Schlagwort-Archive: Malerei

Marlene Dumas – Im Bann der Malerei

Marlene Dumas
31.05.2015 – 06.09.2015
Fondation Beyeler

Marlene Dumas ist eine leidenschaftliche Malerin. Ihre Kunst fasziniert und irritiert. Dem umfangreichen Werk dieser bemerkenswerten Künstlerin widmet die Fondation Beyeler vom 31. Mai bis 6. September die bisher umfassendste Retrospektive in Europa mit dem Titel «The Image as Burden»

Marlene Dumas, For Whom the Bell Tolls, 2008, The Rachofsky Collection and the Dallas Museum of Art through the DMA/amfAR Benefit Auction Fund, © Marlene Dumas, Foto: Peter Cox, © 2015, ProLitteris, Zürich
Marlene Dumas, For Whom the Bell Tolls, 2008, The Rachofsky Collection and the Dallas Museum of Art through the DMA/amfAR Benefit Auction Fund, © Marlene Dumas, Foto: Peter Cox, © 2015, ProLitteris, Zürich

Von Jana Kouril*

Im Zentrum des Schaffens von Marlene Dumas steht die Beschäftigung mit dem Porträt und der menschlichen Figur. Die Ausstellung The Image as Burden bietet einen Überblick über ihr Schaffen von der Mitte der 1970er-Jahre bis heute. Zusätzlich zu Dumas’ wichtigsten Bildern und Zeichnungen werden experimentelle Collagen aus ihrem Frühwerk sowie mehrere, in neuerer Zeit entstandene Gemälde zu sehen sein.

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Paul Gauguin – Ein Künstler zwischen den Welten

Paul Gauguin
08.02.2015 – 28.06.2015
Fondation Beyeler

Raphael Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler
Raphael Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler

Von Raphaël Bouvier*
Seine zukunftsweisenden Werke gehören zu den Ikonen der modernen Kunst, die mit ihren «reinen», leuchtenden Farben und flächigen Formen die Kunst revolutionierten und für die modernen Künstler der kommenden Generation massgeblich wurden. Kein Künstler vor Gauguin hatte so konsequent versucht, seine Suche nach Freiheit und Glück in Leben und Kunst zu verwirklichen. Hierin liegt auch der Grund für seine enorme Popularität, die bis heute anhält. Paul Gauguin – Ein Künstler zwischen den Welten weiterlesen

Ein Mann, der in vielen Welten zuhause ist

Peter Doig in der Fondation Beyeler
23.11.2014 – 22.03.2015
Fondation Beyeler

Von David Schmidhauser*
Peter Doig ist ein Mann, der in vielen Welten zuhause ist. Geboren wurde er 1959 im schottischen Edinburgh, bereits zwei Jahre später aber zog die Familie nach Trinidad, um fünf Jahre darauf abermals den Wohnort zu verlegen, dieses Mal nach Kanada. Heute lebt Doig in London, New York und Trinidad und unterrichtet an der Kunstakademie Düsseldorf. Er gehört zu den erfolgreichsten Malern seiner Generation. Seine Bilder sind Gegenwelten zum trüben Alltag, mit leuchtenden, mal durchscheinenden Farben, winzigen Details und grossen Flächen. Sie entführen den Betrachter in fremde bisweilen exotische Welten, die aber keine Paradiese sind, sondern vielmehr geheimnisvolle Zufluchtsorte. Doig kennt die wilde Natur von Trinidad ebenso wie die weiten Flächen Kanadas, gleichzeitig den urbanen Groove von New York und London. Ausgehend von seiner persönlichen Erfahrung, setzt er die ihm vertrauten Bildwelten neu zusammen und kreiert faszinierende Stimmungslandschaften. Ein Mann, der in vielen Welten zuhause ist weiterlesen

Piet Mondrian – Barnett Newman – Dan Flavin

Piet Mondrian – Barnett
Newman – Dan Flavin
08.09.2013 – 19.01.2014
Kunstmuseum Basel

BürginVon Bernhard Mendes Bürgi

Ausgangspunkt ist eine Gruppe von Gemälden, die zwischen 1919 und 1921 entstanden sind, in denen Piet Mondrian (1872–1944) pionierhaft seine vom Kubismus inspirierten Bezüge zur sichtbaren Wirklichkeit verlässt. Diese ikonenhaft verdichteten Tafelbilder der Pariser Jahre beschränken sich ausschliesslich auf die Verwendung horizontaler und vertikaler Linien sowie die drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau und die Nicht-Farben Schwarz, Weiss und Grau. Mondrian nannte seine Form der Abstraktion «Neue Gestaltung», mit der er nach einer Anwendbarkeit auf alle Lebensbereiche suchte und das «reine Sehen des Universalen» offenbaren wollte, das über die Malerei hinausreicht. Obwohl Mondrian in der Theorie für seine letztlich symbolistische Farbgebung mathematische Exaktheit in Anspruch nahm, lotete er die asymmetrisch rhythmisierten Beziehungen von Lineatur und Farbfläche während des Malprozesses intuitiv aus, was insbesondere in häufigen Übermalungen zum Ausdruck kommt. Diese malerischen Subtilitäten bewirken, dass die von calvinistischer Kargheit und mystischer Weltsicht geprägten Kompositionen nie schematisch und glatt, sondern strahlend direkt wirken. Den Abschluss von Mondrians Werkgruppe bilden Gemälde, die zwischen 1937 und 1942 in Paris, London und New York entstanden sind. In ihnen dominiert das strukturelle Feld der schwarzen Lineaturen auf weissem Grund, die in New York City I, 1941, auf experimentelle Weise zum Teil durch farbig bemalte Papierstreifen ersetzt werden.
Barnett Newman (1905–1970) wollte 1948 in seinem Manifest The Sublime Is Now seine Position antithetisch zur europäischen Abstraktion herausarbeiten und urteilte programmatisch über Mondrians Kunst, sie versetze einen mittels einer repräsentativen Darstellung der mathematischen Äquivalente der Natur in eine sinnlich makellose Welt. Die amerikanischen Maler hingegen,

Dan Flavin, untitled (to Barnett Newman) four, 1971, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich © 2013, Pro Litteris, Zürich
Dan Flavin, untitled (to Barnett Newman) four, 1971, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich © 2013, Pro Litteris, Zürich
Newman dachte auch an seine Malerkollegen des Abstrakten Expressionismus wie Mark Rothko, würden mit nichts beginnen, was auf physikalische, visuelle oder mathematische Gewissheiten zurückverweist. Newman wollte die Farbe von ihrer kompositionellen Unterordnung und allen sonstigen Prinzipien lösen, sie zum massgeblichen Ausdrucksträger werden lassen und geradezu «erschaffen». Diese befreiende Entfaltung der Farbe auf teilweise riesigen Bildformaten zielte auf die metaphysische Erfahrung des Erhabenen, die Newman mit dem Begriff des «Sublimen» umschrieb. Der Schritt zur formlosen Monochromie wäre naheliegend gewesen, aber Newman setzte schmale, meist vertikale Streifen, die das Gemälde durchlaufen, als akzentuierende Elemente in das Farbkontinuum. Diese «zips», wie er sie nannte, sind mehr rhythmisierende Andeutungen als exakte Lineaturen, welche die Farbfelder unterteilen und sie gleichzeitig verbinden.
Dan Flavin (1933–1996) verzichtete in den frühen 1960er-Jahren auf Malerei und Skulptur. Er nahm eine faktische Haltung ein und schuf, anderen Minimalisten wie Donald Judd oder Carl Andre ähnlich, ein Instrumentarium, das sich primär auf die serielle Anordnung von Objekten mit einfacher Form und karger Stofflichkeit in einem bestimmten räumlichen Kontext beschränkt. Flavins Licht-installationen kombinieren sich aus genormten handelsüblichen Leuchtstoffröhren und ihren dazugehörigen Halterungen, die einen architektonischen Raum je nach Wahrnehmung strukturieren oder ihn durch die physische Präsenz des Lichtschimmers auflösen. In untitled (to Barnett Newman) four, 1971, steht die rektanguläre Anordnung von primärfarbenen Röhren übereck. Die horizontal angeordneten gelben Röhren strahlen frontal, die vertikal angebrachten blauen Röhren seitlich in den Raum und die für den Betrachter nicht sichtbaren roten lösen die Eckzone zu einer Resonanzfläche in Rosa auf. Licht, Linie und Farbe sind zur untrennbaren «Erscheinung» verschmolzen, die frei von Rahmen oder Sockel den realen Raum besetzt. Die repetitiv eingesetzten Elemente sind ganz dem Alltagsleben und der industriellen Produktion verpflichtet und verneinen – trotz Lichtmagie – jene werkübergreifende metaphysische Dimension, die Mondrian und Newman eint.
Barnett Newman, Eve, 1950, Tate, London, Ankauf 1980 © 2013, Pro Litteris, Zürich
Barnett Newman, Eve, 1950, Tate, London, Ankauf 1980 © 2013, Pro Litteris, Zürich
Dieser Ausstieg Flavins aus dem klassischen Tafelbild und seine Hingabe an den Realraum waren eine zeittypische Äusserung der 1960er-Jahre, in denen gar der Tod der Malerei erklärt wurde. Gleichzeitig spielte Flavin in seinen Untertiteln beziehungsweise Widmungen auf die Heroen der abstrakten Malerei an und verwies unter anderem auf die Bedeutung der Primärfarbentrias Rot, Gelb und Blau, wie sie Mondrian verabsolutiert und Newman gefürchtet hatte. Denn der Titel von Newmans vierteiliger, monumentaler Gemäldefolge Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue zielte weniger auf den Betrachter, der von der Macht der Farbe überwältigt wird, als vielmehr auf den Künstler selber, der erst am Ende seiner künstlerischen Laufbahn – von 1966 bis 1970 – die Wirkungskraft dieses Urthemas der puristischen Moderne anzugehen wagte. Aufschlussreich ist, dass Newman nicht nur die Minimalisten mit seiner reduktionistischen Einfachheit beeindruckte, sondern die Minimalisten wiederum das Spätwerk Newmans beeinflussten, was etwa im nicht expressiven Auftrag von ungemischter Acryl- statt Ölfarbe zum Ausdruck kommt, der eine kompakte Oberflächenwirkung erzeugt, sowie in der scharfkantigen Geschlossenheit der «zips». Das Verbindende zwischen diesen herausragenden Künstlern des 20. Jahrhunderts ist wohl die Radikalität, mit der sich Mondrian, Newman und Flavin jeweils auf die elementaren Gestaltungsmittel konzentriert haben und kühn zu künstlerischem Neuland vordrangen. Das Kunstmuseum Basel besitzt von allen drei Künstlern zentrale Arbeiten: Erwähnt seien Piet Mondrians Composition No. I, mit Rot und Schwarz, das Marguerite Arp-Hagenbach 1968 der Öffentlichen Kunstsammlung schenkte, Day Before One, das 1959 als erstes Werk von Barnett Newman in eine Museumssammlung gelangte, oder die permanente ortsspezifische Lichtinstallation untitled (in memory of Urs Graf), die Dan Flavin 1972 für den Innenhof des Kunstmuseums Basel konzipierte (Ausführung 1975). Diese vertrauten Werke bilden das Rückgrat der Ausstellung und werden gezielt um bedeutende Leihgaben aus wichtigen Museums- und Privatsammlungen in Europa und den USA ergänzt.

Light Shining Darkly im Kunsthaus Baselland

Christopher Orr
Light Shining Darkly
20.04.2013 – 30.06.2013
Kunsthaus Baselland

Christopher Orr, The Gloaming, 2007,
Christopher Orr, The Gloaming, 2007,

von Sabine Schaschl*
Der britische Künstler Christopher Orr, der zu den eindrucksvollsten Malern der Gegenwart zählt, zeigt im Kunsthaus Baselland nebst Arbeiten der letzten Jahre auch speziell für die Ausstellung entstandene Werke. In seinen Malereien verbinden sich Landschaftsausschnitte, die an die Old Masters der Kunstgeschichte erinnern, mit Figuren, die dem 20. Jahrhundert zu entspringen scheinen. Abgetrennte zeitliche Momente verschmelzen, Unvereinbares kann zusammen gelesen werden, Altes und Neues verbindet sich und bildet zusammen mit dem Betrachter eine Verbindung mit der Gegenwart.
Christopher Orr malt meist an mehreren Bildern gleichzeitig. Als wichtiger Fundus für seinen Schaffensprozess erweist sich dabei sein Bildarchiv, bestehend aus alten Magazinen (allen voran «National Geographic») aus den 30er- bis 70er-Jahren und Büchern. Werke von Tiepolo, Vermeer, Bosch, Hals, van Eyck, Caravaggio und anderen sind konzeptuelle Vorbilder, auf die der Künstler immer wieder, v.a. in Details, zurückgreift. Zu seinem Archiv zählen auch thematische Bildsammlungen, die beispielsweise Wissenschaftliches, Mystisches oder Sphärisches gruppieren. Viele der Figuren, Objekte, Landschaften und die Tätigkeiten der Figuren entstammen dem Archiv. Der Künstler fügt sie collageartig aus verschiedenen Quellen zusammen, indem er sie zunächst in seinem Skizzenbuch konzipiert und zeichnet. Die daraus hervorgehenden, meist kleinformatigen und mit hoher Handfertigkeit produzierten Ölmalereien verlocken zum detaillierteren Betrachten, wobei nicht nur die Pinselführung, die sowohl auf- als auch abträgt, auffällt, sondern auch die Brüche in der Schilderung von Zeitlichkeit.
Der Titel der Ausstellung – Light Shining Darkly – spielt mit dem Spannungsgefüge, das zwischen den Bedeutungen von hell, dunkel, mystisch, übernatürlich oder unheimlich laviert. Die Landschaftsausschnitte, in denen die einzelnen Protagonisten wirken, sind meist durch besondere Lichtstimmungen charakterisiert. Mal gibt eine Nachtlandschaft mit einfallendem, diffusem Lichtkegel den Blick auf Spaziergänger frei, mal stehen Menschen vor einem Felsabhang oder es spielen sich unerklärliche Szenen im tiefsten Nachtwald ab. Immer wieder ist es der spezifische Einsatz der Lichtinszenierung, welcher den Bildmotiven bereits auf den ersten Blick einen Twist hin zum Unheimlichen gibt. Die Art und Weise, wie der Mensch in der Landschaft verortet ist, gibt Anknüpfungspunkte für die Philosophie des Erhabenen, in welcher sich der Mensch angesichts der Unerreichbarkeit und Grösse der Natur klein und überwältigt fühlt.
Die motivischen Diskrepanzen, die Hell-Dunkel-Dramaturgie der Bilder und das Auseinanderfallen von Zeitlichkeiten lassen Spielraum für eine eigene individuelle Erzählung. Christopher Orr ist sozusagen der Regisseur für unsere Filme im Kopf.

*Sabine Schaschl war bis April 2013 Direktorin des Kunsthaus Baselland und Kuratorin der Ausstellung. Ab Mai übernimmt sie die Direktion des Museums Haus Konstruktiv in Zürich.

Renée Levi – Italique – im Kloster Schönthal

Renée Levi
Italique
04.05.2013–29.09.2013
Kloster Schönthal, BL

 

Renée Levi, Ausstellungsansicht, Kloster Schönthal, 2013
Renée Levi, Ausstellungsansicht, Kloster Schönthal, 2013

Wenn die Künstlerin nach cursif für ihre neue Ausstellung den Titel italique wählt, dann schreibt oder malt sie ihr Alphabet weiter. Typografie wird Malerei. Italique ist auch Kursivschrift, und die Malerei demzufolge schräg. So liegen jedenfalls grosszügig gemalte Farbformen auf rohen Leinwänden und messen deren Flächen aus, eilen über sie hin und deren Grenzen entlang. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Schräg im doppelten Wortsinn sind diese Bildtafeln indessen nicht – im Gegenteil. Sie wirken luzid, transparent, cartesianisch klar. Diese Bilder wollen nicht mehr, als dass sie da sind: Leinwände auf Keilrahmen, rohes Leinen oder maschinell weiss grundierte Stoffbahnen auf Holzträgern, welche als Hintergrundstruktur durchscheinen können. Ein gestischer Farbauftrag, der aus dem Farbkessel kommen kann oder aus der Spraydose. Fertig ist das Bild. Radikal wie die romanische Architektur der Schönthaler Klosterkirche. Renée Levi, 1960 in Istanbul geboren, in Basel arbeitend und der französischen clarté verpflichtet, war Architektin. Konträr zu vielen Laufbahnen, ist sie vom Raum zur reinen Fläche gelangt. Ihre Ausstellung Italique schreibt im Kloster Schönthal Einrichtungsgeschichte.

 

Ein Fest der Farben in Baden-Baden

Emil Nolde, Frühling im Zimmer, 1904
Emil Nolde, Frühling im Zimmer, 1904

Emil Nolde. Werkschau im Museum Frieder Burda
Leuchtendes Rot, dunkles Blau und intensives Lila, in solch ausdrucksstarken Farben malte Emil Nolde romantische Landschaften und dramatische Meeresbilder. Alle seine Bilder verbindet die emotionale Kraft der Farben. Nolde (1867–1956) zählt zu den wichtigsten Künstlern des Expressionismus. In einer umfangreichen Werkschau werden im Museum Frieder Burda die zentralen Themen seines künstlerischen Schaffens vorgestellt. Neben Landschaften sind Figurenbilder und Bildnisse zu sehen, ebenso religiöse Motive sowie Impressionen seiner Südseereise. Emil Nolde. Die Pracht der Farben, heisst die grosse Sommerausstellung, die vom 15. Juni bis 13. Oktober 2013 im Museum Frieder Burda zu sehen sein wird. Es ist seit vielen Jahren die erste grosse Nolde-Ausstellung in Süddeutschland. Gezeigt werden 58 Ölgemälde und 22 Aquarelle, von den Anfängen bis zum Spätwerk des Künstlers. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Nolde Stiftung Seebüll und wird von Manfred Reuther, dem ehemaligen Direktor der Nolde Stiftung, kuratiert.
Die farbintensiven Malereien offenbaren die Vielschichtigkeit der Lebenswelt von Emil Nolde. Manfred Reuther: «Noldes künstlerische Entwicklung war von Anbeginn seines bildnerischen Arbeitens der Weg zur Farbe als seinem eigentlichen Ausdrucksmittel, das er zunehmend virtuos zu handhaben verstand. Emil Nolde
15.06.2013 – 13.10.2013
Museum Frieder Burda

Ausgewählte Picasso-Trouvaillen

Bei ihren Recherchen für die laufende Ausstellung «Die Picassos sind da!» im Basler Kunstmuseum sind die beiden Co-Kuratorinnen Anita Haldemann und Nina Zimmer in Basler Sammlungen auf überraschende und teilweise noch nie öffentlich gezeigte Werke gestossen. Auf den folgenden Seiten stellen sie einige dieser Kostbarkeiten in Kombination mit Werken aus der eigenen Sammlung vor. Aufgezeichnet von Sibylle Meier

Die Picassos sind da!
Eine Retrospektive aus
Basler Sammlungen
17.03.2013 – 21.07.2013
Kunstmuseum Basel

Pablo Picasso, Tête de Fou, 1905
Pablo Picasso, Tête de Fou, 1905

Tête de Fou, 1905
“Das war eine Entdeckung in einer Basler Privatsammlung, mit der wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Wir haben dort verschiedene Bilder angeschaut, und auf einmal kamen wir in einen Raum, in dem überraschend diese Skulptur stand. Es handelt sich um eine sehr seltene Skulptur, die wir in Basel nicht erwartet hätten und vom Motiv her der rosa Periode zugerechnet wird. Darum zeigen wir dieses Werk auch im Kontext mit den Deux frères, die Picasso 1906 gemalt hat. Für uns ist besonders schön, dass es dieses Harlekin-Motiv in einer Skulptur gibt. In jener Zeit hat Picasso oft Strassenjungen, Artisten und Harlekins gezeichnet und gemalt. Dieses Motiv wird später, in den 1920er-Jahren, in Picassos Werk eine sehr wichtige Rolle spielen, und aus jener Zeit können wir in unserer Ausstellung drei Gemälde mit dem Harlekin-Motiv zeigen.
Wann dieses Werk gegossen wurde, ist nicht geklärt. Wir gehen aber nicht davon aus, dass der Tête de Fou bereits 1905 gegossen wurde, weil ein Bronzeguss für einen jungen Künstler immer eine sehr grosse Investition war, für die er zuerst jemanden finden musste, der das Vorhaben finanzierte. Diese Skulptur wurde von Picassos Galeristen Ambroise Vollard gegossen.“
Nina Zimmer

Pablo Picasso, Le repas frugal, 1904
Pablo Picasso, Le repas frugal, 1904

Le repas frugal, 1904
“Dieses Blatt wurde vom Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel sehr früh, 1926, angekauft. Es handelt sich um die allererste Druckgrafik, die Picasso angefertigt hat. Eine Radierung in diesem Format war zu jener Zeit überhaupt nicht üblich. Er hat bei dieser Arbeit ein sehr feines, differenziertes Schraffursystem angewendet, und es ist erstaunlich, dass er dies auf Anhieb beherrscht hat. Druckgrafik ist für viele Künstler eine Herausforderung, weil sie die Technik wirklich beherrschen müssen. Aber genau das hat ihn gereizt – dieses Material in den Griff zu bekommen. Damals, 1904, hat ihn ein Künstlerkollege im Atelier in die Materie eingeführt, ihm eine Platte gegeben und er hat einfach losgelegt.
Auch dieses Werk zeigt sein Interesse an Randfiguren wie Zirkus-akrobaten, Prostituierten oder, wie auf diesem Bild, armen Leuten, zu denen Picasso damals auch gehörte. Er scheint sehr viel Zeit in diese Technik des Radierens investiert zu haben, obwohl er – es war zu Beginn seiner blauen Periode – kaum Bilder verkaufen konnte. Die ersten Abzüge verschenkte er an Kollegen, und erst später konnte sein Galerist Ambroise Vollard eine Auflage drucken, die über den Kunstmarkt verkauft wurde. Mit dieser Druckgrafik gelang Picasso ein Meisterwerk, dessen differenzierte Graubabstufungen malerische Qualitäten aufweisen.”
Anita Haldemann

Pablo Picasso, Esquisse pour «les Demoiselles d’Avignon», März/April, 1907
Pablo Picasso, Esquisse pour «les Demoiselles d’Avignon», März/April, 1907

Esquisse pour «les Demoiselles d’Avignon», Étude pour «les Demoiselles d’Avignon»
“Diese beiden Zeichnungen sind Geschenke: Die rechte Skizze behielt Picasso sechzig Jahre lang in seinem Atelier, schenkte sie nach der Volksabstimmung im Jahre 1967 dem Kunstmuseum Basel. Die linke Skizze, die etwas später entstanden ist, hat uns Douglas Cooper geschenkt, ein enger Freund von Picasso, einfach weil er so begeistert war von der Basler Kubismus-Sammlung. Insgesamt hat Picasso für sein wohl bedeutendstes Werk Les Demoiselles d’Avignon 19 Vorzeichnungen gefertigt und diverse kleine «Carnets» mit diesem Motiv gefüllt. Er brauchte einfach eine gewisse Zeit, um dieses Motiv zu entwickeln und so radikal werden zu lassen.
Picasso hat hier ein Motiv des 19. Jahrhunderts, eine Bordellszene, genommen und alle narrativen Elemente weggelassen und verbindet die schon fast aggressiv wirkende kommerzielle Sexualität dieser Frauen mit der afrikanischen Skulptur, die fremd, archaisch und wild wirkt. Zusätzlich zu seiner neuen Formenspache, macht diese Verbindung, auf revolutionäre Art das Moderne in diesen Werken aus.”
Anita Haldemann

Pablo Picasso, Femme au béret orange et au col de fourrure, 1937
Pablo Picasso, Femme au béret orange et au col de fourrure, 1937

Femme au béret orange et au col de fourrure, 1937
“Dies ist unser Plakatmotiv, und es handelt sich nun wirklich um eine Trouvaille. Nachdem Picasso dieses Bild gemalt hatte, wurde es nur ein einziges Mal ausgestellt, sehr kurz in der Galerie Beyeler. Ein Basler Sammler hat es damals gekauft und es wurde nie wieder ausgeliehen, nie wieder ausgestellt. Niemand kannte dieses Gemälde.
An diesem Bild lässt sich gut erklären, wie man Picas-sos Modelle erkennen kann: Klassisch, blond und eine Nase, die gerade in einer Linie in die Stirn übergeht – das ist Marie-Thérèse Walter. Braune Haare und das Gesicht in einzelne Anatomieteile zerstückelt und kompliziert – das ist die schwierige Dora Maar. Es war die Zeit, in der Picasso in einer Vierecks-Beziehung lebte, und Dora Maar, selbst eine Künstlerin, eine Fotografin, die sich im Surrealisten-Zirkel bewegte, war sicherlich die anspruchvollste und stärkste Geliebte Picassos.”
Nina Zimmer

Max Ernst: Der Künstler, der sich nicht finden wollte

Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet», bemerkte Max Ernst (*1891 in Brühl – †1976 in Paris) in einem berühmten Ausspruch. Tatsächlich gehört der Künstler zu den vielseitigsten und wechselhaftesten der Moderne. Immer wieder hat sich Max Ernst im Laufe seines Lebens und Werks neu erfunden und dabei fortwährend mit neuartigen Techniken wie etwa der Collage, Frottage oder Dekalkomanie experimentiert. So entstand ein einzigartiges Gesamtwerk aus (alb-)traumartigen Bildern, mysteriösen Landschaften und fantastischen Kreaturen, das sich jeder klaren stilistischen Definition entzieht und dessen Entwicklung vom bewegten Leben und den wechselnden Aufenthaltsorten des Künstlers in Europa und Amerika mitgeprägt wurde. Max Ernst: Der Künstler, der sich nicht finden wollte weiterlesen