Alle Beiträge von Sibylle Meier

Editorial

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler
Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler

Liebe Kunstfreunde
In den beiden Basler Halbkantonen werden seit Jahren heisse Diskussionen um Stadt- und Landkultur sowie ihre Zusammenarbeit geführt. Wie immer, wenn in der Kultur versucht wird, Kategorien und Grenzen einzuführen, werden diese der Komplexität kultureller Produktion und Rezeption kaum gerecht. Auch weil das Verbindende in der Kultur naturgemäss eben stärker ist als das Trennende.

Wie sich die Verbindung von intensivem künstlerischen Austausch in Metropolen und individueller Arbeit von Künstlern in der Zurückgezogenheit auf dem Land gegenseitig befruchten können, zeigen exemplarisch die  Herbstaustellungen in den Basler Museen. Editorial weiterlesen

Kuratorin Nina Zimmer über den figurativen Pollock

Der figurative Pollock
02.10.2016 – 22.01.2017
Kunstmuseum Basel , Neubau, 2. OG

Die grosse Sonderausstellung im Kunstmuseum Basel widmet sich weltweit zum ersten Mal einem noch weitgehend unbekannten Kapitel der Kunstgeschichte – dem figurativen Pollock. Die Kuratorin der Ausstellung, Nina Zimmer, im Interview.

Dr. Nina Zimmer, ehem. Vizedirektorin Kunstmuseum Basel
Dr. Nina Zimmer, ehem. Vizedirektorin Kunstmuseum Basel

Frau Zimmer, den meisten von uns ist Jackson Pollock als Ikone des abstrakten Expressionismus bekannt. Seine «Drippings» sind zum Mythos geworden. Sie haben sich für die Präsentation einer weitgehend unbekannten Seite Pollocks entschieden. Was fasziniert Sie an seinem figurativen Werk?
Nina Zimmer: In Pollocks figurativem Werk sehen wir, wie er sich mit ganz verschiedenen künstlerischen Traditionen und Bildsprachen auseinandersetzt: Seine Vorbilder reichen vom italienischen Barock bis zu den mexikanischen Muralisten und Vertretern der europäischen Moderne wie Picasso, Masson, Miró.
Pollocks abstrakte Bildsprache ist von diesen figurativen Traditionen zutiefst geprägt. Im figurativen Werk – dem Frühwerk, aber auch der Werkphase, die sich unmittelbar an die Drippings anschliesst und wieder figurativ ist – kann man seine künstlerische Herangehensweise und seinen künstlerischen Kosmos unmittelbar erfahren. Kuratorin Nina Zimmer über den figurativen Pollock weiterlesen

Alexander Girard. A Designer’s Universe

Alexander Girard
A Designer’s Universe
bis 22.01.2017
Vitra Design Museum

Alexander Girard (1907–1993) war einer der bedeutendsten Textildesigner und Innenarchitekten des 20. Jahrhunderts. Seine spielerischen Entwürfe zeugen von einer Leidenschaft für Farben, Ornamente und internationale Volkskunst.

Bis Januar 2017 ist im Vitra Design Museum noch die erste grosse Retrospektive zu Alexander Girard zu sehen. Die Ausstellung präsentiert sein Werk anhand einer bislang noch nie gezeigten Vielzahl von Textilien, Möbeln, Modellen, Kleinobjekten, Interieurs, privaten Dokumenten und Zeichnungen. In seiner Schaffenszeit zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren entwarf Girard eindrucksvolle Interieurs für Restaurants, Privat- und Firmenkunden sowie über 300 Textildesigns – die meisten davon für die amerikanische Möbelfirma Herman Miller, zu deren Textildirektor er 1951 ernannt wurde. Unter Girards Kunden waren aber auch Unternehmen wie die Fluglinie Braniff International Airways oder John Deere, für die Girard ein weites Tätigkeitsgebiet abdeckte – von der Innenarchitektur über Textildesign, Corporate Design, Typografie und Möbeldesign bis hin zu Ausstellungen und Kleinobjekten.

Eine wichtige Inspirationsquelle für Girard war seine umfangreiche Sammlung von Objekten der Volkskunst, die er auf seinen Reisen durch Mexiko, Indien, Ägypten und andere Länder zusammentrug und die schlussendlich mehr als 100 000 Artefakte umfasste. Viele dieser Objekte verwendete Girard in seinen Inneneinrichtungsprojekten oder in spektakulären Ausstellungsinszenierungen, etwa in der Ausstellung Textiles and Ornamental Arts of India (1954) im New Yorker Museum of Modern Art oder in dem von ihm gestalteten Pavillon Magic of a People zur Weltausstellung HemisFair (1968) in San Antonio, Texas.

Auch wenn Girards Werk bis heute weniger bekannt ist als das berühmter Zeitgenossen wie Charles und Ray Eames, erlebt es in den vergangenen Jahren eine Wiederentdeckung. Girard gab dem Design das zurück, was die klassische Moderne abgelehnt hatte: Farbe, Dekor, opulente Inneneinrichtungen. Mit virtuoser Leichtigkeit verband er scheinbare Gegensätze wie Handwerk und Industrie, Popkultur und Hochkultur, verspieltes Dekor mit einer gekonnten Reduktion auf das Wesentliche.

Die Ausstellung beinhaltet viele Objekte aus Girards privatem Nachlass aus der Sammlung des Vitra Design Museums. Alexander Girard. A Designer’s Universe erzählt die Geschichte eines bedeutenden, jedoch oft unterschätzten Pioniers im Design, der den Entwicklungen folgender Jahrzehnte in vielerlei Hinsicht voraus war.

Weitere Ausstellungen:

Die Sammlung des Vitra Design Museums
1800 bis heute
seit 03.06.2016
Schaudepot

Radical Design
bis 13.11.2016
Schaudepot

Dieter Rams
Modular World
18.11.2016 – 12.03.2017
Schaudepot

ECAL Graphic Design
Type, Print, Web, Stories
22.10.2016 – 08.01.2017
Vitra Design Museum Gallery

 

Erin Shirreff – sensible Studien zu Zeit und Raum

Erin Shirreff
Halves and Wholes
02.09.2016 – 06.11.2016
Kunsthalle Basel

Erin Shirreffs Ausstellung Halves and Wholes in der Kunsthalle Basel wird die bislang grösste Präsentation der in New York lebenden kanadischen Künstlerin in einer europäischen Institution sein. In Basel werden u.a. neue fotografische Arbeiten als auch ein Film in Form einer Doppelprojektion Premiere feiern. Der neue Film
Concrete Buildings (2013–16) beschäftigt sich essayistisch mit den weniger beachteten architektonischen Arbeiten des bekannten Minimal-Art-Künstlers Donald Judd, der vor allem als Maler und später als Bildhauer tätig war, aber ebenso als Kunstkritiker und Architekt. Besonders bekannt sind seine Aktivitäten in Marfa, Texas, USA, wo er 1987 die Chinati Foundation gründete. Erin Shirreff – sensible Studien zu Zeit und Raum weiterlesen

«Die Kerze» im Museum Frieder Burda

«Die Kerze»
22.10.2016 – 29.01.2017
Museum Frieder Burda/D

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt im Herbst/ Winter 2016 eine grosse Themenausstellung zum Motiv der Kerze. Das Gemälde Kerze (1982) von Gerhard Richter, das zu den bedeutendsten Bildern der Sammlung Frieder Burda zählt, hat sich zu einer wahren Bild-Ikone entwickelt. Die grosse Anziehungskraft, die von dem faszinierenden Werk ausgeht – bereits 1988 wählte es die US-Band Sonic Youth für den Titel ihres Albums Daydream Nation –, gibt Anlass für eine Schau, die das prominente Bildmotiv der Kerze mit seinen vielfältigen Bedeutungen genauer untersucht. «Die Kerze» im Museum Frieder Burda weiterlesen

Ein Ort der Verlässlichkeit und Dauer

Christoph Gantenbein und Emanuel Christ
Christoph Gantenbein und Emanuel Christ

Emanuel Christ vom Architekturbüro Christ & Gantenbein gibt an der Pressekonferenz zum Erweiterungsbau des Kunstmuseum Basel Einblick in die Gedanken, die sich das Architektenduo zum Neubau gemacht haben.

Von Sibylle Meier, Basel

Das Grundstück des Burghof, welches vis-a-vis des Hauptbaus liegt, hat von Anfang an die Frage aufgeworfen, in welcher räumlich, funktionalen und architektonischen Beziehung der Neubau zum Hauptbau zu stehen kommen sollte. Dabei war eine Massgabe von zentraler Bedeutung: Beim Kunstmuseum Basel handelt es sich um ein Museum, welches aus zwei Häusern besteht. Hauptbau und Neubau sollten ein Paar bilden und eine gemeinsame Erscheinung im Stadtraum bilden. Die Idee war, dass der Neubau mit Respekt und Interesse für das, was schon da ist, entworfen werden sollte. Alt und Neu treten also in einen Dialog auf Augenhöhe, sogar die Traufen der beiden Häuser sind gleich hoch. Die räumliche und funktionale Verbindung der zwei Häuser vermittelt einerseits Kontinuität, sie erzählt aber auch eine neue Geschichte. Der Neubau ist ein Bekenntnis zu Kunst, urbaner Kultur und wirkt selbstbewusst und zurückhaltend zugleich. Er ist zeitgemäss und zukunftsorientiert. Ein Ort der Verlässlichkeit und Dauer weiterlesen

Bundesrat Alain Berset: „Der Erweiterungsbau erweitert unseren Horizont“

Bundesrat Alain Berset
Bundesrat Alain Berset

Rede von Bundesrat Alain Berset zur Eröffnung des Erweiterungsbaus des Kunstmuseums Basel am 15. April 2016 

Das ist ein Erweiterungsbau, der seinen Namen verdient, denn er erweitert unseren Horizont. Diese Architektur ermöglicht den Dialog: Mit dem Kunstmuseum aus den 30er Jahren – ein Gebäude, dem Christ & Gantenbein ihre Reverenz erweisen, ohne sich davon aber einschüchtern zu lassen. Mit der Kunst – der sie jenen Kontext geben, der ihre Kraft und Ausstrahlung maximiert. Und mit den Besucherinnen und Besuchern. Ihnen wird dank dieser physischen Präsenz des Raumes eine konzentrierte Auseinandersetzung mit den Kunstwerken ermöglicht. Dem Erweiterungsbau von Christ & Gantenbein gelingt das mit einer Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein. Bundesrat Alain Berset: „Der Erweiterungsbau erweitert unseren Horizont“ weiterlesen

Sam Lewitt: Wärme statt Licht – sinnlich erlebbar.

Sam Lewitt
More Heat Than Light
01.04.2016 – 29.05.2016
Kunsthalle Basel

Von Sibylle Meier, Basel

Was machen wir hier eigentlich? Mit dieser Frage begrüsst Elena Filipovic, die Leiterin der Kunsthalle Basel, die Journalisten zur Medienkonferenz der neuen Soloshow More Heat Than Light. Wer die Kunsthalle Basel regelmässig besucht, der ahnt die Antwort: Filipovic möchte die Diskussion anregen, indem sie „ihre“ Institution performativ bespielt, sie verändert und dadurch neue Perspektiven eröffnet.

Sam Lewitt, Weak Local Lineament (MHTL), 2016, detail, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger
Sam Lewitt, Weak Local Lineament (MHTL), 2016, detail, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger

Mit dem kalifornische Künstler Sam Lewitt gelingt ihr das hervorragend, denn Lewitt denkt über Institutionen nach. Seine aktuelle Ausstellung setzt eine Bedeutungsebene frei, die über die ästhetische Wahrnehmung hinaus auf die soziale und gesellschaftliche Bedeutung einer Kunsthalle hinweist. Lewitt arbeitet nicht gegen die Institution. Er möchte sie aber stören, indem er in das „System Kunsthalle“ eingreift.

Ein wichtiger Teil dieses Systems ist die Beleuchtungstechnik. Um Kunst ins beste Licht zu rücken, ist eine ausgeklügelte technische Infrastruktur notwendig. Hier setzt Lewitt sein subtiles Werk an: Er zweigt kurzerhand die gesamte Beleuchtungsenergie ab und wandelt sie in Wärme um. Er beschneidet einen Teil der Kunsthallen-Infrastruktur und lässt die umgeleitete Energie fühlbar werden. Damit rückt er die Institution selbst ins Zentrum der Wahrnehmung.

Für More Heat Than Light hat Sam Lewitt im Oberlichtsaal die Beleuchtungskörper entfernen lassen. Durch lange, von der Decke hängende Kabel fliesst der Strom nun in hauchdünne, auf dem Boden liegende Heizkreisläufe. Die abgegebene Wärme entspricht also genau der Menge Energie, welche die Kunsthalle sonst in ihre Beleuchtungs-Infrastruktur steckt. Aber anstatt die Energie zu nutzen um die Kunst zu beleuchten, hat sie Lewitt der Institution geraubt, um damit sein Werk zu versorgen. Wärme statt Licht – sinnlich erlebbar.

 

Sam Lewitt, Installationsansicht More Heat Than Light, Blick auf A Weak Local Lexicon (MHTL), 2016, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger. Courtesy Sam Lewitt und Pilar Corrias Gallery, London
Sam Lewitt, Installationsansicht More Heat Than Light, Blick auf A Weak Local Lexicon (MHTL), 2016, Kunsthalle Basel, 2016. Foto: Philipp Hänger. Courtesy Sam Lewitt und Pilar Corrias Gallery, London

Lewitt gefällt die Vorstellung, dass seine Werke den Ort prägen können. Aber damit nicht genug. Lewitt setzt sich mit der Frage auseinander, wie Informationsflüsse, aber auch Kapitalflüsse verlaufen. Wer die grafisch gestalteten Heizelemente genau studiert, der findet dezent eingraviert Schlagworte wie „get connected“ (verbindet euch), „custom profiling“ (individuelle Profilierung) und andere mehr. Es sind dies Leitsätze aus unserer globalisierten, standardisierten und kapitalistischen Welt im 21. Jahrhundert. Mit ihrer Hilfe sollen unsere Systeme am Laufen, aber auch im Gleichgewicht gehalten werden. Systeme, die möglicherweise in einem unsichtbaren, prekären Gleichgewicht sind. Sie müssen cool bleiben, damit sie nicht überhitzen. Das ist es, was Lewitt interessiert. Nicht von ungefähr hat er sich deshalb für seine Heizelemente einer Technik bedient, die im Alltag dafür sorgt, dass die Temperaturregulierung in Systemen im Gleichgewicht bleibt.

Dass ein wirtschaftliches Gleichgewicht kippen kann, erleben wir immer wieder. Derzeit sind es die Panama-Papers, die ein Geldwäsche-System ins Wanken bringen. Vor ein paar Monaten war es der VW-Abgas-Skandal, der die Welt in Atem hielt. Lewitt spielt in seiner Ausstellung bewusst auf diesen Skandal an, indem er seine Heizbänder über Motorblöcke von VW legt. Damit möchte er auf die scheinbare reibungslose, aber eben doch nicht wasserdichte Kommunikation eines Konzernriesen hinweisen. Die Blöcke stehen ein bisschen schräg in dieser an sich stringenten Ausstellung. Der direkte Zusammenhang mit dem Konzept der Energieumleitung scheint ein bisschen weit her geholt. Vielleicht ist die Erwähnung eines solchen Skandals in der Soloshow marketingtechnisch gewinnbringender, als es für die Ausstellung an sich nötig gewesen wäre.

Welche Sinne führen zu „wahrem“ Kunstgenuss?

Prière de Toucher | 11.02.2016 – 16.05.2016
Museum Tinguely

Von Sibylle Meier, Basel
Bekäme ein von Geburt an blinder Mensch die Möglichkeit zu sehen, könnte er dann mit den Augen einen Würfel oder eine Kugel erkennen, deren Form er zuvor „nur“ über die Hände ertasten konnte? Dieses erkenntnisphilosophische Problem, das 1688 als sogenanntes Molyneux-Problem in die Geschichte eingegangen ist, hat einen breiten Diskurs ausgelöst.

Man Ray, Gift, 1921, Ausstellungsansicht "Pière de Toucher, Museum Tinguely, Basel
Man Ray, Gift, 1921, Ausstellungsansicht „Pière de Toucher, Museum Tinguely, Basel

Wie nehmen wir wahr; was können wir erkennen; welche Sinne führen zu „wahrem“ Kunstgenuss? Das Museum Tinguely hat eine Ausstellungsreihe angestossen, die sich diesen Fragen widmet. Nach Belle Haleine – der Duft der Kunst von 2015 über den Geruchssinn, folgt nun der zweite Streich, mit der Ausstellung Prière de Toucher – der Tastsinn der Kunst, die sich dem Tastsinn zuwendet. Lange Zeit galten nur die Fernsinne Auge und Ohr als wahre Rezeptoren für den Kunstgenuss. Dass wir gut daran tun, unser Spektrum zu erweitern, zeigt der spannende Parcours im Museum Tinguely. Nicht von ungefähr beginnt die Schau mit der Arbeit Letter on the Blind, For the Use of Those Who See aus dem Jahre 2007 von Javier Téllez. In diesem Video ertasten fünf blinde Menschen einen Elefanten und berichten darüber, was sie mit ihren Händen sehen. Die Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein, und genau diese Erkenntnis wird programmatisch für den Rundgang, der die Besucherinnen und Besucher anschliessend erwartet. Sehen wir wirklich nur mit unseren Augen? Sehen wir alle dasselbe? Berührung bedeutet Kontakt herstellen, wir gehen vom Ich ins Du. Der Tastsinn erweitert, auf elementare Weise, unser Erfahrungsrepertoire. Wir wollen berühren, was wir sehen, einen Raum mit unserem Körper durchmessen. Und wir wollen berührt werden, Bestätigung für unser Dasein haben oder uns umgekehrt abgrenzen von Dingen, die unsere Grenze überschreiten.

Prière de Toucher – der Tastsinn der Kunst ist eine breit aufgefächerte Schau, die sich dem Taststinn auf unterschiedlichsten Ebenen widmet. Von religiösen Praktiken des Berührens über die barocke Allegorie hin zur künstlerischen Avantgarde um Marcel Duchamp (dem Titelgeber der Ausstellung) gewinnt der Besucher einen tiefen Einblick in die künstlerischen Möglichkeiten, die mit dem Tastsinn verbunden sind. Unterdrückung beispielsweise funktioniert oft über den Körper, und so erstaunt es nicht, dass viele Künstlerinnen sich schonungslos ihrem eigenen Körper zuwenden, um mit ihren Performances auf politische Probleme aufmerksam zu machen.

Pedro Wirz vor seinem Werk "Nachtwache" zum Thema "Oral History"
Pedro Wirz vor seinem Werk „Nachtwache“ zum Thema „Oral History“

Anstelle von Aufmerksamkeit erzeugen kann man auch versuchen,  zu verhindern, dass Dinge in Vergessenheit geraten. Dafür interessiert sich der Swiss Award Gewinner 2015, Pedro Wirz. Er widmet sich mit seinen Porträtköpfen der Oral History. Die Arbeit dreht sich um den Mund, um Geschichten von Menschen und über vergessene Kulturen. Auch dies eine akkustische Form des Berührtwerdens. Er hört sich Geschichten an und schreibt gleichzeitig an einer eigenen Geschichte. „Ich esse die Geschichten und verdaue sie“ wie er selber sagt.

Louis Philippe Demers kehrt mit seiner Arbeit The Blind Robot von 2012 das Prinzip des Tastsinns um. Roboter beginnen zunehmend soziale Aufgaben zu übernehmen, etwa in der Pflege von hilfsbedürftigen Menschen. Um solche Maschinen zu entwickeln müssen sie taktile Erfahrungen am Menschen machen. Wie sich dies anfühlt können die Besucherinnen am eigenen Leib erfahren.

Das Geheimnis des Molyneux-Problems wurde übrigens im Jahre 2011 von einer Forschungsgruppe des MIT gelüftet (näheres unter: https://news.mit.edu/2011/vision-problem-0411). Unsere Hände können die Augen nicht in gleichem Mass ersetzen. Was wir sehen und was wir ertasten führt in zwei verschiedene Welten.

My Boyfriend Came Back From The War. Online since 1996

Bis 20. März 2016
HeK Haus der elektronischen Künste

Von Sibylle Meier, Basel
Das HeK widmet seine erste Ausstellung im neuen Jahr der russischen Künstlerin Olia Lialina. Die Professorin für neue Medien an der Merz Akademie in Stuttgart, hat vor 20 Jahren als eine der Ersten die gestalterischen Möglichkeiten eines Webbrowsers erkundet. Während damalige Programme den Bildschirm noch Zeile für Zeile bespielten, teilte Lialina die Oberfläche in Frames ein, die sie individuell bespielte.
Die interaktive Erzählung über zwei Menschen, die versuchen, miteinander über einen vergangenen Krieg zu reden, gilt heute als Pionierarbeit der net.art.

Olia Lialina, mbcbftw-netscape, 1996, Screenshot_505. Für Web-Application bitte aufs Bild klicken
Olia Lialina, mbcbftw-netscape, 1996, Screenshot_505. Für Web-Application bitte aufs Bild klicken

Das Original dieses Werks mit dem Titel My Boyfriend Came Back From The War (MBCBFTW) steht im Zentrum der Ausstellung. Um das zentrale Werk sind  Arbeiten von weiteren Künstlern gruppiert, die sich inhaltlich oder formal auf darauf beziehen. Olia Lialina selbst hat diese Arbeiten in ihrem privaten Archiv unter dem Titel „The Last Real Net Art Museum“ zusammengetragen. Aus den mittlerweile 27 Arbeiten werden 13 im HeK ausgestellt.

Inhaltlich beschäftigt sich die Arbeit mit der Kommunikation zwischen zwei Menschen über ein schwieriges Thema. Lialina hat ihr Werk so aufgebaut, dass der Austausch ganz unterschiedliche Richtungen einschlägt, je nachdem welcher Link zuerst angeklickt wird. Die Langsamkeit, mit der sich die Bilder vor 20 Jahren aufgebaut haben, bildet eine wichtige Leerstelle zwischen den einzelnen Sprach- oder Bildfragmenten. Das Warten auf eine Antwort verbindet sich mit dem Warten auf das Bild.

Die Dokumentation der historischen Dimension der ausgestellten Geräte und Technologien bildet einen weiteren wichtigen Schwerpunkt der Ausstellung. Das Gerät, auf dem „MBCBFTW“ läuft, und die dazugehörige Software stammen aus den 90er-Jahren. Das Gerät wurde von einem Spezialisten für Medienkunst der Universität Freiburg künstlich verlangsamt. In einer sogenannten Emulation hat er den technologischen Entwicklungsstand von 1996 rekonstruiert. Das Durchklicken durch Lialina’s Arbeit dauerte damals etwa 15 Minuten. Auf einem heutigen Gerät kann man dies in 30 Sekunden erledigen. (Wir erinnern uns dunkel an die Einwahlgeräusche einer aufzubauenden Modemverbindung). Die ganze Arbeit hat die geringe Grösse von heute unvorstellbaren 72 KB.

Guthrie Lonergan, Burgers (My Burger came back fom the War), 2012 – für Web-Application bitte auf das Bild klicken
Guthrie Lonergan, Burgers (My Burger came back fom the War), 2012 – für Web-Application bitte auf das Bild klicken

Die Ausstellung bietet einen breiten Überblick über die Entwicklung der Netzkunst und der Informatikgeschichte in den letzten zwanzig Jahren. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung ist überraschend, und erst die Konfrontation mit Software, Interfaces und Gerätschaften machen deutlich wie gross der Sprung ist, von den einstigen Maschinenparks auf unseren Schreibtischen zu den heutigen Geräten in unseren Hosentaschen.