen Schaffenszeit von seiner Ausbildung an der Bath Academy of Art in Corsham (1970–1974) bis zu seinem frühen Tod 1982 baute und konzipierte Cripps Maschinen und interaktive Installationen und realisierte pyrotechnische Performances. Das Spektrum seiner Projekte umfasste etwa Entwürfe für einen mechanischen Garten, der ausgestattet sein sollte mit Gummienten auf einem Fliessband und explodierenden Vogelscheuchen. Mithilfe eines Helikopterrotors entstand eine Maschine, die den Galerieraum attackierte und sich dabei zugleich zerstörte.

Er realisierte Installationen, bei denen der Ausstellungsbesucher selbst aktiv werden musste, wie etwa in Shooting Gallery (1976–1978). Hier konnte mit einer modifizierten Pistole auf Becken, ein Xylofon und andere klangerzeugende Objekte geschossen werden. Es handelte sich um ein Arrangement, welches das Publikum zu Akteurinnen und Akteuren einer im Ausstellungsraum stattfindenden, spontanen Performance machte, eine Performing Machine.

Stephen Cripps, Floating Fire Machine, 1975
Stephen Cripps, Floating Fire Machine, 1975

Bei anderen Werken von Cripps kann als Akteurin der Performance – als Performerin – die Maschine selbst verstanden werden. Sie schafft ein sinnlich erfahrbares Ereignis mit Bewegung, Klang, häufig auch Feuer und Rauch. So sollte seine Floating Fire Machine (1975) auf der Themse eine etwa einstündige Pyroperformance bieten: «Alle Teile der Maschine sind mit benzingetränkten
Tüchern umwickelt. Die gesamte Maschine brennt, auch die Schwungräder, die Achsen. Das Feuer beginnt an einem Ende. Grosse, bewegliche Reihen von Feuerwerken, Explosionen, bunte Flammen. In der Mitte tanzende «Bandoleros» von Feuerwerken in den Flammen.» (Stephen Cripps)

Zufall und Zerstörung

Stephen Cripps auf Garden Swing, Artists for Democracy, Fitzrovia Cultural Centre, London, 1976
Stephen Cripps auf Garden Swing, Artists for Democracy, Fitzrovia Cultural Centre, London, 1976

Sowohl Cripps’ Performances als auch seine Arbeiten auf Papier wurden als Prozesse mit offenem Ausgang angelegt. Wichtige Gestaltungselemente waren dabei Zufall und Zerstörung. Viele der Blätter weisen starke Gebrauchsspuren auf. Sie reichen von Knicken und Rissen bis hin zu Schuhabdrücken. Sich zufällig ereignende Unfälle und Zerstörungen wie beispielsweise Tintenspritzer, Verwischungen oder Brandspuren haben in den Arbeiten einen mehrdeutigen Status, jenseits eines ungewollten Malheurs. Teilweise integrieren sich diese Ereignisse scheinbar wie von selbst in die Komposition oder sie werden vom Künstler bewusst aufgegriffen. Eine wichtige Inspirationsquelle für Cripps waren Jean Tinguelys Maschinenskulpturen und seine Aktionen mit sich selbst zerstörenden Kunstwerken wie Homage to New York (1960). Über Tinguely verfasste er auch seine Abschlussarbeit an der Kunstakademie. Das Werk des Briten weist viele Parallelen zu Tinguely auf: Die Integration des Zufalls, der Zerstörung oder des Einflusses der Elemente als ästhetisches Konzept sind grundlegende Themen, die das Werk beider Künstler prägen.

Maschinentanz

Für seine Arbeiten griff Cripps häufig auf die verschiedenen
Ausdrucksformen der darstellenden Künste zurück und entwarf Stücke, Kompositionen und Choreografien für Maschinen. Kontrastreich lässt er dabei unsere geläufigen Vorstellungen von Maschinen und musischen Darstellungsformen aufeinandertreffen.
Dance for Jets and Helicopters, (1970–1982) zum Beispiel sieht als
fliegende, sich drehende und landende Protagonisten einer tänzerischen Performance Kampfflugzeuge und Militärhubschrauber vor. Der militärische Maschinentanz, der auch Elemente wie Bombenabwürfe und Schleudersitzausstiege umfassen sollte, würde von einem auf der Startbahn sitzenden Publikum per audiovisueller Liveübertragung verfolgt. In einem Pas de deux würden zwei Helikopter dafür zu Beginn der Performance den Vorhang öffnen.

Klang und Pyrotechnik als Sinnesereignis

Stephen Cripps, ohne Titel, (Machine Carrying Hot Air Balloon), 1970 – 1976
Stephen Cripps, ohne Titel, (Machine Carrying Hot Air Balloon), 1970 – 1976

Cripps’ pyrotechnische Performances bestanden aus Feuer
und Licht, Schall und Rauch. Wichtig waren ihm vor allem die Klänge und Schalleffekte der Detonationen. Ihn interessierte der Nachhall der Explosionen an den installierten Gongs und Becken, ebenso wie er das Fiepen in den Ohren nach einer lauten Explosion zu den durch die Performance erzeugten Tönen zählte. In der Ausstellung sind auch seine bis heute unveröffentlichten Klangkompositionen zu hören, bei denen beispielsweise quietschende Türen zum Einsatz kamen. Der Künstler sammelte ausserdem lärmende Geräusche, etwa von Düsenjets und Rasenmähern. Sie waren primär als künstlerisches Material zur Verwendung in
seinen Performing Machines gedacht. Cripps konzipierte seine Performances als ein alle Sinne umfassendes Erlebnis: Das Publikum wurde nicht nur mit dem buchstäblich ohrenbetäubenden Lärm der Explosionen konfrontiert, sondern auch von im Raum versprengten Partikeln wie Linsen oder Kuchen getroffen (z. B. Exploding Chocolate Cake, 1979). Auch die Hitze des Feuers war zu spüren. Häufig füllte sich der gesamte Raum mit Rauch, der in die Lungen drang. Als wichtiges Dokument ist William Rabans Filmdokumentation einer Performance aus dem Jahr 1981 in der Ausstellung zu sehen: Das Ereignis fand fast ausschliesslich im Dunkeln statt. Nur die Pyrotechnik erhellte für kurze Momente den Raum. Vollkommen unvorhergesehen erfolgte die Konfrontation mit dem hellen Licht und dem lauten Knallen der Explosionen.

Mit seinem Augenmerk auf Bewegungsformen, Klangaspekte und multisensorische Erfahrung führte Cripps mit seinen Werken auf verschiedenste Weisen das performative Potenzial von Maschinen vor und fragte, bei all ihrer Ambivalenz, nach dem poetischen Ausdruck des Maschinellen.

Dem Ausstellungsprojekt vorangegangen ist eine sich über die letzten zwei Jahre erstreckende Aufarbeitung und Katalogisierung des Archivmaterials im Henry Moore Institute, das den Nachlass von Cripps betreut. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Henry Moore Institute, Leeds, und präsentiert auch Dokumente zu Stephen Cripps’ Performances aus dem Acme Studio Archiv.

*Sandra Beate Reimann ist Kuratorin am Museum Tinguely, Basel