Die Fondation Beyeler zeigt das Werk des Bildhauers und Videokünstlers Pierre Huyghe in einer grossen Retrospektive.
24.05.2026 – 13.09.2026
Von Christoph Heim
Eine steinerne Frauengestalt mit einem summenden Bienenkorb anstelle des Kopfes: Wer im Sommer 2018 den Art Parcours besuchte, stiess im Garten der Allgemeinen Lesegesellschaft auf diese Chimäre. Das Bienenvolk, das den Kopf der kauernden Figur bewohnte, bestäubte die umgebende Gartenflora – das Werk war kein statisches Objekt, sondern ein lebendiges System im Austausch mit seiner Umgebung. Der verstörenden Skulptur «Exomind (Deep Water)» ist auf den ersten Blick kein eindeutiger Sinn abzugewinnen. Was sollen die Bienen am und im Kopf eines kauernden Aktes? Spielen sie auf die Gefahren an, für die Honigbienen gerne metaphorisch hinhalten müssen? Oder ging es dem Künstler um den Einfluss der Natur auf die Kultur – und letztendlich um die Verwandlung der Skulptur in ein dynamisches System mit eigener Subjektivität? Pierre Huyghe, dem populärsten unter den opaken Künstlern, wie einmal ein amerikanischer Kunstkritiker schrieb, ging es mit dieser Skulptur wohl um all das oder auch noch um viel mehr.
Ab 24. Mai bietet sich nun Gelegenheit, in der Fondation Beyeler die neuesten Arbeiten des 1962 in Paris geborenen und in Santiago de Chile lebenden Künstlers zu sehen. Es wird ein ziemlich unheimlicher Rundgang werden, denn ein beträchtlicher Anteil von Huyghes Kunst spielt sich in Filmen, Videos oder beleuchteten Aquarien ab. Huyghes immer wieder aufs Neue überraschende Arbeiten spielen häufig im Zwischenreich von Apokalypse und Dystopie. Klopfen das Verhältnis von Technik und Mensch ab. Loten die Grenzen zwischen Natur und Kultur aus und laufen mit modernstem technischem Gerät.

Der Rundgang ist als offene Raumfolge geplant und wird gemäss Pressetext der Fondation akustisch von dem dröhnenden Klopfen eines menschlichen Herzens begleitet. Apnea heisst dieser uns wohl bis in die Knochen erschütternde Soundtrack, der für die Riehener Schau exklusiv entwickelt wurde. Zu sehen sind die wichtigsten, längst auch schon berühmt gewordenen Arbeiten des Künstlers. In «Liminals», einem 55 Minuten dauernden Film, der vor zwei Jahren in der Punta della Dogana in Venedig uraufgeführt wurde und bis vor Kurzem im Berghain in Berlin zu sehen war, sehen wir einer gesichtslosen Frau zu, halb Mensch, halb ausserirdisches Wesen. Sie irrt in einer felsigen, an die Oberfläche eines Asteroiden erinnernden Landschaft herum und erforscht zu einem mythischen, von Quantencomputern erzeugten Soundtrack die eigenen Grenzen.

In «Camata», einem Film, der ebenfalls 2024 in Venedig uraufgeführt wurde und zurzeit im Pariser Museum La Bourse zu sehen ist (bis 22.5.), beschäftigen sich Roboterarme und -kameras mit einem menschlichen Skelett (das von einem Soldaten stammen soll). Es liegt in der Wüste von Atacama, Chile. In «Idiom», einer anderen Arbeit, die 2025 von der Fondation Beyeler angekauft wurde, begegnen uns Menschen mit goldenen Masken, die auf Passanten im Museum mit einem unverständlichen, elektronisch erzeugten Kauderwelsch reagieren. Bei all diesen Arbeiten geht es um die Interaktion zwischen Kunst und Publikum, wobei das Werk als dynamische, agierende Grösse definiert wird. Die filmenden Roboter und Algorithmen in den Kunstwerken sind so programmiert, dass sie die Bilder ohne menschliches Zutun beeinflussen können und mit dieser neuartigen Form des gelenkten Zufalls dem Kunstwerk gewissermassen Subjektstatus geben. Was vor dem Hintergrund dessen, dass künstliche Intelligenz unsere Welt zunehmend gestaltet, hochinteressant ist. So wird die Zuschauerin, der Zuschauer bei Huyghe förmlich dazu gedrängt, sich selbst infrage zu stellen und ihr oder sein Verhältnis zu der ihm vorgesetzten Kunst permanent neu zu bestimmen.

Das kann so weit gehen, dass die Zuschauenden ganz überflüssig werden. So erklärt der Künstler in einem Video des Louisiana Museums in Dänemark, dass mit Spinnentieren bevölkerte Steinbrocken in einem Aquarium, es handelt sich um die Arbeit «Zoodram 6» aus dem Jahre 2013, als Kunstwerk gut auch ohne Publikum funktionierten. Auch der Film «Human Mask» (2014), der in der Beyeler-Show gezeigt wird, strahlt diese Selbstgenügsamkeit der Kunst aus. Entstanden im Nachgang zur Atom- und Tsunami-Katastrophe von Fukushima, filmt eine Drohne eine menschenleere Ruinenstadt, bis sie in eines der Gebäude eindringt. Dort entdeckt sie einen mit einem blauen Rock bekleideten Affen, dessen Gesicht von einer weissen Mädchenmaske verdeckt ist. Sie filmt ihn dabei, wie er gewissermassen als letzter Überlebender herumläuft, sich hinsetzt, sich in dem ehemaligen, weitgehend zerstörten Restaurant etwas unbeholfen bewegt und dabei von Menschen antrainierte, aber auch instinktgesteuerte Bewegungen und Gesten macht. Sie geben einem eine unheimliche Vorstellung davon, wie eine posthumane Welt aussehen könnte.


