Vom Klassizismus bis zum jungen Picasso

Klassizismus bis Moderne – Zeichnerische Positionen des 19. Jahrhunderts
03.02.2007 – 24.06.2007 | Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett

Das Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel zeigt zeichnerische Positionen des 19. Jahrhunderts

Von Anita Haldemann*

Georges Seurat, Une Promeneuse, um 1884/86
Georges Seurat, Une Promeneuse, um 1884/86
Die Zeichnung des 19. Jahrhunderts umfasst eine Vielfalt von Formen und Funktionen. Sie war nicht nur Grundlage der künstlerischen Ausbildung, sondern stand im Zentrum der Vermittlung akademischer Werte. Deshalb war die Zeichnung auch der privilegierte Ort, wo ein Künstler seine kritische Haltung gegenüber der akademischen Tradition zum Ausdruck bringen und Stellung beziehen konnte. Bereits mit Overbeck und anderen Nazarenern am Anfang des Jahrhunderts begannen Künstler auf selbst gewählte Vorbilder zurückzugreifen. Um eigene Positionen entwickeln zu können, mussten sie sich einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Mediums Zeichnung stellen. Anhand von Skizzen, Studien und bildmässig ausgearbeiteten Zeichnungen zeigt die Ausstellung, wie Traditionen aufgenommen und für neue Ziele umdefiniert wurden. Das Kopieren nach alten Meistern, das zur akademischen Ausbildung gehörte, wurde von Künstlern wie Cézanne zum Beispiel als «kreatives Kopieren» praktiziert, um eigene künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln. Die Geschichte der Zeichnung im 19. Jahrhundert ist so vielfältig, dass sie sich auch nicht innerhalb eines Landes auf eine allgemein gültige Entwicklung festlegen lässt. Während am Anfang des Jahrhunderts mit Klassizismus, Romantik und den Nazarenern noch grössere Entwicklungsstränge auszumachen sind, entfalten sich im Verlaufe der Jahrzehnte immer stärker individuelle Positionen mit Menzel, Marées, Böcklin und Hodler, über Redon, Seurat und Cézanne bis Picasso. Dennoch gibt es auffällige Tendenzen: Neben Studien von Friedrich, Böcklin, Leibl oder Feuerbach, die der Vorbereitung von Gemälden dienten, gibt es vermehrt die autonome und sogar bildmässig durchgearbeitete Zeichnung, so bei Calame, Menzel, Redon und Seurat. Andererseits finden sich die eher persönlichen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten zeichnerischen Recherchen von Delacroix, Marées oder Cézanne. Die Zeichnung wird im 19. Jahrhundert auch immer wieder hinterfragt. Das Skizzenhafte, das seit dem 18. Jahrhundert in Zeichnungen besondere Wertschätzung erfuhr, wurde durch die Maler im Rahmen der Ästhetik des Non-finito in Anspruch genommen. Die
exakte Naturstudie fand eine neue Konkurrenz in der Fotografie, die in den 1830er Jahren erfunden wurde. Dies sind nur zwei der wichtigsten Aspekte, die zeichnende Künstler zwangen, zwischen diesen neuen Herausforderungen ihre persönliche, den eigenen künstlerischen Bedürfnissen entsprechende Form zu finden. Der Bogen der Ausstellung wird absichtlich grosszügig vom Klassizismus um 1800 bis zum jungen Picasso 1907 gespannt, denn ihm gelang es dank seiner Auseinandersetzung mit dem klassizistischen Werk von Ingres, sein spätsymbolistisches Frühwerk abzuschliessen und den Kubismus einzuleiten. Die Ausstellung vernachlässigt geografische Grenzen, indem sie französische, deutsche und schweizerische Künstler nebeneinander zeigt, auch wenn sich die Künstler zum Teil gar nie begegnet sind oder ihre Werke gegenseitig nicht kannten. Die Nachbarschaft ermöglicht aber spannende Vergleiche, kann unerwartete motivische Gemeinsamkeiten, stilistische Parallelen oder auch Unterschiede deutlich werden lassen, so zum Beispiel zwischen Fohr und Ingres, Böcklin und Redon, Marées und Cézanne, Cézanne und Böcklin. Die 109 Zeichnungen von 50 Künstlern und einer Künstlerin stammen ausschliesslich aus der Sammlung des Basler Kupferstichkabinetts, deren bemerkenswerte Vielfalt und hervorragende Qualität in der Auswahl zum Ausdruck kommt. Die Sammlung der Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert wuchs nicht in allen Bereichen gleichmässig, und so ergeben sich auch in der Ausstellung Schwerpunkte (Koch, Böcklin, Redon, Cézanne, Marées, Hodler). Im Vordergrund steht aber die Vielfalt von Möglichkeiten des zeichnerischen Ausdruckes zwischen Tradition und Moderne.

* Anita Haldemann ist Konservatorin am Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel

Arnulf Rainers Bibelübermalungen

Bibelbilder – Arnulf Rainer – Gustave Doré
11.11.06 – 21.01.2007 | Museum Frieder Burda, Baden-Baden/D

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt «Bibelbilder» des österreichischen Künstlers

Arnulf Rainer ist der international bekannteste österreichische Künstler der Nachkriegszeit. Seine Übermalungen sind zum Markenzeichen geworden. Die Bibelübermalungen Rainers stehen im Mittelpunkt der Ausstellung «Bibelbilder» im Museum Frieder Burda. 2000 Jahre europäische Kunstgeschichte werden in der grossen Schau «Bibelübermalungen» neu interpretiert. Die 160 Gemälde und Zeichnungen des Bibelzyklus wurden vom Sammler Frieder Burda im Jahr 1998 komplett erworben. Sie zählen zu den herausragenden Werken des 1929 in Wien geborenen Malers, der die Gattung der Übermalung in die moderne Kunst eingeführt hat. Seit Anfang der 50er Jahre verändert Rainer mit expressiven Strichen und Farbströmen vorgegebene Bildnisse.

Arnulf Rainer, Madonna  mit Kind 1995
Arnulf Rainer, Madonna
mit Kind 1995
Rainers Bilder der Ausstellung laden die Museumsbesucher zum Nachsinnen über die Themen der Bibel ein – Kapitel für Kapitel vom Alten zum Neuen Testament. Rainer hat Kopien berühmter Bibelillustrationen übermalt. Als Vorlagen seiner Übermalungen dienten ihm Farb- oder Schwarzweiss-Kopien von Tafel- und Wandgemälden, Bleiglasfenstern, Zeichnungen und vor allem Buchillustrationen vom Mittelalter über die Renaissance bis ins 19. Jahrhundert. Dabei reicht die Liste der Künstler von dem Miniator Maius aus dem 10. Jahrhundert über Giotto, Fra Angelico, und Sandro Botticelli bis hin zu Gustave Doré.
Rainer greift auf sein gesamtes Repertoire von Übermalungs- und Zeichentechniken zurück. Neben romanischen Wandmalereien finden sich zum Beispiel auch Giottos «Jüngstes Gericht» und die Holzstiche der höchst populären Bilderbibel des französischen Grafikers und Malers Gustave Doré (1832-1883). Mehr als ein Drittel aller Bibelübermalungen beziehen sich auf Doré.
Die beiden Bände der Prunkausgabe von 1867, die Rainer eigens für die Kopien seiner Übermalungen gekauft hatte, sind in der Ausstellung ebenso zu sehen wie 56 kostbare Drucke Dorés, die einen Vergleich mit ihren Übermalungen nicht zu scheuen brauchen: Die Holzstiche sind so fein gearbeitet, dass ihr Wechsel von Hell und Dunkel von einer malerischen oftmals fast bühnenhaften Wirkung ist.
Weitere Blickfänge der biblischen Schau bilden sieben grossformatige Arbeiten aus der Kreuzserie, die Rainer Anfang der 50er Jahre begann und erst Mitte der 90er Jahre vollendete. Die bis zu drei Meter hohen, kreuzförmigen Ölbilder sind auf Leinwand oder Holz gemalt.
Arnulf Rainer hat längst die denkbar höchsten internationalen Anerkennungen erfahren: 1978 vertrat er Österreich bei der Biennale in Venedig, 1984 veranstaltete das Centre Pompidou in Paris eine Einzelausstellung über ihn, 1987 erwarb das MoMa in New York eine seiner Arbeiten, dann folgten die Retrospektiven 1989 im New Yorker Guggenheim Museum und 2000 im Stedelijk Museum Amsterdam.
Ein eigenes Kabinett ist weiteren Arbeiten von Gustave Doré zum Thema Bibel gewidmet. Darunter Leihgaben des Musee d‘art moderne et contemporain in Strassburg: Weitere Holzstiche, Zeichnungen, ein Druckstock und ein Ölgemälde lassen die ganze Bandbreite des im 19. Jahrhundert höchst berühmten französischen Romantikers erkennen. Humorvolle Buchillustrationen des umtriebigen Künstlers belegen auch, dass er gerne in Baden-Baden weilte – und dies nicht nur um die Bäder zu besuchen, sondern auch die Spielbank und die Wirtshäuser.

Kandinsky – Aufbruch zur Abstraktion

Kandinsky – Malerei 1908 – 1921
21.10.2006 – 04.02.2007 | Kunstmuseum Basel

Mit der Entwicklung der Abstraktion gab Wassily Kandinsky der Kunst einen neuen Impuls, der bis heute wirksam ist, und eröffnete sich eine geistige Wirklichkeit jenseits sichtbarer Vorbilder. Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel konzentriert sich auf die entscheidenden Schaffensjahre zwischen 1908 und 1921.

Von Hartwig Fischer und Sean Rainbird*

Wassily Kandinsky, Studie für Improvisation 8, 1909
Wassily Kandinsky, Studie für Improvisation 8, 1909
In der Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts nimmt Wassily Kandinsky einen besonderen Platz ein. Er zählt zu den ersten Künstlern, die die Gegenständlichkeit hinter sich liessen und eine «abstrakte Malerei» verwirklichten. In seinen Bildern gab er dem dichten geistig-seelischen Gewebe, das er als «inneren Klang» bezeichnete, Gestalt. War zuvor die Natur oder ein historisches oder biblisches Ereignis Thema des Bildes, wurde jetzt die immaterielle Wirklichkeit der eigenen seelischen Instanzen Gegenstand der Kunst. Dieser Vision näherte sich Kandinsky schrittweise in einem Prozess des Experimentierens. Er verwandelte die Linie, die traditionellerweise eine Form umreisst oder als Parallelschraffur den Eindruck von Volumen erzeugt, zu einer Masseinheit für Energie und Dynamik, die auch in den abstrakten Bildern noch Gegenständliches andeuten kann – einen Berg, ein Boot, einen Reiter, ein liegendes Paar –, die vor allem aber losgelöst von solchen Bezügen im Bild agiert. Entsprechend kühn wählte Kandinsky die Farben, die im präzisen Zusammenspiel Raum, Bewegung, ja Handlung erzeugen und durch ein reiches Geflecht von Assoziationen unbewusste Gefühle freisetzen.
Wassiliy Kandinsky, Improvisation 30 (Kanonen), 1913
Wassiliy Kandinsky, Improvisation 30 (Kanonen), 1913
Als Kandinsky 1914 auf seine künstlerische Produktion der vorausgehenden fünf Jahre und die Entwicklung der Abstraktion in seinen Bildern zurückblickt, erklärt er, dass die revolutionäre Auflösung des Motivs nicht das eigentliche Ziel seiner Arbeit sei. Der völligen Ungegenständlichkeit hatte er sich zu diesem Zeitpunkt erst angenähert: Gegenständliche Elemente und Handlungsstrukturen bleiben selbst 1914 noch rudimentär vorhanden, sind aber zunehmend Teil eines bildimmanenten Spiels von Linie und Farbe.
Diese Entwicklung lässt sich an den zahlreichen ab 1908 in Murnau entstehenden Landschaften nachvollziehen.
Erkennen wir hier zu Beginn noch in den saftigen Grün- und Purpurrottönen gewisse Tageszeiten und Witterungsverhältnisse, emanzipieren die Farbwerte sich zunehmend vom Motiv. Kandinsky integriert diese Farberfahrungen und die intensive Beobachtung bestimmter Lichtverhältnisse bald als eigenständige Werte. Die Bedeutung des Landschaftsmotivs wird durch solche Experimente zugunsten rein malerischer Fragestellungen von Farbe und Komposition in den Hintergrund gedrängt, bleibt aber als Matrix lange spürbar. Eine voll entwickelte, ausgereifte Abstraktion zeigen dann die ab Januar 1914 entstandenen Bilder. Allerdings war dieser Entwicklungsschritt keineswegs unumkehrbar und schloss die Gegenständlichkeit bis 1922 nicht aus.
Wassily Kandinsky, Murnau – Kohlgruberstrasse, 1908
Wassily Kandinsky, Murnau – Kohlgruberstrasse, 1908
Auf seinem Weg zur Abstraktion und zum Bruch mit der Darstellungstradition der abendländischen Kunst stellte Kandinsky die Malerei in die Nähe anderer Kunstformen. Vor allem die Musik bot sich in ihrem eher zeitlichen als räumlichen Verlauf als Analogieebene an, die Kandinsky dabei half, die Malerei aus ihrer Abhängigkeit von der beschreibenden Linie und der naturalistischen Lokalfarbe zu befreien. Durch die Bezugnahme auf die Begriffe von Resonanz, Schwingung und Klang, die er im Miteinander der Farben entstehen sah, lieferte die Musik auch eine Analogie für die körperlichen Wirkungen, die Kunstwerke auf den Betrachter haben können. Sogar Kandinskys Impressionen, die jeweils auf direkten Eindrücken beruhen, bewegen sich jenseits des Illustrativen und geben vielmehr eine Art von flüchtigem Nachbild, das die Intensität des eigentlichen, vom Künstler erlebten Ereignisses artikuliert. In den Improvisationen und den durchstrukturierteren Kompositionen gelingt dann die Annäherung an die abstrakte oder reine Kunst. Kandinsky dynamisiert das Verhältnis zwischen dem essenziell Statischen eines Werkes und seinem Inhalt: Wo er Referenzen an Gegenständliches beibehält, unterdrückt er Motive, die einen Hinweis auf die relative Grösse eines Gegenstands geben, er verbindet unterschiedliche Massstäblichkeiten und erzeugt durch den spezifischen Einsatz der Farben einen überaus reichen, differenzierten Bildraum und eine Vielzahl von Orten ganz unterschiedlichen Charakters, die zusammen den Eindruck einer immensen Weite und Tiefe erzeugen, in der sich Dramatisches – die Schöpfung, die Sintflut – ereignet. Visuelle Einstiegshilfen fehlen, die den Betrachter vom Bildvordergrund in das Bild führen, und Kandinsky beschleunigt diese Unmittelbarkeit, indem er die Beziehung zwischen dem Betrachter und dem Bildinnenraum weiter verunklärt und destabilisiert.
Die Ausstellung zeigt den eigentlichen Beginn von Kandinskys Karriere in Deutschland und deren Fortsetzung nach 1914, hauptsächlich in Russland. In beiden Ländern übernahm Kandinsky eine aktive Rolle im kulturellen Leben, insbesondere in München und Moskau, wo er sich die meiste Zeit aufhielt. Um die Jahrhundertwende war München eines der Zentren für die Entstehung und Verbreitung des Jugendstils. Dank der Sezessionsausstellungen und eines funktionierenden Galeriennetzwerks zählte die Stadt gleichzeitig zur Avantgarde bei der Verbreitung und Durchsetzung moderner Kunst aus anderen Teilen Europas. Als Kandinsky bei Kriegsausbruch 1914 gezwungen war, Deutschland zu verlassen, kehrte er nach Russland zurück, das vom revolutionären Fieber ergriffen war. Hatte sein Engagement in Deutschland dem Organisieren von Ausstellungsmöglichkeiten für sich und seine Freunde gegolten, um seine eigenen und die Ideen seiner Mitstreiter in die Öffentlichkeit zu tragen, so erweiterten sich seine Aufgaben schlagartig, als er in Moskau den Auftrag erhielt, die Leitung kultureller Institutionen zu übernehmen. Zu seinen Aktivitäten gehörten die Gründung und der Aufbau der ersten Museen für zeitgenössische Kunst, die er mit bedeutenden Werken der revolutionären russischen Kunst, eigenen und solchen anderer Künstler, ausstattete. Diese Vorgänge spiegeln die radikalen Veränderungen, die durch die Oktoberrevolution 1917 ausgelöst worden waren. Aber Kandinsky geriet bald in Konflikt mit der zunehmenden Ideologisierung.
Wassily Kandinsky, Kreise auf Schwarz, 1921
Wassily Kandinsky, Kreise auf Schwarz, 1921
Die künstlerischen Ideen der Avantgarde waren nach Kräften gefördert worden, bevor sie nach der Revolution von 1917 von einer kulturpolitischen Elite vereinnahmt wurden, welche die Durchsetzung einer neuen Weltordnung anstrebte. Kandinskys unabhängige künstlerische Position, sowie sein Glaube daran, dass neben Logik und Vernunft die Intuition und Subjektivität wesentliche kreative Kräfte seien, machten es ihm unmöglich, sich den rationalistischen Regeln der Konstruktivisten unterzuordnen. Dennoch hat die Auseinandersetzung mit ihnen auch seine Kunst nicht unberührt gelassen. Neben der Kindheit und Jugend in Russland gehört jene ereignisreiche, aktive Zeit in Russland während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar nach Kriegsende zu den prägendsten Abschnitten seines Lebens.
Als Kandinsky Russland Ende 1921 für immer verliess, stand er an einem Wendepunkt. Die einfachen geometrischen Formen, wie sie die Konstruktivisten Kasimir Malewitsch und El Lissitzky verwendeten, wurden zu einem charakteristischen Bestandteil der wenigen Bilder, die Kandinsky 1921 malte. Sie bilden die Grundlage für sein späteres Werk, auch wenn sie hier eine andere Bedeutung erhielten. Kandinsky stabilisierte die hoch dynamische, seelisch aufgeladene Bildform, die er vor 1914 entwickelte, nach 1921 in der Klarheit geometrisch organisierter Elemente und
beruhigte die kosmischen Wirbel und Sphären seiner Arbeiten von 1912 bis 1919.

* Hartwig Fischer ist Direktor des Museum Folkwang, Essen; Sean Rainbird ist designierter Direktor der Staatsgalerie Stuttgart

Der andere Blick auf den weiblichen Körper

EROS – in der Kunst der Moderne
08.10.2006 – 18.02.2007 | Fondation Beyeler

Vom stilisierten Objekt zum handelnden Subjekt: Frauen in der Kunst

Von Janine Schmutz*

Die Frau und ihr Körper spielen im Kunstkontext seit jeher eine wesentliche Rolle. Als Göttin, Heldin, Mutter, Verführerin oder Aktmodell wurde sie tausendfach skizziert, gemalt und in Stein gehauen. Während sie ursprünglich den Weg als Göttin in die Kunst nimmt – wo sie ein paar tausend Jahre später als Nebenfigur Gottes endet – wird sie als Heldin zur barbusigen Allegorie über den Schlachtfeldern. Als Mutter spielt sie vor allem in zahlreichen Familienporträts eine wesentliche Rolle.
Die Folgen der «Begehrlichkeit des Weibes» kann in den unzähligen Aktdarstellungen und erotischen Abbildungen u. a. in der neuen Ausstellung «EROS in der Kunst der Moderne» in aller Deutlichkeit nachvollzogen werden: Ob Bonnard oder Klimt, Schiele, Rodin, Picasso oder Man Ray, sie alle haben den nackten weiblichen Körper geliebt, geformt und dem Publikum in den verschiedensten Medien präsentiert, mit Vorliebe in der passiven Rolle der Muse oder des Modells. Die Werke hingen fortan in Galerien und Ausstellungsräumen, wurden gelobt und verehrt und festigten ein Bild der Frau, das die Frauen zum Objekt der männlichen Inspiration und Begierde stilisierte. Ganz selten erscheinen die Abgebildeten als Herrinnen ihrer eigenen Situation, selbst dann nicht, wenn sie als Handelnde auftreten. Noch seltener treten sie als Künstlerinnen auf – die Akademien und insbesondere die Aktmalerei blieben ihnen bis tief ins 20. Jh. hinein verschlossen. Die feministische Kunstbetrachtung hat sich eingehend mit diesem Phänomen des «männlichen Blickes» auf den weiblichen Körper auseinandergesetzt. Aber was heisst eigentlich «männlicher» Blick?
Ausschlaggebend ist in diesem Zusammenhang die Erfindung der Zentralperspektive im frühen 15. Jh. Der Akt des Sehens erlangte dadurch neuartige Bedeutung, nach der das Subjekt die Welt durch seine Augen betrachtet und das, was es sieht – das «Gegenüber», den «Wilden», oder eben auch «die Frau» – zum Objekt der eigenen Betrachtungsmacht erklärt. Der eine sieht, der andere wird gesehen – diese Sichtweise hat nicht nur schwerwiegende Auswirkungen auf die Geschlechterwahrnehmung nach sich gezogen, in dem Männlichkeit mit Sehen und Weiblichkeit mit Gesehen-Werden gleichgesetzt wird, sondern festigte gleichzeitig die Zweiteilung von männlicher Geistigkeit und weiblicher Leiblichkeit und verlagerte sie ins Sehen. Diese Tendenz wurde später durch die eindimensionale Sehweise von Fotoapparat und Filmkamera ein weiteres Mal verstärkt und zog eine regelrechte Automatisierung der Sehgewohnheiten nach sich. Der Körper wird mit dem Blick beschrieben, kulturell codiert und am Ende wird nur noch das reflektiert, was man schon immer sehen wollte. Der Rest wird nonchalant übersehen. So konnten sich paradoxe Zuschreibungen verfestigen: die Intellektualität, Kraft, Führungsfähigkeit und das aktive Sehen dem Mann, Leiblichkeit, Sinnlichkeit, die Pflicht zur Schönheit und das passive Gesehen-Werden der Frau zuordnen. Damit wird die Frau bereits als Gesehene zum Bild, in Vorurteilen eingefroren.
Diese Sehweise veränderte sich erst zaghaft, als verschiedenste Künstlerinnen in der Folge der 68er Jahre begannen, ihren weiblichen Körper, ihre weibliche Sexualität, zum Thema ihrer Kunst zu machen. Damals wurde dies als Protestaktion, als radikaler Ich-Schrei der Frauen gegen die Männer interpretiert. Dabei setzte der «weibliche Blick» ein «weibliches Ich» und damit verbunden eine Identifikation mit dem eigenen Geschlecht voraus. Damit stand die weibliche Herangehensweise auch von vornherein in starkem Kontrast zur männlichen, die ihre Geschlechtlichkeit lange Zeit als Projektion auf das Weibliche zum Ausdruck brachte.
Der «weibliche Blick», der «weibliche Zugang» hat das Feld der künstlerischen Möglichkeiten enorm erweitert, wobei noch immer viele Künstlerinnen ihre Sinnlichkeit, ihre erotischen Gefühle primär über den nackten weiblichen Körper zum Ausdruck bringen. Neue Materialien fanden – als Gegentendenz zu den traditionellen Möglichkeiten – Verwendung, wie etwa weibliche Schamhaare in den textilen Arbeiten von Verena Brunner oder vulkanisierter Naturlatex wie in «Fillette» (1968/1999) von Louise Bourgeois. Auch die Themen sind vielfältiger geworden. Neben Identität und Ausgrenzung spielen sexuelle Gewalt, weibliches Begehren, Schmerz sowie eigene Schönheits- und Lebensentwürfe eine Rolle. Einige Künstlerinnen erklärten ihren eigenen Körper sogar zum Bildinhalt wie etwa Orlan, Hannah Wilke oder Nancy Fried. Die Zeichnung als ein Medium, in dem sich Nähe und sinnliche Befindlichkeit besonders gut ausdrücken lässt, erlebte ein Revival. So setzte u.a. Marlene Dumas mit ihren verschwommenen Aquarellen einen bewussten und fast hautähnlichen Gegenpol zum «voyeuristischen» Medien-Bild. Und im Bereich der bewegten Bilder war Pipilotti Rist eine der Ersten, die das Bilder produzierende Auge in ihren Videos entlarvt und uns über das vorgefasste Sehen hinaus den Weg zum lustvollen Schauen ebnet.

* Janine Schmutz ist Kunstvermittlerin der Fondation Beyeler

Eine erotische Begegnung

EROS – in der Kunst der Moderne
08.10.2006 – 18.02.2007 | Fondation Beyeler

Rebecca Horn in der Ausstellung „EROS in der Kunst der Moderne“

Von Philippe Büttner*

Wer die Ausstellung «EROS in der Kunst der Moderne» besucht, fühlt sich versucht, folgendes Fazit zu ziehen: Künstler stellen, wenn sie Erotisches schaffen wollen, mit Vorliebe Akte dar – also nackte, in der Regel weibliche Körper. Künstlerinnen hingegen schaffen es oft auch ohne die Darstellung von Körpern, Erotisches zu evozieren und ihm Form zu geben. An Künstlern seien hier stellvertretend Edouard Manet, Pablo Picasso, Ernst Ludwig Kirchner, aber auch Tom Wesselmann oder Francis Bacon genannt. Und was die Künstlerinnen anbelangt, so sei auf Grössen wie Meret Oppenheim, Louise Bourgeois, Rebecca Horn und Pipilotti Rist verwiesen. Sie alle haben gezeigt, dass es der Darstellung von nackten menschlichen Körpern nicht bedarf, um Erotisches zu zelebrieren.
Wenn man genauer hinsieht, wird natürlich sofort klar, dass unsere Verallgemeinerung betreffend Künstler und Künstlerinnen nur begrenzt gelten kann. Zum einen gibt es unter den Künstlern der Moderne bedeutende Erotiker, die zum Erotisieren den nackten Körper, den Akt, durchaus nicht brauchten. Man denke nur an den ironischen Erotiker Marcel Duchamp. Und umgekehrt gibt es natürlich auch grosse Künstlerinnen, die mit Verve das Erotische noch heute am täglich neuen Motiv des Aktes weiter thematisieren – etwa Marlene Dumas.
Sind diese Einschränkungen aber erst einmal gemacht, so leistet die oben genannte Formel dennoch ganz gute Dienste: Erotische Kunst von Frauen – um uns im Folgenden auf sie zu beschränken – ist demnach oft völlig unabhängig von der Darstellung des menschlichen Körpers. Und wie die Ausstellung zeigt, entwickelt sie dabei enorm viel physische, somatische, haptische, sinnliche, elektrisierende Präsenz. Bleibt die Frage, ob sie es tut, obwohl sie auf den Körper verzichten kann – oder gerade deswegen?
Machen wir die Probe aufs Exempel anhand zweier raumbezogener Werke von Rebecca Horn, die in der Ausstellung vertreten sind. Das erste heisst «Kuss des Rhinozeros» und stammt aus dem Jahr 1989. Es handelt sich dabei um eine monumentale Installation, die für sich einen ganzen Raum zu füllen und zu beleben vermag. Wir sehen eine Konstruktion aus Metallstangen, die unten an eine Mechanik angeschlossen sind und oben in je einem Nashorn-Horn enden. Die Metallstangen sind so gebogen, dass sie, wenn die Mechanik sie langsam in die entsprechende Position gebracht hat, zusammen einen riesigen Kreis bilden. Wenn dies der Fall ist, treffen oben auch die beiden Hörner im «Kuss» aufeinander. Aber nicht nur das. Denn zusätzlich sieht man dann wie sich ein kleiner Stab, der sich unter dem einen Horn befindet, bei der Begegnung mit der andere Seite in eine dort dafür vorgesehene Öffnung versenkt. Und wenn diese Situation der Kopulation des Apparates eintritt, bilden sich oberhalb der beiden Hörner drei Mal Funken. Ein kleines Gewitter der Liebe entlädt sich hier also, bis die beiden Hörner wieder auseinander gehen.
Das Besondere an diesem Werk ist also, dass es nicht auf die obsessive Wiederholung seines mechanischen Ablaufs beschränkt bleibt, sondern darüber hinaus immer wieder von Neuem die Geschichte einer erotischen Begegnung erzählt. Das Maschinelle verweist also nicht auf sich selbst. Aber es meint auch nicht – und das ist entscheidend – einfach einen beliebigen Schnappschuss aus dem Buch der Liebe. Vielmehr gelingt es der Künstlerin, am Schicksal dieser Maschine dauerhaft etwas zu inszenieren, was auf spielerische und berührende Weise auf etwas Allgemeines von Eros zielt. Etwas, das also auch uns meint. Genauso wie das Nashorn. Oder irgendein anderes Wesen. Mit der Pointe, dass die beiden liebenden Elemente nicht a priori zwei sind, sondern eigentlich zwei Teile des selben grossen Ganzen, dessen Sinn darin liegt, dass sie sich finden.
Was nun aber den Verzicht auf die Darstellung des menschlichen Körpers angeht, so ermöglicht es gerade dieser, die erwähnte Allgemeingültigkeit überhaupt zu erreichen. Denn auch wenn der Apparat in seinem schwankenden Gang selber vom Zufälligen berührt und eines Tages nicht mehr funktionieren wird, so ist er hier doch beständiger, als Körper es sein könnten. So vermag er über das Einzelschicksal hinaus das zugrunde liegende Gesetz des Eros zu offenbaren. Sobald hingegen ein einzelner Mensch mit seinem vergänglichen Körper ins Spiel käme, würde sich die Situation ändern.
Genau dies thematisiert u.a. die zweite monumentale Arbeit von Rebecca Horn in der Ausstellung: Sie heisst «Bett der Liebhaber» und stammt aus dem Jahr 1990. Wir sehen ein grosses Metallbett. Es ist leer, nicht einmal eine Matratze liegt darauf. Dafür sind an verschiedenen Orten auf dem Bettgestell wunderschöne blaue Schmetterlinge zu sehen, die auf einmal anfangen, ihre Flügel zu bewegen. Die Wirkung ist verblüffend: Das alte Metallbett, in etwas abgetakeltem Beige gestrichen – und dann der schimmernde Zauber der gaukelnden Flügel. Wofür stehen sie? Während die Absenz des Körpers, das Fehlen sogar der Matratze für ein lange verwaistes Bett stehen mag, verweisen die Schmetterlinge auf die traumartige Präsenz des Zaubers sogar noch im Mangel, in der Leere. Präziser stehen die Schmetterlinge hier für die erotische Liebe. «Schmetterlinge im Bauch haben» heisst verliebt sein. Wessen Liebe ist hier dargestellt?
Ein zweites Element dieser Arbeit bringt dazu eine Erklärung – und genau hier kommt bezeichnenderweise auch bei Rebecca Horn der menschliche Körper ins Spiel: Es handelt sich um eine kurze Sequenz aus Rebecca Horns 1998 entstandenem Film «Buster’s Bedroom», die neben dem Bett an der Wand zu sehen ist. Es geht dabei um eine alte Frau, Serafina, die sich in einem Irrenhaus befindet und von Schmetterlingen umflogen wird, die sie an ihre verstorbenen Liebhaber erinnern. Am Ende der Sequenz spiesst der behandelnde Arzt, dem das Drama der Erinnerung auf die Nerven zu gehen scheint, eines der Tiere kurzerhand mit seiner Nadel auf. Diese an konkrete Darsteller (Valentina Cortese und Donald Sutherland) gebundene Sequenz wird in der eigentlichen Installation mit dem Bett also in einen anderen zeitlichen Moment überführt. Alles Zufällige, Vergängliche ist dort verschwunden. Die alte Frau ist weg und die Maschinerie zelebriert in einem Ballett der Erinnerung allein die Seelen der verstorbenen Liebhaber, die als Schmetterlinge das leere Bett umgaukeln.
Ohne Darstellung des menschlichen Körpers ist der Eros bei Rebecca Horn also stärker der grossen Geste jenseits des Alltäglichen zugewandt und vermag in der erinnernden Obsession der Mechanik seinen niemals endenden Zauber besonders eindrucksvoll ins Bild zu rücken. Zielen auch andere Werke von Künstlerinnen in der Ausstellung in dieser Weise besonders stark auf das Grundlegende an Eros? Ein Besuch in der Fondation Beyeler mag darüber Klarheit verschaffen.

* Philippe Büttner ist Kurator der Fondation Beyeler

Von den Wandlungen des Eros

EROS – in der Kunst der Moderne
08.10.2006 – 18.02.2007 | Fondation Beyeler

Der zweite Teil des «EROS»-Projekts in der Fondation Beyeler zeigt «EROS in der Kunst der Moderne»

Von Ulf Küster*

Nach der erfolgreichen ersten Ausstellung zum Thema «EROS», die sich den beiden Giganten Rodin und Picasso und ihren erotischen Obsessionen zu nähern versuchte, folgt nun der umfassende Überblick über «EROS in der Kunst der Moderne». Das bedeutet nicht nur mehr Künstler, eine grössere Varietät der Darstellungen und mehr Möglichkeiten der Herangehensweise an das schwierige Thema Eros. Dieses Mal sind auch mehr und unterschiedliche Techniken zu sehen: Neben Zeichnungen, Gemälden und Plastiken werden auch Videos und Rauminstallationen ausgestellt. Gleich geblieben ist unsere Absicht, unserem Publikum nicht nur aufregende Kunst in unterschiedlicher erotischer Deutlichkeit zu präsentieren, sondern auch zu versuchen, die vielleicht wichtigsten Fragen, die unser Projekt aufwirft, zu beantworten: Warum ist das Thema Eros für Künstler so faszinierend, warum ist gerade dieses Thema einer der Hauptantriebe für die Kunst schlechthin? Anders gefragt: Warum versuchen Künstler ständig, etwas darzustellen, was doch eigentlich gar nicht möglich ist, etwas, das jeder Mensch anders erlebt?
Anhand dreier Beispiele seien hier verschiedene Sichtweisen, verschiedene Verarbeitungsweisen des Themas vorgestellt, wobei zeitlich ein Bogen geschlagen wird vom Anfang des 20. Jahrhunderts über ein Werk des Surrealismus aus den 40er Jahren bis zu einer Arbeit zeitgenössischer Kunst. Natürlich kann nur der Besuch der Ausstellung selbst und die Auseinandersetzung mit den dort präsentierten Werken einen annähernd ausreichenden Überblick über die vielen Möglichkeiten von Eros inspirierter Kunst geben.
Eines der frühen Meisterwerke in der Ausstellung ist Pierre Bonnards Gemälde eines Paares «L’Homme et la Femme» aus dem Jahr 1900, ausgeliehen vom Musée d’Orsay in Paris. Bonnard, oft unterschätzt und erst kürzlich wieder durch eine Retrospektive im Musée l’Art moderne de la Ville de Paris gefeiert, war nicht nur ein grossartiger Kolorist, sondern auch ein Meister der Darstellung von psychologischen Nuancen. Zu sehen ist eine eigentlich unspektakuläre Situation: Ein Mann und eine Frau, sie ist nackt und hockt auf einem Bett, vor sich hin starrend, er steht neben ihr und ist fast ganz entkleidet; offenbar streift er gerade noch sein Hemd ab. Sein Gesichtsausdruck ist indifferent, aber eher ernst als fröhlich. Beide sind durch eine Art Paravent voneinander getrennt, und doch sind sie auf dem Bild zusammen als Paar zu erkennen. Soll dies eine Bordellszene sein? Ist das der Blick in ein «normales» Schlafzimmer? Das ist nicht entscheidend; aber es drängt sich der Eindruck der Fremdheit auf, die zwischen dem Mann und der Frau herrscht. Sollte es Bonnard hier gelungen sein, in einem Bild das Gefühl der plötzlichen Scham vor des anderen Nacktheit zu zeigen, das so präsent sein kann, wenn man das erste Mal mit einem geliebten und begehrten Partner intim wird? Und ist nicht gerade diese Situation, diese Mischung aus Erwartung – vielleicht sollte man sogar sagen: existenzieller Sorge – nicht zu Eros gehörig?
Ganz anders Max Ernsts wunderbares Gemälde «Napoleon in the Wilderness», das während des zweiten Weltkrieges entstanden ist und sicherlich auch als politisches Statement gegen Diktatur, gegen Hitler, gelesen werden kann. Ernst hat hier einerseits in seinem «Dschungelstil» die aus ineinander verlaufenden Farbschlieren komponierten, algenartig grünen Figuren gemalt, aus deren einer sich offenbar eine schöne nackte Frau schält, die eine Art pflanzliches Saxofon zu spielen scheint. Andererseits sieht man eine Zone konventioneller Malerei: den blauen Himmel, der die Illusion von Weite und Raum erzeugt. Die Figur links erinnert in ihrer Haltung an populäre Darstellungen von Napoleon. Sie zeigt gewissermassen den von Moos und Algen schon ganz überwachsenen Kaiser, der sich offenbar verirrt hat. In «the Wilderness» hat nämlich ein Napoleon nichts zu suchen. Sollte er von der schönen Frau als einer Art Hexe Lorelei in den Dschungel gelockt worden sein, aus dem er nie mehr wieder herausfinden wird? Oder ist die Schöne Sinnbild des alle Diktatoren überlebenden und ad absurdum führenden weiblich-menschlichen Prinzips?
Das dritte Werk, das hier stellvertretend für die ganze «EROS»-Ausstellung vorgestellt werden soll, ist die Arbeit eines Zeitgenossen, Jeff Koons’ «Woman in Tub». Koons, bekannt durch mancherlei Skandale, die er geschickt für sich zu nutzen wusste, ist ein Virtuose darin, sein Publikum auf falsche Fährten zu locken. Die Verwendung von Allerweltsmaterialien, in diesem Falle von Porzellan, das freie Jonglieren mit Kitsch, mit Allerweltsbildern und -gefühlen machen ihn zu einem der bedeutendsten Künstler der Post-Popart. Was ist zu sehen? Eine nackte Frau, die im Schneidersitz in einer Badewanne hockt. Mit beiden Händen hält sie ihre fülligen Brüste, und zwar so, dass ihre Brustwarzen gerade zwischen ihren Fingern erscheinen. Unterhalb des Bauchnabels scheint Wasser zu brodeln, wie in einem Jacuzzi-Bad. Ihr Gesicht und ihr Kopf sind oberhalb des geöffneten, rot geschminkten Mundes abgeschnitten. Sie scheint keine Personalität zu haben. Ist sie hier also zu einem Objekt reduziert? Oder geht es grundsätzlich um die Darstellung von Emotion – ist sie erschreckt oder sexuell erregt von dem, was da unter ihr brodelt? Was das ist, ist freilich nicht genau zu erkennen. Jedem Betrachter bleibt eine eigene Interpretation überlassen, wie jeder Besucher unseres Überblicks über «EROS in der Kunst der Moderne» seine eigenen Schlüsse ziehen kann und soll. Eros bewegt uns alle; Eros regt uns alle an, und das Phänomen Eros bleibt das Agens der Welt und damit auch der Kunst.

* Ulf Küster ist Kurator der Fondation Beyeler

Die Poetik des technischen Objekts

Jean Prouvé – Die Poetik des technischen Objekts
23.09.2006 – 28.01.2007 | Vitra Design Museum, Weil am Rhein/D

Das Vitra Design Museum zeigt die erste umfassende und systematische Ausstellung zu Möbeln und Architektur von Jean Prouvé

Jean Prouvé, Sessel für die Cité universitaire, Nancy, 1931-1932
Jean Prouvé, Sessel für die Cité universitaire, Nancy, 1931-1932
Jean Prouvé vermag uns zu inspirieren als jemand, der Kreativität, Unternehmertum und Arbeitsethik mit grossem Erfolg zu verbinden wusste. In seinem Œuvre verknüpfte er Handwerk mit Industrie und Design mit Architektur, und mit jedem Schritt trug er die Summe seiner Erfahrungen weiter – als Kunstschmied des Art déco, als Fabrikant und Konstrukteur von Möbeln und Architektur und schließlich als hochgeschätzter Lehrer. Dabei suchte er nie nach der eigenen Handschrift, sondern immer nach logischen Antworten auf die gewünschten Funktionen und die verfügbaren Mittel. Gerade daraus erklärt sich der authentische, unverwechselbare Ausdruck seiner Arbeiten.
Prouvé wird heute als einer der innovativsten Konstrukteure in Architektur und Möbelbau des 20. Jahrhunderts geschätzt. Demontierbare Leichtbauten – von kleinen Baracken bis zu grossen Hallen – multifunktionale Fassadensysteme sowie verstell- oder zerlegbare, extrem solide Möbel entwickelte er konsequent aus seinen produktionstechnischen Kenntnissen heraus. Mit der wachsenden Technikbegeisterung der letzten Jahre traten Prouvés einflussreiche Erfindungen von Gebäudekonstruktionen und die schlichten industriellen Funktionsmöbeln erneut ins Bewusstsein und erlebten hohe Wertsteigerungen.
Diese erste umfassende und systematische Wanderausstellung zu Möbeln und Architektur, die Jean Prouvé (1901-1984) von 1924 bis Mitte der 1970er Jahre schuf, folgt in ihrem Konzept Prouvés eigenen Ideen. Gastkurator Prof. Bruno Reichlin stützt sich dabei auf die berühmten Kurse, die Prouvé von 1957 bis 1970 am Pariser CNAM (Conservatoire National des Arts et Métiers) abhielt. Gezeigt werden die wichtigsten Originalmöbel, viele originale Architekturelemente (darunter ein wieder aufgebautes «Maison de Sinistrés») sowie zahlreiche Architekturmodelle, Photographien und Originalzeichnungen zu Architektur und Möbeln.
Die meisten Ausstellungsstücke stammen aus den Beständen des Vitra Design Museums. Wichtige Leihgaben wurden außerdem von den Pariser Galeristen Philippe Jousse und Patrick Seguin, den Archives Départementales de Meurthe et Moselle in Nancy sowie der Familie Prouvé beigesteuert.

Kunstgenuss im Overall

Kunstgenuss im Overall
23.09. – 31.12.2006 | Museum Tinguely Basel

Die Förderung von zeitgenössischer Architektur, Kunst und Musik bei Roche als Thema zweier Ausstellungen im Museum Tinguely Von Heinz Stahlhut

Von Heinz Stahlhut*

Kunstsammlungen von Firmen haben in der letzten Zeit nicht nur gute Presse: So war jüngst zu lesen, dass für manche Firmen solche Sammlungen offenbar weniger kulturelles Engagement sind als vielmehr probates Mittel zur Wertschöpfung; indem sie massenhaft Werke junger, unbekannter Künstler kaufen, treiben sie die Preise hoch, nur um sie dann zur schönsten Hausse mit sattem Gewinn wieder zu verkaufen.
Das Healthcare Unternehmen Roche pflegt eine andere Politik: Sein Bestand an Kunstwerken, der laufend ergänzt und professionell betreut wird, dient nicht Repräsentation und Prestige, sondern trägt im Sinne der Mäzenatentätigkeit der Gründerfamilie – und hier besonders derjenigen Maja Sachers (1896–1989) – mit dazu bei, ein Innovation förderndes Umfeld zu schaffen. Dies verwundert nicht, besteht doch nach Hans Ulrich Reck die «besondere Qualität künstlerischer Arbeit […] im Anstoss der Wahrnehmung von Handlungen, deren naturwüchsige Abläufe durch Irritation und Sperrigkeit unterbrochen werden; damit verwandelt sich die Vorgabe der Reflexion in einer poetische Erfahrung, eine Bereicherung spielerisch erprobten Handlungsbewusstseins.»
Neben der Eigenschaft als Auftraggeber von zeitgenössischer Architektur, wofür in der Ausstellung «Eine begehbare Monographie» beispielhaft der qualitätvolle Bau 21 nach Plänen des Architekten Otto Rudolf Salvisberg (1882–1940) steht, beleuchtet die Schau «Kunstgenuss im Overall» die Förderung zeitgenössischer Kunst und Kultur durch Roche. Sie setzt ein mit der 1969 erfolgten Installation der eigens für diesen Zweck geschaffenen Werke von zeitgenössischen Künstlern wie Wolf Barth, Carl Bucher, Samuel Buri, Pierre Haubensack, Rolf Iseli, Bernhard Lüthi und Willi Müller-Brittnau in der mechanischen Werkstatt. Ziel dieser Aktion war es, die Begegnung zwischen Arbeitern, die selten Zugang zu zeitgenössischer Kunstproduktion hatten, und jungen Künstlern zu ermöglichen. Mit Werkgruppen von Künstlern und Künstlerinnen wie Markus Gadient, Serge Hasenböhler oder Franziska Furter aus der Roche Kunstsammlung zeigt sich in der Schau, dass deren Schaffen in vielen Fällen über mehrere Jahre hinweg verfolgt wird.Eine ebenso grosse Bedeutung hat daneben die Förderung zeitgenössischer Musik im Rahmen der «Roche Commissions» – Kompositionsaufträge an Komponisten wie Sir Harrison Birtwistle 2004, Chen Yi 2005 und Hanspeter Kyburz 2006 – und «Roche ’n’ Jazz» – der monatlich stattfindenden Jamsession mit internationaler Besetzung im Museum Tinguely.
Das Museum Tinguely schliesslich, das als Kulturengagement von Roche eine konsequente Sammlungs- und Ausstellungspolitik betreibt, fühlt sich dieser Maxime ebenso verpflichtet: Ein breites Angebot von Ausstellungen, regelmässigen Führungen und Veranstaltungen macht mit einem weiten Themenspektrum vertraut, das von den Maschinenplastiken des Schweizer Kinetikers über das Schaffen seiner Vorbilder und Künstlerfreunde bis zur Malerei australischer Aborigines oder den unkonventionellen Kompositionen Edgard Varèses reicht.

* Heinz Stahlhut ist Kurator der Ausstellung «Kunstgenuss im Overall»

Picasso – der Künstler als Voyeur – Créateur

EROS – Rodin und Picasso
06.08. – 07.10.2006
Fondation Beyeler, Riehen

Es ist immer wieder faszinierend, späte Werke der beiden grossen Künstlergiganten des 20. Jahrhunderts Henri Matisse und Pablo Picasso in der Fondation Beyeler zu betrachten. Beide stehen diesen Sommer im Mittelpunkt von Ausstellungen, einerseits in der Matisse-Schau, andererseits im Rodin und Picasso gewidmeten ersten Teil des von Ernst Beyeler initiierten grossen «Eros»-Projektes.

Von Ulf Küster*

Im Bewusstsein, dass ihnen in ihren späten Jahren nur noch wenig Zeit zur Verfügung stehen würde, aber auch im Wissen darum, schon zu Lebzeiten zu Legenden geworden zu sein, zogen Henri Matisse und Pablo Picasso künstlerisch die Summen ihres Lebens. Während Matisse die ihm gemässe Ausdrucksform in seinen radikal abstrahierenden Scherenschnitten fand, entwickelte Picasso in seiner Spätzeit eine unerhört expressive, gestische Malerei. Fast jeden Tag entstand ein grosses Bild oder eine Radierung; es ist möglich, seine Kunst wie eine Art Tagebuch zu lesen. Man sieht den Rhythmus seiner Malbewegungen in seinen Bildern und seine grosse Fähigkeit, jedem Pinselstrich einen Atem raubend treffenden Ausdruck zu geben. Kurz vor seinem 88. Geburtstag malte er am 24. Oktober 1969 das Bild «Le baiser», der Kuss, das eines der Hauptwerke in der Ausstellung «EROS – Rodin und Picasso» ist.
Die Auseinandersetzung mit allen Formen und Spielarten des Eros, mit Liebe, Leidenschaft und Lust, mit Begehren und Vereinigung, ist eines der wichtigsten Themen der Kunst bis in unsere Zeit. Ein Kunstwerk, das Eros zeigt, ist dabei grundsätzlich unter zwei Gesichtspunkten zu betrachten: Zum einen geht es um den Reiz der Darstellung einer erotischen Szene. Zum anderen soll gezeigt werden, dass nicht nur die Bilder erotisch sind, sondern dass auch die Kunst im Eros ihren Ursprung hat. In diesem Sinne ist Picassos Meisterwerk beispielhaft. Zwei Köpfe sind dargestellt, die wie zwei Teile in einem Puzzlespiel miteinander verbunden sind, auch wenn der Eindruck entsteht, einer der Köpfe, der Kopf der Frau unten, der Kopf des zottelig bärtigen Mannes oben, schiebe sich jeweils in den Vordergrund, als würden sie sich wechselseitig überlagern.

Auguste Rodin, Iris, messagère des Dieux, um 1890/91
Auguste Rodin, Iris, messagère
des Dieux, um 1890/91

Mann und Frau sind gleichzeitig im Profil wie en face zu sehen. Die Gesichtszüge sind summarisch angedeutet und in jenem zeichnerisch-malerischen Spätstil Picassos geschaffen, der ebenso rüde wie einfühlsam, ebenso grob wie zärtlich ist. Die Nasen, zu einer Acht verdrehte Schleifen, sind geschlossene Formen. Sie kontrastieren mit den beiden offenen Mündern im Moment des Aufeinandertreffens; noch sind die Unterlippen voneinander entfernt, noch befindet sich die Zunge nur im Mund des Mannes, dessen Augen weit aufgerissen sind. Mit beinahe stechend unbedingtem Blick fixieren sie Frau und Betrachter. Ganz anders das Gesicht der Frau: Ihr Blick, mit den die Augen fast ganz ausfüllenden Pupillen, scheint nach innen gerichtet zu sein. Ihre Züge sind verschattet, ihre zusammengewachsenen Augenbrauen werden durch eine senkrechte Stirnfalte akzentuiert. Das Paar strahlt nicht ein Gefühl von Glück aus; etwas Tragisches bestimmt die Szene. Die fahlgrauen Farben der Gesichter verstärken diesen Eindruck.

Picasso hat hier in grossartiger Weise die Essenz von Eros zu einem Bild gemacht. Aus dem Höhepunkt des Eros, dem Moment der Vereinigung, entsteht Leben, und dieses bedingt den Tod. Der Kuss des Eros ist der Kuss des Lebens, aber auch ein Todeskuss. Picasso hat sich aber nicht nur auf die existentielle Dimension von Eros beschränkt. Die von hellem Braun ins Dunkel changierende Fläche, aus der der Kopf des Mannes herauszuwachsen scheint, wird durch zwei spitz aufeinander zulaufende Linien bestimmt, die durch die Zeichnung eines Auges miteinander verbunden sind. Handelt es sich hier um das durch einen Vorhangspalt spähende Auge eines Voyeurs oder ist dies eine Anspielung auf das alte Auges-Gottes-Motiv? Picasso hatte sich in dieser Zeit in einer Folge von Radierungen am Beispiel des Frauenbeobachters Edgar Degas intensiv mit dem Thema «Künstler als Voyeur» auseinander gesetzt. Ein Künstler bleibt aber nie nur Voyeur; er ist immer auch «Créateur», und damit ist er dem Gott ähnlich, der Mann und Frau «zu seinem Bilde schuf», wie es in der Bibel heisst. Die Voraussetzung für die Erschaffung des Menschen war so gesehen ein Bild, nämlich das Bild, das der «Ur-Künstler» von sich selbst hatte. Am Anfang steht also der Künstler, ein «Voyeur – Créateur», dessen Werk mit dem existenziellen Eros untrennbar verbunden ist. Ist die Hand, auf dem der Kopf der Frau liegt, die Hand des sie küssenden Mannes, oder ist sie etwa die Hand des beobachtenden und erschaffenden Auges?

Auguste Rodin – EROS als Mythos und kreatives Prinzip

EROS – Rodin und Picasso
06.08. – 07.10.2006 | Fondation Beyeler
Die Fondation Beyeler zeigt von August 2006 bis Februar 2007 eine aussergewöhnliche Ausstellung in zwei Teilen, in deren Mittelpunkt der Begriff EROS steht. Der erste Teil dauert bis zum 07.10.2006 und präsentiert eine Begegnung von Werken zweier grosser «Erotiker» der Kunst des späten 19. und des 20. Jahrhunderts: Auguste Rodin und Pablo Picasso. Der zweite Teil präsentiert ab 08.10.2006 im Überblick zentrale Aspekte der Thematik für den ganzen Zeitraum der Moderne.

Von Philippe Büttner*

Eros … mit Sicherheit ein Urthema der Kunst! Und seit der Antike eines, das eng mit dem Bereich des Mythologischen verbunden war. Dies gilt in starkem Masse auch noch für Auguste Rodin und Pablo Picasso. Doch zuvor hatten drei grosse Maler das Erotische erstmal aus der allzu wortreichen klassischen Verbindung mit dem Mythologischen lösen müssen: Um 1800 malte Goya seine berühmte «Maja Desnuda», keine Venus, sondern eine schöne, nackte, junge Frau, der freilich – zwecks Tarnung für den Besitzer – manchmal die bekleidete, wenn auch noch immer sehr erotische «Maja Vestida» vorgeblendet werden musste. Anders als in Renaissance und Barock bedurfte es nun in der Tat keines Mythos mehr, um das Erotische zum Thema monumentaler Kunst zu machen. Vollends unterminiert werden die alten Ideale einer mythologisch gestützten Erotik 1863, als Manet in seiner Olympia eine gelangweilte Prostituierte in die hehre Position der liegenden Venus schlüpfen liess. Und dann kam drei Jahre später noch ein weiterer Revolutionär, Courbet, und malte jenes ominöse Bild, das der Direktor des Musée d’Orsay in Paris, will er keine Scherereien, noch heute nicht an allzu prominenter Stelle seines Museums hängen darf. Gemeint ist «L’origine du monde» (Der Ursprung der Welt) von 1866, ein kleines Gemälde, in dem der Maler unseren Blick zwischen die geöffneten Schenkel einer liegenden nackten Frau zoomt, die auf die Teile ihres Körpers zwischen Knie und Brüsten fragmentiert ist. Courbet stellt das Erotische hier also mit Mitteln dar, die aus dem Bild der liegenden Frau eine Art Unterleibsporträt machen – und somit mittels einer Reduktion, die einer rein pornografischen Instrumentalisierung gefährlich nahe kommt. Wenn letztlich aber auch dieses extreme Bild als erotisches Kunstwerk durchgehen mag – und nicht als blosse pornografische Darstellung – so deshalb, weil darin noch immer das Interesse des Künstlers an dem spürbar bleibt, was ein Kunstwerk vermag.
Wie auch immer, so sieht jedenfalls die Bühne aus, die Rodin betritt. Die Ausstellung «EROS – Rodin und Picasso» zeigt von ihm, neben plastischen Werken, eine bedeutende Gruppe jener für die damalige Zeit provokativ erotischen Aquarelle, die noch heute eine einzigartige Wirkung entfalten. Vom kruden Courbet aus gesehen wirken Rodins Erotika freilich beinahe pantheistisch. Ein flutender Reigen von Körpern, Schössen, hingehauchten Liebesbegegnungen, verführerischen Posen, gewiss, aber zugleich bis oben gefüllt mit der wunderbaren Utopie der Beseeltheit des Körpers. Oder anders gesagt: Bei Rodin gibt es gar keine Erotika. Es gibt allein – und man könnte dies in gewisser Weise auch von Picasso sagen – seinen grundsätzlich erotischen Zugang zur Darstellung des Menschen. Rodin war ein Prometheus. Er begriff den menschlichen Körper als ein Stück Urmasse, das er in einer Art frühmodernem Schöpfungsfuror auf der einen Seite nach Belieben fragmentierte, auf der anderen aber in erotischer Weise aus der plastischen Masse heraus neu konfigurierte und lesbar machte. Wobei gerade im Hinblick auf das Fragmentieren bei Rodin zu sagen ist, dass dies in keinster Weise mit dem pornografisch anmutenden Herauszoomen des Geschlechts bei Courbet zu tun hat. Rodin fragmentiert nicht, weil er zynisch nur den Teil zeigt, der eben gerade besonders interessiert, sondern weil er im Teil das Ganze besser zu zeigen vermag.
Das ist das grossartige Drama, das sich in «Iris», einem erotischen Hauptwerk der Fondation Beyeler, ausdrückt. Ursprünglich einem geplanten Monument für Victor Hugo zugedacht, wurde die Figur von Rodin konzeptuell aus ihrem Kontext gelöst und wird nun – ohne Kopf, mit nur einem Arm – in fragmentierter Ganzheit vor uns aufgeklappt. Die Götterbotin! Die sich in einer Art ekstatischen Turnerei gerade loszuschnellen scheint, eine Botschaft zu übermitteln. – Was im Übrigen aber nicht heisst, dass wir uns hier wieder im Banne einer mythologischen Inhaltlichkeit der Zeit vor Goya und Manet befänden. Rodins erotische Mythologie meint etwas zuvor noch nicht Dargestelltes: jenen Urmoment der Schöpfung – tatsächlich «l’origine du monde» –, in dem Kreatur und Kunstwerk eins werden können. Im Unterschied zum Bild von Courbet ist dabei das Erotische – in diesem Fall die sexuelle Ausstrahlung des Körpers, des zur Schau gestellten Geschlechts von «Iris» – nicht aggressives Ziel der Darstellung, sondern ihr ganz selbstverständliches Zentrum.
Was Rodins erotische Aquarelle anbelangt, so entstanden sie vornehmlich ab 1890, also in den späteren Jahren seines Lebens. Zu Hunderten und Aberhunderten fertigte der Künstler diese Blätter an. Oft hatte er mehrere Modelle gleichzeitig anwesend, die er sich möglichst natürlich bewegen liess, und versuchte, in blitzartigem Strich besondere Positionen der Körper festzuhalten, die schon Rilke faszinierten. Der Dichter entdeckte darin «… alle Unmittelbarkeit, Wucht und Wärme eines geradezu animalischen Lebens», womit er natürlich nicht zuletzt die besondere erotische Dimension dieser Arbeiten meinte. In der Tat nehmen die dargestellten Modelle nicht selten – ob mit weit gespreizten Beinen oder dem Künstler demonstrativ entgegen gestreckten Geschlecht – äusserst explizite Körperhaltungen ein. Mit dieser Direktheit der Blätter Schritt halten kann nur ihre enorme künstlerische Dichte. Die hingeworfenen Lineamente, die eine Figur eher zu schaffen scheinen als sie abzubilden, sind von einzigartiger Qualität. Ebenso beeindruckend ist das unverwechselbare Zusammenspiel zwischen den hart gezeichneten Umrissen und der fliessenden Membran der aquarellierten Farbhaut, die sich oft nicht gänzlich dem Diktat der Linien unterwirft.
Rodin selber machte um das Extreme, provokativ Wirkende solcher Werke kein Aufhebens. Allenfalls sagte er, wie Anne-Marie Bonnet zitiert: «… in der Kunst kann es Unsittliches nicht geben, die Kunst ist immer heilig.» Im Übrigen betonte er die besondere Qualität der Lebendigkeit, die diesen schnell entstandenen Blättern eignet und wies auf die besondere Bedeutung der Schönheit hin, die er im weiblichen Körper fand. Was der Künstler in diesen Blättern suchte, ist also jedenfalls nicht einfach nur der erotische Effekt an sich. Vielmehr strebt Rodin hier danach, parallel zu der extremen Zuspitzung des Erotischen zu einer äusseren Formulierung der Möglichkeiten seiner Kunst zu gelangen – um sich so selber immer wieder von Neuem in jenen erotischen Zustand des «Ursprungs der Welt» zu versetzen.

* Philippe Büttner ist Kurator der Fondation Beyeler

Chagall in neuem Licht

Chagall in neuem Licht – Grosse Retrospektive
07.07. – 29.10.2006 | Museum Frieder Burda, Baden-Baden/D

Grosse Retrospektive mit 100 Hauptwerken im Museum Frieder Burda in Baden-Baden

Von Jean-Louis Prat*

Wenn die Welt der Träume und Wunder heute noch fortbesteht, so ist dies zu einem guten Teil Chagall zu verdanken. Seit dem Beginn seiner Laufbahn im frühen 20. Jahrhundert nimmt er einen einzigartigen Platz in der modernen Kunst ein: «Zweifellos hat nie jemand meine Augen derart mit Licht überflutet», schreibt der Dichter Louis Aragon. 100 Hauptwerke von Marc Chagall sind im Museum Frieder Burda ab dem 07. Juli bis zum 29. Oktober zu sehen. Sie werden von bedeutenden internationalen Museen für die Ausstellung als Leihgaben zur Verfügung gestellt: von der Tretjakow-Galerie in Moskau, dem Staatlichen Russischen Museum in
St. Petersburg, dem Centre Pompidou in Paris, den Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, dem Museo Thyssen-Borne
misza in Madrid, dem Musée de Grenoble, dem Musée de Saint-Etienne und von vielen namhaften Privatsammlungen aus der ganzen Welt.
Herausragende Arbeiten wurden exklusiv für Baden-Baden zusammengestellt, um in einem repräsentativen Querschnitt alle Schaffensperioden Chagalls zu beleuchten: die Phase vor und nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland, nach 1922, als er seine Heimat Russland verlässt, um zunächst nach Berlin, dann nach Paris zu gehen, und schliesslich die Zeit bis zu seinem Lebensende, die er in Südfrankreich verbringt.
Das vom weltberühmten Architekten Richard Meier für den Sammler Frieder Burda erbaute Museum lässt die grossformatigen Gemälde der Ausstellung buchstäblich in einem neuen Licht erscheinen. Beim Durchschreiten der Raumfolgen, die immer wieder von reizvollen Ausblicken in die umgebende Parklandschaft durchbrochen werden, kann der aussergewöhnlich lange und fruchtbare Lebensweg Chagalls nachempfunden werden, von Vitebsk, wo er 1887 geboren wird, bis nach Saint-Paul in der Provence, wo er 1985 stirbt.
Dichter Louis Aragon ist nicht der einzige berühmte Schriftsteller, der die Besonderheit von Chagall erkennt. Blaise Cendrars, Guillaume Apollinaire, Paul Eluard, André Malraux – sie alle zeigten sich berührt von seinen Bildern. Darum werden auch kostbare Chagall-Editionen der Toten Seelen von Nikolai Gogol, der Fabeln von Jean de la Fontaine, der Bibel sowie des antiken Liebesromans «Daphnis und Chloe» in Baden-Baden präsentiert.
Das Werk des Grossmeisters der Moderne reflektiert die von Unglücken gezeichnete Kulturgeschichte Europas. Doch stellt er ihr eine universelle Bildsprache voller Grosszügigkeit und Freimütigkeit gegenüber. Dies gilt für die ersten Gemälde, die im russischen Heimatort Vitebsk entstanden, für die Schaffensperioden in Berlin, Paris und New York bis hin zu seinem südfranzösischen Spätwerk. Besonders deutlich wird diese Haltung an dem berühmten Ensemble von acht übergrossen Bildtafeln, geschaffen 1920 für das «Theatre Juif» in Moskau, die als äusserst seltene Leihgabe aus der Moskauer Tretjakow-Galerie nach Baden-Baden kommen. Darunter ein zentrales Bild mit den Massen drei auf acht Meter. Chagall verführt die Betrachter seiner Bilder in eine magische Welt voller Fabelgestalten. Sein poetisches Universum schliesst die Mythen der Bibel ebenso ein wie das quirlige Leben der Gaukler und Zirkusmenschen. Seine Farben erscheinen wie reines Licht, das ausstrahlt, um die Botschaft des Malers zu künden. Chagall bleibt der jüdisch-russischen Kultur seiner Herkunft stets treu. Gleichwohl entwickelt er einen neuen poetischen Kosmos, der in seiner märchenhaft erzählerischen Qualität in der neueren Kunstgeschichte unerreicht geblieben ist. Durch diese spirituelle Qualität vermittelt Marc Chagall eine Botschaft der Hoffnung und der Freiheit, die auch für uns Menschen des neuen Jahrtausends aktuell geblieben ist.

Jean-Louis Prat ist Kurator der Ausstellung Chagall. Er ist gleichzeitig Präsident des Komitees Chagall in Paris und war viele Jahre Direktor der Fondation Maeght in St-Paul de Vence.

Niki & Jean, l’Art et l’Amour

Niki & Jean – l’Art et l’Amour
29.08. – 21.01.2007 | Museum Tinguely Basel

Das Museum Tinguely zeigt die erste Würdigung des gemeinsamen Lebens und Schaffens von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle.

Von Andres Pardey*

Als sich Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely 1956 zum ersten Mal trafen, hatten sie völlig andere Lebenswege hinter sich gebracht. Sie war 25 Jahre alt und entstammte einer französischen Adelsfamilie. Zwar war diese ein wenig verarmt, sie konnte es sich aber doch leisten, die Tochter in amerikanische Privatschulen zu schicken und ihr einen angemessenen Start ins Leben zu ermöglichen. Niki war schön und entsprechend begehrt, nicht nur als Fotomodell auf den Titelseiten von Vogue und Life. Ihr erster Mann, Harry Mathews, stammte aus Boston, war Schriftsteller und wollte sich zum Dirigenten ausbilden lassen. Das Paar zog also nach Europa, nach Paris, wo er Musik studierte und sie Schauspielkurse nahm. Jean wurde 1925 in eine Arbeiterfamilie geboren, er absolvierte eine Lehre zum Schaufenster-Dekorateur und zog 1952 mit seiner Frau Eva Aeppli nach Paris, um dort als Künstler zu leben.
Die Wege von Niki und Jean kreuzten sich im Atelier am Impasse Ronsin, wo er mit Eva in äusserst bescheidenen Verhältnissen lebte. Sofort entfaltete sich eine Freundschaft zwischen den zwei Ehepaaren, und 1960 dann entstand die Liebe, die aus zweien der vier Verlassene (die sich allerdings schnell zu trösten verstanden) und aus den anderen Zwei das machte, was nun Gegenstand der Ausstellung im Museum Tinguely ist: Niki & Jean, Bonnie and Clyde in Art, das aufregendste, glamouröseste, schönste Paar der Kunstwelt. Tinguely hatte gerade seine Reliefs und die Zeichenmaschinen hinter sich gelassen, Niki hatte gemalt und Materialreliefs erfunden. Nun waren beide auch künstlerisch bereit für Neues, der Aufbruch war total.
Im Oktober 1960 wurde die Gruppe der Nouveaux Réalistes gegründet, von Pierre Restany, mit Yves Klein, Daniel Spoerri, Arman, César und – natürlich – auch mit Jean Tinguely und später mit Niki de Saint Phalle. Neue Realitäten galt es nun zu schaffen, Jean schuf Schrott­skulpturen, Niki schoss auf Reliefs und verteilte die Farbe mit dem Gewehr. Die Schiessbilder, die „Étude pour une fin du monde“ Nrn 1 und 2, die Theaterproduktionen mit Robert Rauschenberg, John Cage, David Tudor und anderen, sie sprechen von der Lust am Happening, an der Inszenierung, am Ephemeren. Kunst durfte nun auch vergänglich sein, wie das Material, aus dem die Kunst von Niki & Jean entstand, Abfall, Schrott, Plastik, Gips, Papier-Maché. Und mitten in der Inszenierung standen die zwei Hauptfiguren und spielten auf der Bühne der Kunstwelt das Stück, das sie so meisterhaft beherrschten: Das des Künstler-Liebespaares, das von der Schönen und vom Biest in der Kunst.
In atemlosem Tempo folgten bald grosse Ausstellungen, Aktionen und Aufträge: DYLABY, die Ausstellung im Stedelijk-Museum im Amsterdam, in der sechs Künstler eigene Kunstwelten schufen. «HON», die begehbare Frauenskulptur im Moderna Museet in Stockholm. Für den französischen Pavillon an der Weltausstellung in Montreal entstand «Le Paradis fantastique». In Jerusalem baute Niki den «Golem», in Knokke den «Dragon». Es entstanden Filme, das «Crocrodrome» im Centre Pompidou, die «Fontaine Stravinsky» in Paris. Und dann natürlich die zwei Mega-Projekte des Paares: «Le Cyclop», der ab 1969 im Wald von Milly-la-Forêt gebaut wurde, Jeans Riesenkopf, der ein Gesicht von Niki hat, und an dem viele weitere Künstlerfreunde der beiden wie Bernhard Luginbühl oder Daniel Spoerri mitbauten, und dann «Il Giardino dei Tarocchi», Nikis Tarotgarten, bei Garavicchio in der Toskana, wo Jean die Rolle des mittelalterlichen Bauhüttenchefs übernahm und Nikis Figuren ins zehn-, ja fünfzigfache vergrösserte. Zusammenarbeit, Kollaboration hiess auch, sich in den Dienst des anderen zu stellen, hiess, vollständig in die künstlerische Kraft des anderen zu vertrauen und ins technische Geschick. Was sich in den sechziger Jahren so glamourös inszenierte, war eine lebenslange künstlerische Kooperation, die sich durch eine absolute Treue und vollständiges Vertrauen auszeichnete. Oder – wie Jean es in späten Jahren ausdrückte: L‘avantgarde – c‘est la fidélité.

* Andres Pardey ist Kurator des Museum Tinguely