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Ab 16. Dezember 2020: Impasse Ronsin

Museum Tinguely | 16.12.2020 bis 05.04.2021

Die Impasse Ronsin war während über 100 Jahren im Pariser Montparnasse Quartier ein Ort der Künstler*innen, ein Platz der Kontemplation, der Begegnung, des Gesprächs und der Feier, der Innovation, Kreation und Destruktion. In der Impasse Ronsin wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Siedlung von Atelierbauten errichtet, die die bereits vorher existierenden Gebäude erweiterte und bis zu 35 Kunstschaffenden zeitgleich Platz bot. Ein breites Spektrum künstlerischen Schaffens versammelte sich: vom Bildhauer, der auf Denkmäler und repräsentative Staatsaufträge spezialisiert war, über den Hobbymaler bis zu den jungen Avantgardist*innen, die sich der Aktionskunst hingaben, war fast alles vertreten, was die damalige bildende Kunst zu bieten hatte. Ein Ort, der spätestens 1908 mit dem Fall Steinheil Berühmtheit erlangte. Der ungeklärte Doppelmord rückte die Impasse Ronsin in ein mystisches Licht. Nicht zuletzt nährte auch der prominenteste Vertreter der Siedlung, Constantin Brâncuși, der ein Enthusiast von leidenschaftlichen Affären und Affektmorden war, durch seine eigene Person und die Legenden, die sich um ihn rankten, das Magische der Impasse. Der Künstler lebte und arbeitete dort von 1916 bis zu seinem Tod 1957. Ab 16. Dezember 2020: Impasse Ronsin weiterlesen

Ab 13. Dezember 2020: Rodin / Arp

Fondation Beyeler | 13.12.2020 bis 16.05.2021

Raphael Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler

Raphael Bouvier, Kurator der Fondation BeyelerErstmals in einer Museumsausstellung trifft im Dialog zwischen Auguste Rodin (1840–1917) und Hans Arp (1886–1966) das bahnbrechende Schaffen des grossen Erneuerers der Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts auf das einflussreiche Werk eines Protagonisten der abstrakten Skulptur des 20. Jahrhunderts. Beide Künstler zeichnet eine einzigartige künstlerische Innovationskraft und Experimentierfreude aus. Sie schufen Werke, die ihre Zeit stark geprägt haben und bis heute aktuell geblieben sind. 

Als skulpturale Meilensteine veranschaulichen die Schöpfungen Rodins und Arps auf eindrückliche und exemplarische Weise grundlegende Aspekte in der Entwicklung der modernen Bildhauerei. So führte Rodin umwälzende Ideen und neue künstlerische Möglichkeiten in die Skulptur ein, die von Arp später aufgegriffen und in seinen biomorphen Formen auf neuartige Weise weiterentwickelt und neu interpretiert oder aber kontrastiert wurden. Obgleich bis heute nicht gesichert ist, dass sich Rodin und Arp jemals tatsächlich persönlich kennengelernt haben, weisen ihre Werke zahlreiche künstlerische Verwandtschaften und Bezugspunkte, aber auch Differenzen auf, welche die Gegenüberstellung ihrer unverkennbaren Schöpfungen zu einer besonders aufschlussreichen visuellen Erfahrung machen.

Mit rund 110 Werken aus internationalen Museen und Privatsammlungen ist Rodin / Arp eine der bislang umfangreichsten Skulpturenausstellungen der Fondation Beyeler. Wenn der Schwerpunkt der Ausstellung auch auf Rodins und Arps Skulpturen liegt (dazu gehört auch eine monumentale Aussenskulptur im Park des Museums), werden darüber hinaus auch Reliefs von Arp sowie Zeichnungen und Collagen beider Künstler zu sehen sein. Die Ausstellung versammelt ikonische Werke, so etwa Rodins Der Denker und Der Kuss sowie Arps Ptolemäus und Torso. Zugleich lassen aber auch weniger bekannte Arbeiten beider Künstler deren künstlerische Beziehungen umso anschaulicher werden. 

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck und wird vom Musée Rodin in Paris massgeblich unterstützt. 

Mit Bezug auf die Ausstellung Rodin / Arp wird die berühmte Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker, eine der einflussreichsten Tanzschaffenden der Gegenwart, eine neue Tanzperformance zeigen, die zwischen dem 29. Januar und 14. Februar 2021 erstmals in der Fondation Beyeler zu sehen sein wird.

Der Löwe hat Hunger … – Sammlungspräsentation

Ulf Küster, Kurator der Fondation Beyeler
Ulf Küster ist Kurator der Sammlungspräsentation
Der Löwe hat Hunger … in der Fondation Beyeler

Wie der Löwe, der sich in Henri Rousseaus Gemälde hungrig auf die Antilope wirft, verspüren auch wir in der Fondation Beyeler einen mächtigen Hunger – und zwar auf Kunst: Gerade in so schwierigen Zeiten wie diesen ist es schön, sich daran zu erinnern, wie aufregend und faszinierend Kunst ist. Die neue Sammlungspräsentation zeigt in acht Räumen eine Auswahl legendärer Gemälde und Skulpturen, allesamt Meisterwerke der klassischen Moderne oder der Gegenwartskunst. Endlich sind die ebenso ikonischen wie fragilen Scherenschnitte von Henri Matisse wieder zu sehen, darunter Nu bleu I, dessen Eleganz und Raumpräsenz einen immer wieder in Erstaunen versetzen. Zudem wird die Figurengruppe, die Alberto Giacometti Ende der 1950er-Jahre ursprünglich für die Chase Manhattan Plaza in New York konzipierte, gezeigt. Der Homme qui marche, lange Zeit auf der 100-Franken-Note abgebildet, ist Teil dieses Ensembles.

Wassily Kandinsky, Fuga, 1914, Fondation Beyeler
Wassily Kandinsky, Fuga, 1914, Fondation Beyeler

Darüber hinaus ist Louise Bourgeois, die mit Giacometti gut bekannt war und die den Skulpturbegriff erweiterte, indem sie das Unbewusste, wenn nicht sichtbar, so doch erfahrbar machte, ein eigener Raum gewidmet. Weitere Höhepunkte sind die Begegnung von Wassily Kandinsky und Paul Klee, deren aussergewöhnliche Freundschaft zum ersten Mal in der Fondation Beyeler in dieser Form gewürdigt wird. Drei sehr berührende Bilder, die Vincent van Gogh kurz vor seinem Tod malte, werden zusammen ausgestellt und treten in einen Dialog mit Werken von Paul Cézanne und Edward Hopper. Auf den Abstrakten Expressionismus richtet sich der Fokus in einem weiteren Raum, in dem Werke von Willem de Kooning, Clyfford Still und Sam Francis sowie ein grossformatiges Gemälde von Joan Mitchell präsentiert werden. Zum ersten Mal zeigen wir eine der jüngsten Neuerwerbungen in der Sammlung der Fondation Beyeler: die bewegende Klanginstallation Seven Tears von Susan Philipsz, die sich auf die gleichnamige Komposition des Shakespeare-Zeitgenossen John Dowland bezieht und sich mit den – von Tränen begleiteten – Gemütszuständen zwischen grosser Freude und tiefer Trauer beschäftigt. Zu melancholisch? Mitnichten! Melancholie steht meist am Anfang von Kreativität, und die grossartigen Werke, die nun wieder in der Fondation Beyeler zu sehen sind, zeugen davon.

Taro Izumi. ex

Museum Tinguely | bis 15. November 2020

Mit der Ausstellung ex lädt der japanische Künstler Taro Izumi (geboren 1976 in Nara, Japan) dazu ein, in seine spielerische und schalkhafte Welt einzutauchen. Izumi beobachtet unsere Lebensweise und durchleuchtet dabei unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen, zur Natur und zur Tierwelt. So entstehen vielgestaltige, nicht klassifizierbare Werke, die – ausgehend von einer einfachen Grundidee und unter Zuhilfenahme von eher bescheidenen Mitteln – mit dem Absurden spielen. Taro Izumi. ex weiterlesen

Rembrandts Orient

Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts

Kunstmuseum Basel | 31.10.2020 – 14.02.2021

Rembrandt Harmensz. van Rijns Neugierde auf alles Fremde und sein unstillbarer Appetit als Sammler waren schon zu seinen Lebzeiten legendär. Als Künstler, Sammler und Bürger kam er mit Kunstwerken, Gebrauchsgegenständen und Menschen aus allen Teilen der damals bekannten Welt in Kontakt und liess sich davon in seinem Schaffen inspirieren. Die Herbstausstellung
Rembrandts Orient im Kunstmuseum Basel | Neubau geht dieser
Ideenwelt anhand einer Auswahl von Werken des Niederländers und seiner Künstlerkollegen nach. Rembrandts Orient weiterlesen

Stilles Sehen – Bilder der Ruhe

Fondation Beyeler | bis Herbst 2020

Die Moderne als Zeitalter des technischen Fortschritts ist vor allem durch Bewegung und Geschwindigkeit charakterisiert, die auch in der Kunst auf vielfältige Weise ihren Niederschlag gefunden haben. Zugleich entwickelte sich vermehrt auch eine Sehnsucht nach Entschleunigung, die sich bis heute in immer neuen Bildern der Ruhe und Stille äussert.
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The Incredible World of Photography

Kunstmuseum Basel | 18.07.2020 – 04.10.2020

Mit der Ausstellung The Incredible World of Photography feiert das Kunstmuseum Basel gleich zwei Premieren: Erstmals wird ein umfassendes Porträt der Fotosammlung Ruth und Peter Herzog in der Schweiz gezeigt und für das Kunstmuseum ist es die erste Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Fotografie befasst. 

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Pedro Reyes. Return to Sender

Museum Tinguely | 24.06.2020 – 15.11.2020

Pedro Reyes (*1972, Mexiko-Stadt) verwendet in seinen Arbeiten Architektur, Skulptur, Video, Performance und Partizipation, um kollektive sowie individuelle Handlungsmacht in politischen, sozialen, ökologischen und pädagogischen Situationen zu befördern. Schon in früheren Werken hat er mit Waffen gearbeitet, um systemische Probleme der Waffenindustrie aus einer pazifistischen Perspektive anzusprechen. In der für das Museum Tinguely neu produzierten Arbeit Disarm Music Box (2020) funktioniert er Waffenteile zu Musikspieldosen um, die Stücke aus deren Produktionsland spielen. Dem Künstler geht es bei diesem ‹Upcycling-Prozess› darum, Instrumente des Todes zu Musikinstrumenten zu transformieren, die für Dialog und Austausch stehen. Neben der erstmaligen Präsentation von Disarm Music Box wird auch die Werkgruppe Disarm (Mechanized) II (2014) im Museum Tinguely zu sehen sein.

Pedro Reyes, Palas por pistolas [Guns into Shovels], 2007, Dokumentation der Zerstörung der gespendeten Waffen, 2007
Pedro Reyes, Palas por pistolas [Guns into Shovels], 2007, Dokumentation der Zerstörung der gespendeten Waffen, 2007
Pedro Reyes. Return to Sender ist die fünfte Ausstellung in einer Reihe, die im Dialog mit Jean Tinguelys Mengele-Totentanz (1986) steht. Pedro Reyes Projekte vollziehen sich im Spannungsfeld eines sozial geprägten Architekturverständnisses, der sinnlichen und symbolischen Dimension des Plastischen und einer dezidiert politischen Haltung, die radikal humanistisch und marxistisch ausgerichtet ist. So zeigte er zum Beispiel 2012 an der documenta 13 die Arbeit Sanatorium, einen Erste-Hilfe-Pavillon für Zivilisationskrankheiten wie Stress oder Angst, die auf spielerische, aber doch sozial verbindliche und verbindende Weise vielerlei Therapien basierend auf Schamanismus, Kognitionsforschung oder Beziehungsberatung anbot. Im Museum Tinguely war er bereits 2016 im Rahmen der Ausstellung Prière de toucher – Der Tastsinn der Kunst mit der Arbeit Cuerpomático II (2015) vertreten, einem Werkzeugkasten, der sinnliche Objekte der Berührung präsentierte.

Die Einladung an Reyes, ein neues Werk für das Museum Tinguely zu konzipieren, knüpft an eine vorangegangene Arbeit von 2012 an. Für die Werkgruppe Disarm konnte der Künstler 6 700 im mexikanischen Drogenkrieg konfiszierte Waffen verwenden und sie zu Musikinstrumenten transformieren. In einer ersten Version (Disarm) schuf er Instrumente, die von befreundeten Musikern und Musikerinnen live bespielt werden konnten. Darauf folgte die Konzeption eines mehrteiligen Waffen-Instrumenten-Ensembles Disarm (Mechanized) I, 2012–13, das mechanisiert und automatisiert perkussive Musikstücke spielt. Die Version von Disarm (Mechanized) II, 2014 wird als Teil der Ausstellung den Dialog mit Tinguelys Mengele-Totentanz aufnehmen: In benachbarten Räumen begegnen sich Tinguelys Totalitarismus-Kritik und Reyes kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftszersetzenden Austauschprozessen von Drogen und Waffen in einem schauderhaften Totentanz.

Erstmals internationale Aufmerksamkeit erregte Reyes mit dem Projekt Palas por Pistolas («Guns into Shovels», 2007), für das er mit den lokalen Behörden von Culiacán, Mexiko, zusammenarbeitete, um Waffen aus der Bevölkerung gegen Haushalts- und Elektroartikel einzutauschen. Die Waffen wurden eingeschmolzen und zu 1527 Schaufeln gegossen, um damit eine gleiche Anzahl von Bäumen zu pflanzen. Diese Aktionen wurden seither sowohl im lokalen Umfeld als auch mit internationalen Kulturinstitutionen weitergeführt. Im Zusammenhang mit Reyes’ Ausstellung Return to Sender im Museum Tinguely wird dieses Projekt mit der Neupflanzung eines Kastanienbaumes direkt vor dem Museumseingang im Herbst 2020 eine Fortsetzung finden.

Beide Projekte, Palas por Pistolas und Disarm, entstanden aus der spezifischen Situation des mexikanischen Drogenkrieges heraus. Die Kommerzialisierung und Verbreitung von Waffen ist allerdings ein weltweites Problem, das Reyes mit den neuen Arbeiten Disarm Music Box in den Fokus nimmt. Damit kritisiert er aus einer pazifistischen Perspektive die stets weitergehende Akkumulation von Waffen in der Welt. In dieser neu geschaffenen Werkgruppe werden Waffen von spezifischen Herstellern – es gibt sie fast in jedem Land der Welt – erworben und anschliessend zerstört, um aus ihren Läufen Klangkörper zu schaffen, die in neu kreierten Musikspieldosen eingesetzt werden. Sie spielen bekannte, klassische Musikstücke aus den Herkunftsländern der Fabrikanten. Mozarts Komposition wird in einer Spieldose mit Waffenteilen von Glock-Pistolen erklingen, Vivaldi mit Beretta-Läufen und für den Schweizer Liedermacher Mani Matter hat Reyes Karabiner gewählt. Es geht ihm darum, ein ‹Upcycling› zu betreiben – ein Instrument des Todes zu einem Musikinstrument zu transformieren, das für Dialog und Austausch steht. Er unternimmt diesen Transformationsprozess mit der Überzeugung, dass der physische Akt immer auch von einem ideellen begleitet ist und appelliert an die spirituelle Dimension dieser quasi-alchemistischen Operation hin zum Guten.

Die Ausstellung Pedro Reyes. Return to Sender ist die fünfte Ausstellung in einer Reihe, die jeweils besondere Aspekte von Tinguelys Mengele-Totentanz in den Vordergrund stellt. Bei Jérôme Zonder stand 2017 die Totalitarismus-Kritik im Zentrum, bei Gauri Gill 2018 der Vanitasgedanke des Memento Mori zwischen Geburt und Tod, Lois Weinberger eröffnete 2019 einen Dialog rund um zwei unterschiedliche Bauernhaus-Biografien, der Aberglaube und Katholizismus in Bezug setzte. Mit Tadeusz Kantor wiederum waren es der Totentanz und sein Theater des Todes, die einen werkübergreifenden Austausch ermöglichten.

Die Ausstellung wird kuratiert von Roland Wetzel, Direktor des Museum Tinguely, in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Der Künstler wird im Laufe der Ausstellung für ein Künstlergespräch nach Basel kommen.

Sammlung Im Obersteg: Picasso, Chagall, Jawlensky

Kunstmuseum Basel |  bis 21.06.2020

In der Sammlung Im Obersteg befinden sich Meisterwerke von Pablo Picasso, die weltberühmten Judenbildnisse Marc Chagalls von 1914, Alexej von Jawlenskys umfangreiche Werkgruppe sowie sieben eindringliche Gemälde Chaïm Soutines und Werke vieler anderer Künstler. Seit 2004 ist die Sammlung im Kunstmuseum Basel als Dauerleihgabe beheimatet. Die Ausstellung Picasso, Chagall, Jawlensky präsentiert die Basler Privatsammlung im Dialog mit ausgesuchten Werken der Öffentlichen Kunstsammlung. 

Ausgewählte internationale Leihgaben akzentuieren die zentralen Themen der Ausstellung. Dabei handelt es sich meist um Werke, die vormals Teil der Sammlung Im Obersteg waren oder in einem wichtigen Bezug zu ihr stehen. Picassos monumentales Bildnis von Jacinto Salvado im Harlekinskostüm, der Arlequin assis (1923), war viele Jahre das Hauptwerk der Sammlung, bis es nach dem Tod Karl Im Oberstegs im Jahr 1969 verkauft wurde. Erstmals seit 50 Jahren macht es die Ausstellung möglich, dieses Meisterwerk aus Privatbesitz erneut im Kontext der Sammlung Im Obersteg zu sehen, begleitet von seinem Geschwisterbild, dem Basler Arlequin assis aus demselben Enstehungsjahr.

Pablo Picasso, Arlequin assis, 1923
Pablo Picasso, Arlequin assis, 1923

Bei einer weiteren Leihgabe handelt es sich um eine Replik von Marc Chagalls Der Jude in Schwarz-Weiss, die der Künstler um 1923 in Paris nach der in der Sammlung Im Obersteg befindlichen Erstfassung gemalt hatte und die sich heute im Palazzo Ca’Pesaro in Venedig befindet. Diese Zusammenführung wird ergänzt und kontextualisiert durch eine Korrespondenz zwischen Karl Im Obersteg, Marc Chagall und dem Sammler Alexandre Kagan-Chabchay, die die Problematik und Bedeutung der Repliken in der Kunst Chagalls thematisiert. 

Die Verkäufe solch wichtiger Werke könnten unter dem Motto «Prüfe alles, behalte das Gute» stehen. Dies schrieb Karl Im Obersteg 1952 in eines seiner Sammlungsalben, das er seinem Sohn Jürg zum 38. Geburtstag schenkte. Er war bereit, sich von Werken zu trennen, wenn dies das Profil der Sammlung schärfte oder die begrenzten räumlichen Gegebenheiten seines Hauses es erforderten. Prominentestes Beispiel war der Eintausch von Marc Chagalls La noce (1911, heute im Musée national d‘art moderne Centre Pompidou, Paris) gegen den Juden in Grün (1914) im Jahr 1935. Nur ein Jahr später erwies sich dieser Tausch als Segen, als sich die Gelegenheit bot, die zwei Geschwisterbilder Der Jude in Schwarz-Weiss und Der Jude in Rot aus Privatbesitz zu erwerben.

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1911
Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1911

Neben den Hintergründen zur Sammlung will die Ausstellung
Picasso, Chagall, Jawlensky dem Publikum die Lebensgeschichte von Karl und Marianne Im Obersteg-Buess nahebringen. Historische Fotografien der Werke in den verschiedenen Wohnsituationen der Familie Im Obersteg vermitteln ein lebendiges Bild des Lebensumfelds des Sammlerpaares. Die Sammlung als Ausdruck einer individuellen Biografie dokumentiert die Entwicklung einer Begeisterung, einer Leidenschaft und einer ästhetischen Präferenz. Karl Im Obersteg suchte keinen gefällig-schönen Wandschmuck, sondern ihn faszinierte die verändernde Kraft der Kunst, ihr im spontanen Schöpfungsakt auflebender Ausdruck. Seine Strategie war, sich mit Kunst zu umgeben, die ihn begeisterte und herausforderte – ein Ziel, das auch die Ausstellung verfolgt.

Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs

Vitra Design Museum | bis 23.08.2020

Unser Zuhause ist Ausdruck unseres Lebensstils, es prägt unseren Alltag und bestimmt unser Wohlbefinden. Mit der Ausstellung Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs initiiert das Vitra Design Museum eine neue Debatte über das private Interieur, seine Geschichte und seine Zukunftsperspektiven. Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs weiterlesen

Amuse-bouche – Der Geschmack der Kunst

19.02.2020 – 17.05.2020

Die Autorin, Annja Müller-Alsbach, ist Kuratorin der Ausstellung "Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst".
Die Autorin, Annja Müller-Alsbach, ist Kuratorin der Ausstellung „Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst“.

Schmeckt Kunst süss, sauer, bitter, salzig oder gar umami? Welche Rolle spielt unser Geschmackssinn als künstlerisches Material und im sozialen Miteinander? Das Museum Tinguely setzt die Reihe zu den menschlichen Sinnen in den Künsten fort. Nach den Themenausstellungen Belle Haleine – Der Duft der Kunst (2015) und Prière de Toucher – Der Tastsinn der Kunst (2016) präsentiert die Gruppenausstellung Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst vom 19. Februar bis zum 17. Mai 2020 Kunstwerke von rund 45 internationalen Künstler*innen aus dem 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die unseren faszinierenden, gustatorischen Sinn als eine Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung aufgreifen. Die Schau bricht mit der üblichen musealen Praktik, vornehmlich den Sehsinn der Besucher anzusprechen, und bietet ihnen eine Vielfalt von kunsthistorischen, phänomenologischen sowie empirischen Begegnungen mit unserem Geschmackssinn. Einige der Arbeiten können im Rahmen spezieller Führungen durch die Ausstellung und Performances auch geschmacklich erfahren werden.

In der traditionellen Sinneslehre ist der Geschmackssinn durch die direkte physische Berührung bestimmt. Unmittelbar und körperbezogen, über unser Geschmackserleben mit dem Mund und der Zunge, nehmen wir die uns umgebende mannigfaltige Welt wahr. Die Ausstellung im Museum Tinguely stellt verschiedene Fragen rund um die zahlreichen Wirkungsfelder unserer geschmacklichen Erfahrungen: Wie nehmen wir Kunst aus Nahrungsmitteln und deren spezifische Geschmacksnuancen wahr? Was geschieht, wenn unser Mund, beziehungsweise unsere Zunge, plötzlich die Hauptrolle beim Erleben von Kunst spielt? Können Kunstwerke auch ohne direkten physischen Kontakt zum Betrachter dessen gustatorischen Sinn ansprechen? Lassen sich diese Erfahrungen beschreiben und in Bilder übersetzen? Können Aromen als Medium künstlerischen Ausdrucks und Kreativität dienen?

Meret Oppenheim, Bon appétit, Marcel ! (Die weisse Königin), 1966–1978
Meret Oppenheim, Bon appétit, Marcel ! (Die weisse Königin), 1966–1978

In der Ausstellung können u.a. Werke folgender Künstler*-innen entdeckt werden: Farah Al Qasimi, Janine Antoni, Marisa Benjamim, Joseph Beuys, George Brecht, Marcel Duchamp, Karl Gerstner, Damien Hirst, Sarah Lucas, Filippo Tommaso Marinetti, Alexandra Meyer, Miralda-Selz, Nicolas Momein, Anca Munteanu Rimnic, Otobong Nkanga, Emeka Ogboh, Dennis Oppenheim, Torbjørn Rødland, Dieter Roth, Slavs and Tatars, Cindy Sherman, Shimabuku, Daniel Spoerri, Mladen Stilinovic, Sam Taylor-Johnson, Claudia Vogel, Andy Warhol, Tom Wesselmann, Elizabeth Willing, Erwin Wurm, Rémy Zaugg.

In Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst sind allegorische Darstellungen des Geschmackssinns aus dem Barock zu sehen, Positionen von Avantgardekünstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts sowie Exponate aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Der Hauptfokus liegt auf einer repräsentativen Auswahl von Bildern, Fotografien, Plastiken, Videoarbeiten und installativen Arbeiten aus den letzten dreissig Jahren, mit denen die Inkorporation und Geschmackswahrnehmung von Nahrungsmitteln durch den Mund beziehungsweise durch die Zunge auf unterschiedliche Weise thematisiert werden. Präsentiert werden Werke, bei denen Künstler*innen Nahrungsmittel und natürliche Materialien als Aromaträger in unterschiedlicher Form einsetzen.

 
Sam Taylor-Johnson, Still Life, 1991

Einige der Arbeiten können im Rahmen von speziellen Ausstellungsführungen und Künstlerperformances gekostet werden. Probieren kann man an bestimmten Terminen essbare Pflanzen im Hortus Deliciarum, einem installativ-performativen Projekt der Portugiesin Marisa Benjamim oder die aus Schokolade und Pfeffernüssen bestehenden monumentalen, partizipativen Werke der australischen Künstlerin Elizabeth Willing. Sauerkrautsaft mit dem Label Brine and Punishment ist Teil der Rauminstallation von Slavs and Tatars, einem in Berlin tätigen Künstlerkollektiv. Der säuerliche Powerdrink dient als sinnlich erlebbarer Part in einer intellektuell-philosophischen Auseinandersetzung der Künstler auf Basis von Sprache und der vielschichtigen Wortbedeutung und Interpretation von Fermentation und «sauer werden». Um virulente gesellschaftlich-politische Themen geht es auch dem in Berlin lebenden nigerianischen Künstler Emeka Ogboh mit seinem fortlaufenden Projekt Sufferhead Original. Ausgehend von seiner immer wieder anders schmeckenden Stout-Biermarke, stellt Ogboh auch in seiner neuen Basler Edition die provokative Frage in den Raum «Wer hat Angst vor schwarz?». Darüber hinaus sind Kunstwerke in unterschiedlichen Medien zu entdecken, in denen Geschmackserlebnisse lediglich in der Imagination der Betrachter heraufbeschworen werden.

Ausstellungsansicht «Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst», 2020 mit Werken von Farah Al Qasimi
Ausstellungsansicht «Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst», 2020 mit Werken von Farah Al Qasimi

In der bildenden Kunst sind Lebensmittel und der Akt des Essens schon seit der Antike ein bekanntes Motiv. Vor allem im Barock wird vielen dieser Sujets symbolische Bedeutung zugemessen. Nahrungsmittel und ihre unterschiedlichen Geschmacksnoten sind in Bildern vor allem in Stillleben zentral abgebildet. Dabei geht es sehr oft um tiefere, ikonografische und symbolische Bedeutungsschichten. Allegorische Darstellungen des «niedrigen» Geschmackssinns stehen für Überfluss, Völlerei und Enthemmtheit. Motivisch verweisen Liebespaare oder biblische Szenen wie beispielsweise der Sündenfall in diesen Bildern auf die enge Verknüpfung des Gustatorischen mit dem erotisch-sexuellen Lustempfinden. Mit diesem «Geschmack der Begierde» beginnt die Ausstellung Amuse-bouche und führt zu weiteren Themenkomplexen. Diese sind nicht chronologisch geordnet, sondern orientieren sich weitgehend an den gängigen Grundnoten, die wir mit unseren Geschmacksrezeptoren wahrnehmen können: süss, sauer, salzig, bitter und umami – eine 1908 vom japanischen Wissenschaftler Kikunae Ikeda geprägte Bezeichnung – was im Deutschen am ehesten mit «herzhaft-würzig» und «schmackhaft» umschrieben werden kann.

Einige der präsentierten Kunstwerke sind «ohne Geschmack» und täuschen somit unsere Sinneswahrnehmung. Oder sie kreisen um vielschichtige Hintergründe und Bedeutungsebenen vom «Geschmack des Fremden» und sprechen damit nicht zuletzt brisant-politische Fragen unserer globalisierten Welt an. Geschmackserlebnisse evozieren subjektiv und kulturell stark unterschiedlich geprägte Emotionen, Erinnerungen und Assoziationen, die auch geschichtlichen Wandlungen unterliegen. Ein bestimmtes Aroma kann zuckersüss sein und mundet uns sehr, oder es stösst uns ab und ruft bitter-ernste Bilder des Ekels und Zerfalls hervor. Im alltäglichen Sprachgebrauch umfasst «schmecken» ein weites Feld an unterschiedlichen Bedeutungscodes. Es gibt interessante Verbindungen zwischen der Sinneswahrnehmung bestimmter Geschmacksnuancen und sprachlich-metaphorischen Bildern, die auch beim Erleben von Kunst zum Tragen kommen. Der Einsatz von gustatorischen stimuli in der Kunst geschieht oft subversiv und bricht mit vielen Tabus. Diesen Umstand machen sich Künstler*innen zu- nutze und setzen sich dabei mit den grossen Fragen unserer heutigen Zeit und Gesellschaft auseinander. Das eigene körperliche Selbst und die Möglichkeiten einer multisensorisch-gustatorischen sowie aktionsbasierten Kunst beschäftigten vor allem seit den 1960er-Jahren zahlreiche Künstler*innen. Bei der Kunstproduktion der letzten dreissig Jahre interessieren Crossover und multimediale Erweiterungen von Experimenten rund um das Geschmackserleben. Einige der gezeigten Werke rücken nicht zuletzt die Fragen der multikulturellen Gesellschaft, der Suche nach neuen Ernährungsformen sowie die grosse Diskrepanz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit in den Vordergrund und zeigen, dass eine sensiblere Wahrnehmung der Umwelt und deren fragilen Ressourcen mittels des Geschmackssinns im 21. Jahrhundert aktueller ist denn je.

Making FASHION Sense

16.01.2020 – 08.03.2020

Making FASHION Sense thematisiert die Transformation
der kreativen Prozesse im Modebereich durch Technologie
und Nachhaltigkeit.

Zum Jahresbeginn befasst sich die Ausstellung Making FASHION Sense mit der radikalen Verwandlung von Mode durch Technologie. Roboterarme und Mixed Reality, Hologramme und Drohnen sind auf den internationalen Laufstegen längst in Erscheinung getreten. 

Die Ausstellung erkundet Technologie als transformatives Instrument für Künstler*innen und Designer*innen als auch für die Träger*innen von Kleidung; es geht um die Neuerfindung des Modemachens an sich. Hyperfunktionelle Materialien, welche unsere biometrischen Daten überwachen, gehören ja – insbesondere im Bereich Sport – schon zum Alltag. Kleidung kann ermutigen, trösten, oder körperliches Unbehagen auslösen. Die Ausstellung präsentiert experimentelle «Augmented Fashion»-Objekte, die zu einer neuen Wahrnehmung unseres Umfelds, zu menschlicher Interaktion, und zum Nachdenken anregen.

Clara Dagun, Aura Inside, 2018
Clara Dagun, Aura Inside, 2018

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Reflexion von Modeprozessen an sich. Gezeigt wird Kleidung, die mit nachhaltigen Produktionsmethoden oder mit neuen Materialien hergestellt wurde; nachhaltige Kleidung als Kredo gegen die «Fast Fashion» einer globalisierten Modeindustrie. Kleidungsstücke können uniformierte Monotonie verstärken oder künstlerische Fantasie anregen. Wie bringen programmierbare Kleidungsstücke unsere Körper zum Ausdruck? Verändert Modetechnologie nicht nur unsere Bewegungen, unser Wohlbefinden und unsere Wahrnehmung unserer Mitmenschen, sondern auch unsere kreativen Perspektiven? Kann uns Modetechnologie vor und in einer dystopischen Zukunft schützen – oder verzerrt sie unsere Weltempfindung? 

Künstler*innen und Designer*innen der Ausstellung zeigen Mode, welche durch Technologie nicht nur Silhouetten verändert, sondern auch Produktionssysteme. Basierend auf einer nachhaltigen Produktionsethik entwickeln sie eine neue, sinnvollere Mode-Semantik. Einige Arbeiten sind neu für den Kontext der Ausstellung entstanden, so die neuen Werke von Freya Probst, BioBabes und TheKnitGeekResearch.