Archiv der Kategorie: Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

#allesistdesign – das Bauhaus und seine Aktualität

Das Bauhaus – #allesistdesign
26.09.2015 – 28.02.2016
Vitra Design Museum

In einer grossen Ausstellung präsentiert das Vitra Design Museum eine umfangreiche Übersicht über das Design am Bauhaus und offenbart dabei die überraschende Aktualität dieser legendären Kulturinstitution.

Das Bauhaus #allesistdesign umfasst eine Vielzahl seltener, teilweise nie gezeigter Exponate aus Design, Architektur, Kunst, Film und Fotografie. Das Design des Bauhauses wird konfrontiert mit aktuellen Designtendenzen und mit zahlreichen Werken heutiger Designer, Künstler und Architekten. Unter den vertretenen Gestaltern des Bauhauses sind Marianne Brandt, Marcel Breuer, Lyonel Feininger, Walter Gropius, Wassily Kandinsky und viele mehr. Aktuelle Ausstellungsbeiträge stammen u.a. von Olaf Nicolai, Adrian Sauer, Enzo Mari, Lord Norman Foster, Opendesk, Konstantin Grcic, Hella Jongerius, Alberto Meda und Jerszy Seymour.

Johannes Itten, Farbenkugel in 7 Lichtstufen und 12 Tönen
Johannes Itten, Farbenkugel in 7 Lichtstufen und 12 Tönen

Ziel des 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten «Staatlichen Bauhaus» war es, einen neuen Typus des Gestalters auszubilden. Dieser sollte am Bauhaus handwerkliche und künstlerische Grundlagen sowie Kenntnisse der menschlichen Psyche, des Wahrnehmungsprozesses, der Ergonomie und der Technik erwerben – ein Profil, das bis heute das Berufsbild des Designers prägt. Das Designverständnis am Bauhaus wies dem Designer aber auch einen umfassenden Gestaltungsauftrag zu: Er sollte nicht nur Dinge des täglichen Gebrauchs gestalten, sondern aktiv an der gesellschaftlichen Umgestaltung teilnehmen. Damit steht das Bauhaus am Anfang eines umfassenden Verständnisses von Design, das heute mit neuem Nachdruck gefordert wird: Unter Stichworten wie Social Design, Open Design oder «design thinking» wird erneut diskutiert, wie Designer ihre Arbeit in einen grösseren Zusammenhang stellen und die Gesellschaft mitgestalten können. Ausgehend von dieser aktuellen Perspektive betrachtet die Ausstellung das Bauhaus als komplexes, vielschichtiges «Labor der Moderne», das mit heutigen Designtendenzen eng verknüpft ist.

Die Ausstellung macht sichtbar, dass das Bauhaus mit seinem offenen Designbegriff ganz entscheidend dazu beigetragen hat, dass Design heute unsere gesamte Lebenswelt durchzieht – eine Verbindung, auf die auch der Untertitel der Ausstellung anspielt: «#allesistdesign».

Lightopia. Ein Panorama des Lichtdesigns

Lightopia
28.09.2013 – 16.03.2014
Vitra Design Museum

realities:united, NIX, Simulationszeichnung, 2005 © Courtesy of realities:united
realities:united, NIX, Simulationszeichnung, 2005 © Courtesy of realities:united
Wie kaum ein anderes Medium hat das elektrische Licht im letzten Jahrhundert unseren Lebensraum revolutioniert. Es veränderte unsere Städte, schuf neue Lebens- und Arbeitsformen und wurde zum Motor des Fortschritts für Industrie, Medizin und Kommunikation. Ausgelöst durch neue Lichttechnologien zeichnet sich in der Welt des künstlichen Lichts heute ein tief greifender Wandel ab. Dieser Entwicklung widmet das Vitra Design Museum nun die Ausstellung Lightopia. Es ist die erste Ausstellung, die das Thema Lichtdesign umfassend präsentiert – mit Beispielen aus Kunst, Design, Architektur und vielen anderen Disziplinen.
Lightopia umfasst etwa 300 Werke, darunter zahlreiche Ikonen aus der bislang noch nie öffentlich gezeigten Leuchtensammlung des Vitra Design Museums, etwa von Wilhelm Wagenfeld, Achille Castiglioni, Gino Sarfatti und Ingo Maurer. Im Zentrum stehen Entwürfe heutiger Designer und Künstler wie Olafur Eliasson, Troika, Chris Fraser, Front Design, Joris Laarman, realities:united und mischer’traxler, die neue Möglichkeiten der Gestaltung mit Licht veranschaulichen. Aus dem Dialog der ausgestellten Werke entsteht ein Panorama des Lichtdesigns – von den Anfängen der Industriegesellschaft bis hin zu Visionen, die unsere Zukunft bestimmen werden.
Lightopia wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm aus Vorträgen, Diskussionen, Symposien und Workshops mit namhaften Künstlern, Designern und Wissenschaftlern. Darunter sind Michele De Lucchi, Ben van Berkel, Winy Maas/MVRDV, Rogier van der Heide, Troika, mischer’ traxler und viele andere.

George Nelson – Architekt, Autor, Designer, Lehrer

George Nelson – Architekt, Autor, Designer, Lehrer
13.09.2008 – 01.03.2009 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

«Das herausragende Problem im
Bereich des heutigen Designs
betrifft die Frage nach den
Wertvorstellungen. Im
Vergleich dazu sind jegliche
anderen Probleme zwar
interessant, sie bleiben jedoch
an der Oberfläche.»
George Nelson, 1961

In Jahr 2008 wäre der amerikanische Designer George Nelson (1908–1986) 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt das Vitra Design Museum die erste umfassende Retrospektive auf sein Werk. Nelson war eine der prägenden Figuren des amerikanischen Designs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der studierte Architekt mit Abschluss in Yale war nicht nur Architekt und Designer, sondern auch ein viel beachteter Autor und Publizist, Dozent, Ausstellungsmacher und passionierter Fotograf. In seinem Büro entstanden Klassiker des modernen Möbel- und Interior Designs: der Coconut Chair (1956), das Marshmallow Sofa (1956), die Ball Clock (1947) und die Bubble Lamps (ab 1952). Als Designdirektor des Möbelherstellers Herman Miller, einem führenden Vertreter modernen Designs in den USA, prägte Nelson das Programm und die Aussendarstellung des Unternehmens über mehr als zwei Jahrzehnte. Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass die Firma die Designer Charles Eames, Alexander Girard und Isamu Noguchi für sich verpflichten konnte. Schon früh vertrat Nelson die Überzeugung, dass Design integraler Bestandteil einer Unternehmensphilosophie sein müsse und wurde damit zu einem Pionier der Unternehmenskommunikation und des Corporate Designs.
Ab Mitte der 1930er- Jahre bis Ende der 1950er-Jahre setzte sich Nelson intensiv mit Fragen des Wohnens und der Ausstattung des Hauses auseinander. In seinem Bestseller «Tomorrows House» (1944, zusammen mit Henry Wright), formulierte Nelson die bahnbrechende Idee der Storage Wall. Um die Wände des Hauses für die Aufbewahrung von Dingen nutzbar zu machen, schlug Nelson vor, diese komplett durch vom Boden zur Decke verlaufende Schrankwände zu ersetzen. Ein für die damalige Zeit revolutionärer Vorschlag und ein Vorgriff auf die Produktflut des westlichen Wirtschaftsbooms, die das Einfamilienhaus nach und nach in ein Warenlager verwandelte.
Als überzeugter Verfechter einer Industrialisierung des Bauens beschäftigte sich Nelson in vielen seiner Texte mit dem Thema Fertigbau. In den 1950er-Jahren entwickelte er ein modular angelegtes Experimental House aus von Plexiglaskuppeln bedeckten Kuben, die sich jeder Bewohner nach seinen individuellen Raumbedürfnissen zum Eigenheim zusammensetzen sollte.
Ebenso ausgiebig wie mit der Architektur und Einrichtung des Wohnhauses beschäftigte sich Nelson mit der Ausstattung des Büros. Er entwarf unter anderem den ersten L-förmigen Schreibtisch als individuelle «Workstation», war wesentlich an der Gestaltung des Action Office von Herman Miller beteiligt (1964) und konzipierte in den 1970er-Jahren sein eigenes Bürosystem «Nelson Workspaces». Wie schon bei Nelsons Wohnmöbeln und bei seiner experimentellen Architektur spielte hier die Idee eines Systems, das auf verschiedenen, frei kombinierbaren Modulen basiert, eine zentrale Rolle.
Die Gestaltungsaufgaben, die Nelson mit seinem Design­büro übernahm, gingen jedoch weit über das Möbeldesign, für das er heute bekannt ist, hinaus und zeichnen sich durch eine aussergewöhnliche Vielfalt aus. Zu seinen Kunden gehörten viele grosse Industrieunternehmen wie Abbott, Alcoa, BP, Ford, Gulf, IBM, General Electric, Monsanto und Olivetti, aber auch die amerikanische Regierung. In Nelsons Büro, das er 1947 in New York gründete und über drei Jahrzehnte leitete, waren zeitweise mehr als 50 Mitarbeiter tätig. Neben Ausstellungen, Restaurantinterieurs und Schauräumen entwarfen Nelson & Company Küchen, Besteck und Geschirr, Plattenspieler und Lautsprecher, Vogelhäuschen und Wetterfahnen, Computer und Schreibmaschinen, Firmenlogos und Verpackungen.
Einen Höhepunkt fanden Nelsons vielseitige Fähigkeiten in der Gestaltung und Organisation der American National Exhibition 1959 in Moskau. Dort wurden Tausende von Nelson und seinen Mitarbeitern ausgewählte amerikanische Industrieprodukte gezeigt, für die er eine riesige dreidimensionale Ausstellungsplattform mit mehreren Ebenen entwickelte. Dazu entwarf er grosse Fiberglasschirme, die zu temporären Ausstellungshallen montiert wurden. Die Moskauer Ausstellung ging als Schauplatz der berühmten «Kitchen Debate» zwischen Nixon und Chrustschow in die Geschichte ein.
Bei Nelson ging das Nachdenken und Schreiben über Design immer seiner praktischen Tätigkeit als Designer voraus oder mit dieser einher. Zeit seines Lebens brillierte er als Autor und Publizist. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift Architectural Forum, arbeitete aber auch für viele weitere namhafte Magazine wie Fortune, Life, Industrial Design, Interiors und Harper’s. Dazu veröffentlichte er mehr als ein halbes Dutzend Bücher zu Designthemen. Zur Hochzeit des Kalten Krieges trat Nelson 1961 mit seinem Vortrag «A Problem of Design. How to Kill People.» im Fernsehen auf: Ein ebenso treffender wie bissiger Kommentar zum Kalten Krieg aus Sicht des Designers. Zusammen mit den Eames war Nelson einer der Pioniere des Multimediavortrags. Häufig griff Nelson dafür auf eigene Fotos zurück, die er während seiner vielen Reisen machte. Seine fotografische Tätigkeit und seine Beschäftigung mit Alltagsästhetik mündeten unter anderem in seinem Buch «How to See», mit dem er Anregungen zu einer bewussteren Wahrnehmung unserer alltäglichen Umgebung lieferte.
Wie Nelson selbst einmal von sich sagte, war er mehr an Systemen und an deren Nutzen für den Menschen interessiert als an Dingen. Nelsons analytischer Blick, seine Auffassung von Design, über die blosse Formgebung hinauszugehen und stets in grösseren (Nutzungs-)Zusammenhängen zu denken, wie auch seine Leistungen im Bereich der Designvermittlung, lassen sein Werk gerade heute wieder hoch aktuell und interessant erscheinen.

Der Bau einer Kultur des 21. Jahrhunderts

DUBAI NEXT – Eine Ausstellung der Dubai Culture & Arts Authority
05.06.2008 – 14.09.2008 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

Jeder kennt die neuen architektonischen Sehenswürdigkeiten Dubais, doch die eigentlichen Zukunftsversprechen dieser Stadt gehen über ihr dynamisches Wachstum und ihre spektakulären Bauten hinaus. Dubai ist eine lebhafte, multikulturelle und weltoffene Gemeinschaft bestehend aus mehr als 200 verschiedenen Nationalitäten – und gerade diese Menschen sind die Antriebskraft hinter der viel publizierten Fassade von Dubai. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die drastische Veränderung dessen, was Menschen über Nationalitäten, Traditionen und Kultur denken, offensichtlicher als hier.
Vor wenigen Wochen wurde die Dubai Culture & Arts Authority ins Leben gerufen, um in den kommenden acht Jahren Dubai zu einem Zentrum internationaler und regionaler Kultur zu entwickeln. Um die Offenheit dieses Ansatzes von Anfang an zu artikulieren, hat die neue Kulturverwaltung Künstler aus verschiedenen Ländern, darunter auch aus Dubai, beauftragt, ein Zeitbild der Stadt zu entwerfen. Federführend sind der holländische Architekt Rem Koolhaas und der palästinensische Kurator Jack Persekian.
«Dubai Next: Der Bau einer Kultur des 21. Jahrhunderts» ist das erste Projekt dass im Rahmen Dubai Culture & Arts Authority entwickelt wird. Die Ausstellung erzählt die Geschichte Dubais aus einem kulturellen Blickwinkel. Sie zeigt die Entstehung einer Kultur des 21. Jahrhunderts und veranschaulicht, wie diese Kultur in architektonischen, städtebaulichen und kulturellen Projekten für die nächsten Jahrzehnte Gestalt annimmt. Die Ausstellung «Leben unter dem Halbmond» wird durch diese Ausstellung um eine hochaktuelle Perspektive ergänzt und zu einem Gesamtpanorama der heutigen arabischen Welt abgerundet.
Ein weiterer Grund für das Vitra Design Museum, diese Ausstellung zu präsentieren, sind die Parallelen in der Zusammenarbeit mit internationalen Architekten zwischen dem Vitra Campus und Dubai. Das Vitra Design Museum sowie die umliegenden Bauten von Zaha Hadid, Tadao Ando, Alvaro Siza und anderen waren vor 20 Jahren eines der ersten Beispiele für die Kraft anspruchsvoller Architektur, einen Ort zu prägen und ihn «auf die Landkarte» zu bringen. In ganz anderer Dimension werden ähnliche Strategien heute in Dubai angewendet – und lassen damit hochinteressante Rückschlüsse auf die Möglichkeiten aktueller Architektur- und Kulturpolitik zu. Diese Möglichkeiten und ihre Bedeutung für die bunt gemischte Gesellschaft Dubais sind es, die Rem Koolhaas und Jack Persekian in der Ausstellung mit einer künstlerisch-soziologischen Installation in Szene setzen.

Leben unter dem Halbmond – Die Wohnkulturen der arabischen Welt

Leben unter den Halbmond – Die Wohnkulturen der arabischen Welt
23.02.2008 – 31.08.2008 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

„In der Kasbah von Algier ist alles vorhanden: alle Elemente einer Architektur, die unendlich sensibel für die menschlichen Bedürfnisse und Wünsche ist.»

«Leben unter dem Halbmond» im Vitra Design Museum
«Leben unter dem Halbmond» im Vitra Design Museum

Mit diesem Ausspruch beschrieb Le Corbusier seine grosse Begeisterung für die Architektur des Orients. Wie er werden auch heute noch viele Architekten und Designer von der arabischen Welt inspiriert. Gleichwohl beschränkt sich unser Wissen über diese Länder, bedingt durch die aktuelle politische Situation, zumeist auf die täglichen Nachrichten aus Politik und Gesellschaft. Mythos und Realität der arabischen Welt untersucht nun das Vitra Design Museum in seiner Ausstellung «Leben unter dem Halbmond», die einen umfassenden Überblick über die faszinierenden arabischen Wohnkulturen gibt.
Die Ausstellung zeigt, wie unterschiedlich man zwischen Marokko, Syrien und der arabischen Halbinsel wohnt – von den Nomadenzelten der Tuareg und der Beduinen über marokkanische Kasbahs, prächtige Hofhäuser in Städten wie Marrakech, Damaskus oder Kairo bis hin zu Gebäuden des 20. Jahrhunderts von Architekten wie Hassan Fathy, Elie Mouyal oder Abdelwahed El-Wakil und Boomregionen wie Dubai. Zahlreiche Modelle und begehbare Räume lassen den Besucher die unterschiedlichen Bauten erleben, während Gebrauchsobjekte wie Keramiken, Textilien, Werkzeuge und Architekturelemente die Wohn- und Lebensgewohnheiten veranschaulichen. Der aufwendige Raumparcours vermittelt auch die raffinierte und sinnliche Seite des Wohnens in den arabischen Ländern. Für die Ausstellung wurden zahlreiche Fotos und Filme von bislang kaum bekannten Wohnformen neu produziert.
Mit den Interieurs der Privathäuser öffnet «Leben unter dem Halbmond» dem Besucher eine bislang kaum bekannte Sphäre der arabischen Welt, denn diese wird hier seit je streng vor Fremden geschützt. Da uns kein Bereich des Alltags so vertraut ist wie unser Wohnumfeld, ermöglicht es die Ausstellung dem Besucher, sich vergleichend ein eigenes Bild des Lebens in der arabischen Welt zu machen. Dabei wird deutlich, dass die Herausforderungen des Designs stets die gleichen sind: Welche Lösungen erfordern die Abläufe des privaten Alltags – Schlafen, Essen, Wohnen, Hausarbeit? In welchem Verhältnis zueinander stehen Dekoration, Form und Funktion von Bauten und Gegenständen? Inwiefern sind Ornamente, Symbole und Farben auch heute noch Ausdruck kultureller Identität?

Landhaus in Qahtan, Saudi Arabien
Landhaus in Qahtan, Saudi Arabien

Im Umgang mit diesen Anforderungen offenbart das reiche Erbe der arabischen Wohnkulturen eine oftmals verblüffende Modernität, sei es in den reduzierten Grundformen vieler Objekte, in der multifunktionalen Nutzung von Räumen und Dingen oder in Systemen zur Klimatisierung oder zur Steuerung des Wasserverbrauchs. Architekten, wie der Ägypter Hassan Fathy und der Marokkaner Elie Mouyal, haben sich viele dieser Lösungen in ihren Bauten zunutze gemacht und mit Elementen der modernen Architektur verbunden. Wesentlich vorangetrieben wurde der Einfluss der Moderne durch Architekten wie Jean-Francois Zévaco, Edmond Brion, Wolfgang Ewerth, Michel Ecochard, Yona Friedman, Frei Otto und anderen. Sie nutzten ab den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts die arabischen Länder als wichtiges Experimentierfeld und entwickelten hier den Internationalen Stil weiter. Welche Bedeutung die arabische Welt mittlerweile für die internationale Architektur hat, zeigen Villenprojekte auf der arabischen Halbinsel von Arata Isozaki oder Studio 65, aber auch das Institut du Monde Arabe in Paris von Jean Nouvel.
Die Ausstellung «Leben unter dem Halbmond» zeigt aber auch die Schattenseiten einer radikalen Modernisierung der arabischen Architektur wie den Verfall ganzer Altstadtviertel, die Landflucht und uniforme Trabantenstädte. Viele der traditionellen Wohnformen, die die Ausstellung vorstellt, konnten für «Leben unter dem Halbmond» vielleicht ein letztes Mal dokumentiert werden. Organisationen wie der Aga Khan Trust for Culture setzen sich dafür ein, dass sich die heutigen Architekten mit diesen Problemen auseinandersetzen. Für eine sinnvolle und nachhaltige Modernisierung ihrer Architektur und ihrer Wohnfomen verfügen die arabischen Länder, so zeigt die Ausstellung «Leben unter dem Halbmond», über ein grosses Repertoire an Lösungen innerhalb ihrer eigenen Traditionen. Und was wir vom Orient noch lernen können: Die oberste Tugend jedes privaten Haushalts ist und bleibt die Gastfreundschaft.

Le Corbusier – The Art of Architecture

Le Corbusier – The Art of Architecture
29.09.2007 – 10.02.2008 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

Das Schaffen des Schweizer Architekten in den verschiedensten Disziplinen

2007-03-05FfDas architektonische Werk von Le Corbusier (1887-1965) erstreckt sich über eine Periode von 60 Jahren – von seinen ersten Bauten in seiner Schweizer Heimatstadt La Chaux-de-Fonds über die «weissen Villen» der Zwanziger Jahre, wie etwa die Villa Savoye (1928-31), bis hin zum Spätwerk, zu dessen Höhepunkten etwa die Bauten im indischen Chandigarh (1952-64) gehören. Doch nicht nur als Architekt, sondern auch als Designer, Urbanist, Maler, Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller gilt Le Corbusier als eine der bedeutendsten Figuren im kulturellen Leben des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung «Le Corbusier – The Art of Architecture» gibt einerseits einen Überblick über das Schaffen Le Corbusiers in den verschiedensten Disziplinen. Seine zentralen Architekturprojekte werden dabei ebenso gezeigt wie Originalgemälde, Publikationen oder persönliche Objekte. Andererseits greift sie, gegliedert in die Bereiche «Contexts», «Privacy and Publicity» sowie «Built Art», jene Leitthemen heraus, die für das Verständnis von Le Corbusiers Werk wichtige Ansätze liefern. Dazu zählen sein Interesse am Mediterranen und dem Orient, seine Hinwendung zu organischen Formen in den Dreissiger Jahren, aber auch sein Interesse an neuen Technologien und Medien. So ermöglicht die Ausstellung das ganzheitliche Verständnis eines Oeuvres, dessen Schlüsselidee die «Synthese der Künste» war, welche sich in dem typisch corbusianischen Zusammenspiel von Architektur, Städtebau, Malerei, Design, Film und anderen Disziplinen manifestiert.

Villa Savoye, Poissy, 1928-31 © Pro Litteris
Villa Savoye, Poissy, 1928-31 © Pro Litteris
Den Kern der Ausstellung bildet eine Vielzahl von Exponaten aus der Fondation Le Corbusier in Paris wie Originalgemälde, -möbel, -zeichnungen, -pläne und Skulpturen sowie über 70 Kleinobjekte aus der privaten Sammlung des Architekten, die ihm als Inspiration, Vorlage und Demonstrationsobjekte dienten. Le Corbusiers wichtigste Bauten werden sowohl mit Original- als auch mit eigens neu gefertigten Architekturmodellen und Rauminstallationen veranschaulicht. Zu den beeindruckendsten Exponaten zählen ein monumentales Wandbild aus Le Corbusiers eigenem Büro in der Pariser Rue de Sèvres (1948), ein Grossmodell des Philips-Pavillons (1958), von Le Corbusier selbst gedrehtes Filmmaterial sowie die Rekonstruktion des historischen Modells des «Plan Voisin» (1925), Le Corbusiers utopischen Masterplan für Paris. Dass Le Corbusier stets in engem Dialog mit künstlerischen Zeitgenossen arbeitete, zeigen ergänzende Exponate wie Originalmöbel von Charlotte Perriand und Jean Prouvé sowie Gemälde von Fernand Léger und André Bauchant. Von besonderem Reiz ist die Ausstellung in Frank Gehrys Museumsgebäude in Weil am Rhein aber auch deshalb, weil das Museum nur unweit von Le Corbusiers Bauten in Ronchamp (1950-55) und Kembs-Nifer (1960-62) entfernt liegt. Auf den Dialog zwischen zwei Grossmeistern der Architektur – Le Corbusier und Frank Gehry – darf man gespannt sein.

Zerstörung der Gemütlichkeit?

Zerstörung der Gemütlichkeit? Der Wandel von Wohnidealen
10.02.2007 – 28.05.2007 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

Programmatische Wohnausstellungen des 20. Jahrhunderts im Vitra Design Museum in Weil am Rhein/D

Blick in die Ausstellung «Zerstörung der Gemütlichkeit»
Blick in die Ausstellung «Zerstörung der Gemütlichkeit»
Von Jugendstil bis Droog, vom Stahlrohr-und-Glas-Ambiente der Neuen Sachlichkeit zum Deutschen Punk-Design der 1980er Jahre, vom skandinavischen Einrichtungsstil zur Wohnlandschaft des Popzeitalters: «Zerstörung der Gemütlichkeit?» präsentiert den Wandel von Wohnidealen im 20. Jahrhundert anhand eines Rückblicks auf 16 bedeutende Ausstellungen von 1901 bis in die jüngste Vergangenheit. Mit 140 Möbeln und Leuchten aus der Sammlung des Vitra Design Museums: von Alvar Aalto, Ron Arad, Max Bill, Marcel Breuer, Le Corbusier, Charles Eames, Josef Hoffmann, Arne Jacobsen, Jasper Morrison, Verner Panton, Eero Saarinen, Ettore Sottsass, Stiletto, Mies van der Rohe und vielen anderen.
Ausstellungen haben die Stilgeschichte des Wohnens im 20. Jahrhundert massgeblich beeinflusst. Kein Medium eignet sich besser, neue Möbel, Einrichtungsideen und Wohnprogramme einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen und sie zugleich haptisch und räumlich erfahrbar zu machen. So wurden Ausstellungen über die Jahrzehnte immer wieder genutzt, um Wohnkonventionen und traditionelle Einrichtungskonzepte zu hinterfragen und neue Wohnideale zu proklamieren. Mustersiedlungen und Schauwohnungen dienten Architekten als kreatives Experimentierfeld, ohne die Sach- und Finanzzwänge des Bauwesens oder der Serienproduktion. Designer zeigten in Ausstellungen ihre Wohnvisionen von morgen, Unternehmen präsentierten auf diesem Weg das Gestaltungspotenzial neuer Werkstoffe. Museen und Messen gelang es immer wieder, die wichtigsten gestalterischen Tendenzen ihrer Zeit wie in einem Brennglas zu bündeln, um den Blick der Öffentlichkeit auf die neuen Einrichtungsmöglichkeiten zu lenken. Nicht selten auch als Orientierungshilfe oder gar mit pädagogischen Absichten.
Auf all diesen Ebenen haben Ausstellungen im 20. Jahrhundert eine Vorreiterrolle für modernes Wohnen übernommen. Im Stilwandel des häuslichen Interieurs der letzten 100 Jahre verkörpern sie gleichsam die extremen Ausschläge, die Spitzen der Entwicklung, während sich die Wohngewohnheiten der breiten Bevölkerung nur vergleichsweise langsam wandeln. Sowohl durch ihr unmittelbares Publikum, als auch als Inspirationsquelle für Architekten und Designer sowie über die ikonenhaften Bilder, die sie mitunter generieren, haben diese Wohnausstellungen das alltägliche Wohnen im 20. Jahrhundert geprägt Sie trugen zur Kanonisierung von Stilen ebenso bei wie zur Etablierung von Designklassikern. Vor allem aber haben sie unsere Vorstellung vom gemütlichen Heim immer wieder radikal in Frage gestellt.

Die Poetik des technischen Objekts

Jean Prouvé – Die Poetik des technischen Objekts
23.09.2006 – 28.01.2007 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

Das Vitra Design Museum zeigt die erste umfassende und systematische Ausstellung zu Möbeln und Architektur von Jean Prouvé

Jean Prouvé, Sessel für die Cité universitaire, Nancy, 1931-1932
Jean Prouvé, Sessel für die Cité universitaire, Nancy, 1931-1932
Jean Prouvé vermag uns zu inspirieren als jemand, der Kreativität, Unternehmertum und Arbeitsethik mit grossem Erfolg zu verbinden wusste. In seinem Œuvre verknüpfte er Handwerk mit Industrie und Design mit Architektur, und mit jedem Schritt trug er die Summe seiner Erfahrungen weiter – als Kunstschmied des Art déco, als Fabrikant und Konstrukteur von Möbeln und Architektur und schließlich als hochgeschätzter Lehrer. Dabei suchte er nie nach der eigenen Handschrift, sondern immer nach logischen Antworten auf die gewünschten Funktionen und die verfügbaren Mittel. Gerade daraus erklärt sich der authentische, unverwechselbare Ausdruck seiner Arbeiten.
Prouvé wird heute als einer der innovativsten Konstrukteure in Architektur und Möbelbau des 20. Jahrhunderts geschätzt. Demontierbare Leichtbauten – von kleinen Baracken bis zu grossen Hallen – multifunktionale Fassadensysteme sowie verstell- oder zerlegbare, extrem solide Möbel entwickelte er konsequent aus seinen produktionstechnischen Kenntnissen heraus. Mit der wachsenden Technikbegeisterung der letzten Jahre traten Prouvés einflussreiche Erfindungen von Gebäudekonstruktionen und die schlichten industriellen Funktionsmöbeln erneut ins Bewusstsein und erlebten hohe Wertsteigerungen.
Diese erste umfassende und systematische Wanderausstellung zu Möbeln und Architektur, die Jean Prouvé (1901-1984) von 1924 bis Mitte der 1970er Jahre schuf, folgt in ihrem Konzept Prouvés eigenen Ideen. Gastkurator Prof. Bruno Reichlin stützt sich dabei auf die berühmten Kurse, die Prouvé von 1957 bis 1970 am Pariser CNAM (Conservatoire National des Arts et Métiers) abhielt. Gezeigt werden die wichtigsten Originalmöbel, viele originale Architekturelemente (darunter ein wieder aufgebautes «Maison de Sinistrés») sowie zahlreiche Architekturmodelle, Photographien und Originalzeichnungen zu Architektur und Möbeln.
Die meisten Ausstellungsstücke stammen aus den Beständen des Vitra Design Museums. Wichtige Leihgaben wurden außerdem von den Pariser Galeristen Philippe Jousse und Patrick Seguin, den Archives Départementales de Meurthe et Moselle in Nancy sowie der Familie Prouvé beigesteuert.

Design der schrillen 60er Jahre

Joe Colombo – Die Erfindung der Zukunft
21.01. – 10.09.2006 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Wie kein zweiter Gestalter visualisiert der Italiener Joe Colombo mit seinen funktionalen Entwürfen die Technologieverliebtheit der Nachkriegsgeneration.

Joe Colombo, Containermöbel, Combi -Center, 1963-64
Joe Colombo, Containermöbel, Combi -Center, 1963-64
In die Decke eingelassene Fernseher, schwenkbare Wände mit eingebauter Minibar, «nukleare Städte» unter der Erde – der italienische Designer Joe Colombo schuf Entwürfe, die auch aus einem James-Bond-Film seiner Zeit stammen könnten. Sie sind typisch für das Design der schrillen sechziger Jahre, beeindrucken aber zugleich durch Funktionalität und markante Formen. Als einer der erfolgreichsten Gestalter seiner Zeit entwarf Colombo Designklassiker, darunter der Sessel «Elda», der Stuhl «Universale» oder die Leuchte «Alogena». 1971 starb Joe Colombo im Alter von 41 Jahren. Die Ausstellung «Joe Colombo – Die Erfindung der Zukunft» ist die erste internationale Retrospektive, mit der das Werk Colombos gewürdigt wird.
In enger Kooperation mit dem Studio Joe Colombo entstanden, das den Nachlass des Designers verwaltet, präsentiert die Ausstellung eine Fülle bislang noch nicht gezeigter Materialien zu Joe Colombos Schaffen. Darunter sind Prototypen, experimentelle Stücke, aber auch viele originale Handskizzen, Pläne, Broschüren, Architekturmodelle, mehrere Filme und Originalfotos. In vier Gruppen gegliedert, folgt die Ausstellung der rasanten Entwicklung von Colombos kurzer Karriere und vermittelt einen anschaulichen Eindruck von seiner grossen Produktivität, die Zeitgenossen schon zu Colombos Lebzeiten faszinierte.
Der erste Bereich zeigt Colombos Frühwerk in den fünfziger Jahren. Colombo studierte bildende Kunst an der Mailänder Brera-Akademie und schloss sich Anfang der fünfziger Jahre zunächst der Bewegung der Nuklearen Malerei um Enrico Baj und Sergio Dangelo an. Schon früh interessierte er sich auch für Architektur, entwarf die Utopie einer unterirdischen, nuklearen Stadt, frequentierte die Mailänder Jazzclubs und begann, sich auch für Design zu interessieren.
Im zweiten Bereich wird der Beginn von Colombos Karriere als Designer präsentiert, die um 1962 begann. Innerhalb weniger Jahre schuf Colombo viele seiner bekanntesten Entwürfe und begann eine produktive Zusammenarbeit mit wichtigen Designunternehmen seiner Zeit, darunter Kartell, Zanotta, Stilnovo, Oluce, Alessi, Rosenthal und vielen anderen, die seine Entwürfe grossteils bis heute produzieren. Mit dem «Universale» von 1964-67 schuf Colombo einen der ersten Stühle, die komplett in einer Gussform hergestellt werden, und auch aus Schichtholz, Leder und Rattangeflecht gestaltete er formal innovative Möbel.
Im Verlauf seiner kurzen Karriere wandte sich Colombo vom Einzelentwurf jedoch immer mehr der Gestaltung ganzer Interieurs und der Suche nach modularen und flexiblen Objekten zu. Im dritten Bereich der Ausstellung werden Sitzmöbel wie der «Tube Chair» und der «Multi Chair» präsentiert, die beide auf einfachste Weise ein Maximum an unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten bieten, aber auch die vielen Containermöbel, die den Wohnraum der Zukunft als multifunktionale Einheiten prägen sollten. Colombos Vision einer rationalen Welt, in der Design auf wissenschaftlicher Recherche basieren sollte, veranschaulichen auch seine vielen Entwürfe im Bereich des Industriedesigns, darunter Autos, Uhren, Skibindungen, Gläser, Klimaanlagen sowie das Bordservice für die italienische Fluglinie Alitalia.
Vier ausgewählte Projekte aus Colombos letzten Schaffensjahren zeigen im vierten Bereich der Ausstellung, wie der Designer es 1969 bis 1971 schaffte, die Synthese aller seiner zuvor entwickelten Ideen zu verwirklichen. In futuristischen Interieurs wie der Visiona 1, seinem eigenen Appartement von 1970 und dem Total Furnishing Unit von 1971 verschmolz Colombo die einzelnen Objekte des Wohnraums zu komplexen, multifunktionalen «Wohnmaschinen», die sich den Bedürfnissen und Wünschen des Menschen anpassen sollten. Mit diesen Entwürfen, die ihrer Zeit in vielem weit voraus waren, schuf Colombo Ikonen des futuristischen Designs der sechziger Jahre.