Fondation Beyeler
12.10.2025 – 25.01.2026

Die Fondation Beyeler zeigt das von der Pop Art beeinflusste Werk der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama.

von Christoph Heim

Yayoi Kusama, die einigen als die beliebteste Künstlerin der Welt gilt, hat unendlich viel mehr geschaffen als ihre Polka Dots, mit denen sie Kleider, Möbel, Wände, Skulpturen und ihre ikonisch gewordenen Pumpkins oder Kürbisse verschönert. Das lässt sich in der neuen Ausstellung Yaoi Kusama in der Fondation Beyeler erleben, die in einen speziell für diese Show geschaffenen Infinity Mirrored Room einlädt und mit einer umfassenden, rund 300 Werke zählenden Retrospektive aufwartet. Die 1929 in Japan geborene Yayoi Kusama war eine der aufregendsten Künstlerinnen im New York der 1960er-Jahre. Die Malerin entdeckte damals für sich die Bildhauerei, den Film und das Happening als Ausdrucksformen. Sie war befreundet mit Andy Warhol, Donald Judd, Georgia O’Keeffe und Joseph Cornell. 1963 posierte sie nackt in ihrer Installation Aggregation: One Thousand Boats Show. Das Bild machte übrigens der in Basel geborenen Fotograf Rudy Burckhardt (1914–1999), der damals zu den Stars der New Yorker Avantgarde gehörte.

KUSAMA WITH YELLOW TREE / LIVING ROOM AT THE AICHI TRIENNALE, 2010 © YAYOI KUSAMA, Courtesy of Ota Fine Arts, Victoria Miro, David Zwirner
KUSAMA WITH YELLOW TREE / LIVING ROOM AT THE AICHI TRIENNALE, 2010
© YAYOI KUSAMA, Courtesy of Ota Fine Arts, Victoria Miro, David Zwirner

Das Kunstwerk war Kusamas erste immersive Installation und besteht aus einem Ruderboot, das innen und aussen mit Tausenden von phallusähnlichen Stoffausstülpungen beklebt ist. Die heute 96-jährige Künstlerin litt als Kind unter einer psychischen Krankheit, die Halluzinationen zur Folge hatte und später als Zwangsstörung diagnostiziert wurde. «Eines Tages», schrieb Kusama in ihrer Autobiografie Infinity Net (2002 in japanischer Sprache erschienen), «betrachtete ich vor mir das rote Tischtuch mit dem Blumenmuster, und plötzlich sah ich überall rote Blumen, an der Decke, an den Fenstern und Pfosten.» Damals entstand ihre Obsession mit sich wiederholenden Mustern. Kusama wanderte 1958 aus nach New York. Dort schuf sie für ihre erste Ausstellung fast monochrome weisse Leinwände, auf denen sie die immer gleichen Muster malte. Es waren ihre ersten Infinity-Net- Gemälde, die neben den Polka Dots und den Pumpkins zum Markenzeichen Kusamas werden sollten. In New York war die Künstlerin auch Teil der Protestwelle gegen den Vietnamkrieg, gegen den sie sich mit Happenings wehrte. Sie entwickelte damals das Konzept der Self-Obliteration, der Selbstauslöschung, indem sie auf die nackten Körper der an ihren Happenings teilnehmenden Frauen und Männer bunte Punkte malte, die zu einem Verschwinden der Individualität der so Bemalten führen sollten. 1973 kehrte Kusama nach Japan zurück. Sie litt unter Depressionen und begab sich 1976 in Tokio in eine psychiatrische Klinik, in der sie bis zum heutigen Tag wohnt.

In ihrem Atelier, das sich unweit der Klinik befindet, begann sie allmählich wieder bunte Gemälde mit organischen Formen zu malen. Anfang der 1980er-Jahre entstanden dann ihre ersten Pumpkins. Kusama, die schon in ihrer Kindheit von Kürbissen fasziniert war, schrieb in ihrer Autobiografie: «Man verbindet mit Kürbissen nichts Positives, aber mich entzückten diese liebreizenden Früchte. Gestalterisch interessierten mich ihr unaffektiertes, grossmütiges Aussehen und ihre solide seelische Stärke.» Mit einem unglaublichen Schaffensdrang vermehrte sie ihre Kürbisbilder, variierte ihr Aussehen, ihre Grösse, schuf Gemälde und Skulpturen. Kusama, die 2012 und 2023 für den Luxusbrand Louis Vuitton nicht nur Taschen kreierte, sondern auch Shops und Schaufenster dekorierte, gehört inzwischen zu den teuersten Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt. So wurde ein 2011 entstandener Pumpkin 2021 bei Sotheby’s in Hongkong für umgerechnet 8.1 Millionen Euro verkauft.

YAYOI KUSAMA, PUMPKIN, 1991 Acrylic on canvas, 91 x 116.7 cm, Collection of the artist © YAYOI KUSAMA
YAYOI KUSAMA, PUMPKIN, 1991
Acrylic on canvas, 91 x 116.7 cm, Collection of the artist
© YAYOI KUSAMA

In den 1990er-Jahren schuf sie überdimensionierte Gemälde, in denen sie ihre frühen Inifinity-Net-Bilder mit organischen Mustern verschmolz. Um die Jahrtausendwende kamen riesige tentakelförmige Skulpturen mit gelb-schwarzen Polka-Dot-Mustern hinzu. Die ersten floralen Grossskulpturen, von denen einige an der diesjährigen Art Unlimited zu sehen waren, datieren um das Jahr 2000. Ohne ihre skulpturalen Arbeiten zu vernachlässigen konzentrierte die Künstlerin sich in den letzten zwanzig Jahren wieder vermehrt auf die Malerei. Es entstanden Bilderserien wie My Eternal Soul und Every Day I Pray for Love, die gerne in raumgreifenden Arrangements präsentiert werden. In fast jeder ihrer Blockbuster-Shows, die von Museen weltweit organisiert werden, gibt es auch einen Infinity Mirror Room. Mit ihrer märchenhaften, aus organischen Formen gebauten Möblierung, die mit Polka Dots übersät ist, stellen diese verspiegelten Installationen eine Illusion von einer Unendlichkeit her, in der man sich als Besucherin und Besucher einer Self-Obliteration hingeben kann, wenigstens für die paar Minuten, in denen man in der Installation verweilt.

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